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Justizze. Art. 16 ATSG

Bundesgericht

Versicherte verliert nach Geburt des Kindes 2013 ihren Status als Vollerwerbstätige: Rentenrevision wegen familiär bedingtem Statuswechsel nach Di-Trizio-Urteil unzulässig, aber Wiedererwägung führt zur Halbrente (Art. 16 ATSG)

BGE / ATF / DTF
BGE 144 I 103 · ATF 144 I 103 · DTF 144 I 103
Datum
02.05.2018
Geschäftsnummer
9C_358/2017
Abteilung
II. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 16 ATSG Art. 17 ATSG Art. 53 ATSG Art. 8 EMRK Art. 28 IVG Art. 28a IVG Art. 85 IVV Art. 88bis IVV

Zusammenfassung

Die IV-Stelle Basel-Landschaft hob die ganze Invalidenrente der Versicherten mit Wirkung ab 1. August 2016 auf, weil diese nach der Geburt ihres Sohnes im November 2013 als Teilerwerbstätige mit Aufgabenbereich galt und daher die gemischte Methode zur Invaliditätsbemessung anzuwenden sei. Die Versicherte wandte sich dagegen und berief sich auf das EGMR-Urteil Di Trizio gegen Schweiz, das solche revisionsweisen Rentenkürzungen wegen familiär bedingter Statusänderungen als diskriminierend verurteilt hatte. Das Kantonsgericht Basel-Landschaft hob die Verfügung auf und gewährte eine Dreiviertelsrente, wobei es den Invaliditätsgrad auf Grundlage der Verhältnisse im Jahr 2002 ermittelte. Die IV-Stelle legte Beschwerde beim Bundesgericht ein und beantragte die Wiederherstellung ihrer Verfügung.

Das Bundesgericht stellte fest, dass die IV-Stelle mit ihrer Revision aufgrund der Geburt des Kindes im November 2013 gegen das EGMR-Urteil Di Trizio verstossen hatte, da ein allein familiär bedingter Statuswechsel von Vollerwerbstätiger zu Teilerwerbstätiger mit Aufgabenbereich keine revisionsweise Rentenkürzung rechtfertigt. Gleichwohl war die Vorinstanz fehlerhaft, weil sie bei der Wiedererwägung der ursprünglichen Verfügung vom 12. Mai 2005 nicht auf die Verhältnisse im Zeitpunkt der Verfügung vom 9. Juni 2016 abstellte, sondern fälschlich auf diejenigen aus dem Jahr 2002. Für die Wiedererwägung war daher der Invaliditätsgrad neu auf Grundlage der Verhältnisse bis zum 9. Juni 2016 zu berechnen, wobei die bisherige Bemessungsmethode – der Einkommensvergleich nach Art. 16 ATSG – beizubehalten war. Das Invalideneinkommen wurde auf Fr. 26'422.- festgesetzt, da die Versicherte hypothetisch zu 50 % in körperlich leichten Tätigkeiten erwerbstätig gewesen wäre. Das Valideneinkommen wurde auf mindestens Fr. 53'971.- (IV-Stelle) oder Fr. 61'497.- (Bundesgericht) festgelegt, basierend auf ihrer früheren Tätigkeit als Filialleiterin und der neuesten Lohnstrukturerhebung (LSE 2014). Daraus ergab sich ein Invaliditätsgrad von 51 % bzw. 57 %, der nach Art. 28 Abs. 2 IVG einen Anspruch auf eine halbe Invalidenrente begründet. Die Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG und Art. 85 IVV sowie Art. 88bis Abs. 2 IVV führte somit zur Herabsetzung der ganzen Rente auf eine halbe Rente mit Wirkung ab 1. August 2016. Die Gerichtskosten wurden zu drei Vierteln der IV-Stelle und zu einem Viertel der Versicherten auferlegt (Art. 66 Abs. 1 BGG), die Beschwerdeführerin musste der Beschwerdegegnerin eine Parteientschädigung von Fr. 1'800.- zahlen (Art. 68 Abs. 1 BGG), und die unentgeltliche Rechtspflege wurde bewilligt (Art. 64 Abs. 1 und 4 BGG). Diese Entscheidung verdeutlicht, dass das Di-Trizio-Urteil zwar revisionsweise Rentenkürzungen wegen familiär bedingter Statusänderungen verbietet, aber bei einer Wiedererwägung einer bereits rechtskräftigen Verfügung die korrekte Anwendung der Bemessungsmethode und die richtige zeitliche Bezugnahme zwingend sind.

Regeste

Art. 14 in Verbindung mit Art. 8 EMRK; Art. 17 Abs. 1 und Art. 53 Abs. 2 ATSG; Art. 28a Abs. 3 IVG; gemischte Methode der Invaliditätsbemessung im Rahmen einer Wiedererwägung (Motivsubstitution). Fällt eine revisionsweise Rentenherabsetzung oder -aufhebung nach der Rechtsprechung Di Trizio (vgl. BGE 143 I 50) ausser Betracht und sind die Voraussetzungen für eine wiedererwägungsweise Prüfung der ursprünglichen Rentenzusprache gegeben, darf auch in deren Rahmen der allein familiär bedingte Statuswechsel von "vollerwerbstätig" zu "teilerwerbstätig" (mit Aufgabenbereich) nicht berücksichtigt werden (E. 4.5). Der Invaliditätsgrad ist diesfalls anhand der bisherigen Bemessungsmethode festzusetzen, das heisst mittels Einkommensvergleichs (E. 4.6). Regeste Art. 14 en relation avec l'art. 8 CEDH; art. 17 al. 1 et art. 53 al. 2 LPGA; art. 28a al. 3 LAI; méthode mixte d'évaluation de l'invalidité en cas de reconsidération (substitution de motifs). Lorsque la réduction ou la suppression de la rente sous l'angle de la révision n'entre pas en considération conformément à la jurisprudence Di Trizio (cf. ATF 143 I 50) mais que les conditions relatives à l'examen de la reconsidération de la rente initiale sont réalisées, il n'y a pas lieu non plus dans ce cadre de tenir compte du changement de statut fondé uniquement sur des motifs d'ordre familial de "personne exerçant une activité lucrative à plein temps" à "personne exerçant une activité lucrative à temps partiel" (en consacrant son temps libre à l'accomplissement de travaux habituels) (consid. 4.5). Le degré d'invalidité doit dans ce cas être déterminé en fonction de la méthode d'évaluation utilisée jusque-là, c'est-à-dire au moyen d'une comparaison des revenus (consid. 4.6). Regesto Art. 14 in relazione all'art. 8 CEDU; art. 17 cpv. 1 e art. 53 cpv. 2 LPGA; art. 28a cpv. 3 LAI; metodo misto di valutazione dell'invalidità in caso di riconsiderazione (sostituzione dei motivi). Nel caso in cui, conformemente alla giurisprudenza Di Trizio (cfr. DTF 143 I 50), la riduzione o la soppressione di una rendita nel contesto di una revisione non va considerata ma i presupposti per l'esame di una riconsiderazione della rendita iniziale sono dati, non va comunque tenuto conto in tale ambito del cambiamento dello statuto dovuto solo a motivi di natura familiare da "persona che esercita un'attività lucrativa a tempo pieno" a "persona che esercita un'attività lucrativa a tempo parziale" (consacrando il tempo libero allo svolgimento delle mansioni abituali) (consid. 4.5). Il grado d'invalidità deve essere determinato, in questo caso, conformemente al metodo di valutazione usato fino a quel momento, ossia mediante confronto dei redditi (consid. 4.6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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