Beschwerde gegen Sicherheitshaft im Nachverfahren zur nachträglichen Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme nach Art. 65 Abs. 1 StGB erfolgreich: Keine hinreichende Wahrscheinlichkeit für Massnahmeanordnung, da neue Tatsachen nur Massnahmebedürftigkeit betreffen (Art. 65 Abs. 1 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 IV 38 · ATF 150 IV 38 · DTF 150 IV 38
- Datum
- 20.11.2023
- Geschäftsnummer
- 7B_843/2023
- Abteilung
- I. Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 81 BGG Art. 5 EMRK Art. 59 StGB Art. 65 StGB Art. 222 StPO Art. 224 StPO Art. 226 StPO Art. 227 StPO Art. 364a StPO Art. 364b StPO
Zusammenfassung
Ein wegen einfacher Körperverletzung verurteilter Mann befand sich in Sicherheitshaft, weil die Staatsanwaltschaft die nachträgliche Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme beantragt hatte. Das Kantonsgericht Luzern wies seine Beschwerde dagegen ab. Er gelangte daraufhin ans Bundesgericht und beantragte die Aufhebung des Beschlusses sowie seine sofortige Entlassung aus der Haft. Streitig war, ob die Voraussetzungen für die Anordnung einer Sicherheitshaft im Rahmen des massnahmenrechtlichen Nachverfahrens erfüllt waren, insbesondere ob ernsthaft zu erwarten war, dass eine freiheitsentziehende Sanktion angeordnet würde. Der Beschwerdeführer wandte ein, es fehle an neuen Tatsachen im Sinne der Rechtsprechung, da die psychische Störung bereits vor dem Urteil bekannt gewesen sei, und rügte zudem die Verhältnismässigkeit der Haft.
Das Bundesgericht hob den Beschluss des Kantonsgerichts Luzern auf und ordnete die unverzügliche Entlassung des Beschwerdeführers aus der Sicherheitshaft an. Es stellte fest, dass die Voraussetzungen für die Anordnung einer Sicherheitshaft nicht erfüllt seien, weil nicht hinreichend wahrscheinlich sei, dass im laufenden Nachverfahren eine freiheitsentziehende Sanktion angeordnet werde. Die vom Kantonsgericht herangezogenen neuen Tatsachen – insbesondere das forensisch-psychiatrische Kurzgutachten vom 10. April 2023 – betrafen ausschliesslich die Massnahmebedürftigkeit, nicht aber die abgeurteilte Tat oder die Schuldfrage; nach der jüngsten Rechtsprechung des EGMR in der Sache W.A. gegen die Schweiz reichen solche Tatsachen nicht aus, um eine nachträgliche Massnahme zulasten des Verurteilten zu rechtfertigen (Art. 5 Ziff. 1 lit. a EMRK). Zudem war die schwere psychische Störung des Beschwerdeführers bereits vor dem Strafbefehl vom 25. September 2019 bekannt: Er war vom 19. Juni bis 11. September 2019 stationär in der Luzerner Psychiatrie behandelt worden, wo eine paranoide Schizophrenie vermutet wurde; der Strafbefehl selbst erwähnte sein „aggressives und psychisch auffälliges Verhalten“. Die Staatsanwaltschaft hatte damals trotz deutlicher Hinweise auf eine massnahmebegründende Störung keine Abklärung veranlasst, was als unsorgfältiges Vorgehen gewertet wurde und die Zulässigkeit einer nachträglichen Massnahme nach vollständigem Vollzug der 150-tägigen Freiheitsstrafe zusätzlich in Frage stellte. Auch die grundsätzliche Anwendbarkeit von Art. 65 Abs. 1 StGB bei einer bedingten und später widerrufenen Freiheitsstrafe blieb zweifelhaft. Damit waren die Voraussetzungen für die Sicherheitshaft nach Art. 364a und 364b StPO nicht erfüllt. Für das bundesgerichtliche Verfahren wurden keine Kosten erhoben; der Kanton Luzern hat dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine Entschädigung von Fr. 2'000.-- zu bezahlen. Das Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wurde gegenstandslos. Diese Entscheidung ist bemerkenswert, weil das Bundesgericht erstmals die jüngste EGMR-Rechtsprechung zu W.A. gegen die Schweiz auf die nachträgliche Anordnung einer stationären therapeutischen Massnahme nach Art. 65 Abs. 1 StGB anwendet und damit klargestellt hat, dass neue Tatsachen allein zur Begründung einer Massnahme nicht ausreichen, wenn sie die Tat oder Schuld nicht beeinflussen.
Regeste
a Art. 78 ff. BGG; Art. 222 und 429-431 StPO; Zulässigkeit der Beschwerde in Strafsachen. Gegen kantonal letztinstanzliche Entscheide über die Anordnung von Sicherheitshaft im selbstständigen gerichtlichen Nachverfahren betreffend die nachträgliche Anordnung einer stationären Massnahme steht die Beschwerde in Strafsachen an das Bundesgericht offen. Über Haftentschädigungs- und Genugtuungsbegehren ist indes nicht im Haftprüfungsverfahren zu entscheiden, sondern im gesetzlich dafür vorgesehenen Haftentschädigungsverfahren (E. 1). Regeste b Art. 65 Abs. 1 StGB; Art. 364a und 364b StPO; Anordnung und Fortsetzung von Sicherheitshaft während des massnahmenrechtlichen selbstständigen gerichtlichen Nachverfahrens. Gemäss Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) ist ein Zurückkommen auf einen rechtskräftigen Entscheid zu Ungunsten einer Person konventionsrechtlich nur zulässig, wenn neue Tatsachen und Beweismittel die abgeurteilten Taten oder die Schuldfrage beeinflussen. Neue Tatsachen und Beweismittel, welche lediglich die nachträgliche Anordnung einer stationären Massnahme nach Art. 65 Abs. 1 StGB begründen, reichen damit nicht aus. Die Anwendung von Art. 65 Abs. 1 StGB erscheint unter diesen Umständen als konventionswidrig. Setzt sich die Staatsanwaltschaft über die beim Beschuldigten im Zeitpunkt der Verurteilung bestehenden Anzeichen massnahmebegründender Tatsachen hinweg, muss ihr zudem ein unsorgfältiges Vorgehen vorgeworfen werden, was die Zulässigkeit der nachträglichen Anordnung einer stationären Massnahme nach Art. 65 Abs. 1 StGB mehrere Jahre nach der Tat sowie nach vollständigem Vollzug der ursprünglich verhängten Strafe weiter ernstlich in Frage stellt. Ferner ist unklar, ob eine Anwendung von Art. 65 Abs. 1 StGB bei einer bedingt ausgefällten und später widerrufenen Freiheitsstrafe überhaupt in Frage kommt. In Anbetracht dieser Umstände musste der Beschwerdeführer im zu beurteilenden Fall nicht ernsthaft befürchten, dass ihm die nachträgliche Anordnung einer Massnahme nach Art. 65 Abs. 1 StGB droht. Insofern fehlte es an der für die Anordnung von Sicherheitshaft während des massnahmenrechtlichen selbstständigen gerichtlichen Nachverfahrens erforderlichen Bedingung, wonach der Vollzug einer freiheitsentziehenden Sanktion ernsthaft zu erwarten ist (E. 2-4). Regeste a Art. 78 ss LTF; art. 222 et 429-431 CPP; recevabilité du recours en matière pénale. Le recours en matière pénale est ouvert au Tribunal fédéral contre les décisions des autorités cantonales de dernière instance ordonnant la détention pour des motifs de sûreté dans le cadre d'une procédure judiciaire ultérieure indépendante concernant le prononcé d'une mesure thérapeutique institutionnelle après l'exécution de la peine. La question d'une indemnisation pour une éventuelle détention dans des conditions illicites ou à titre de réparation du tort moral ne doit pas être tranchée dans le cadre du contrôle de la licéité de la détention mais dans celui de la procédure d'indemnisation prévue par la loi (consid. 1). Regeste b Art. 65 al. 1 CP; art. 364a et 364b CPP; mise en détention pour des motifs de sûreté et maintien de celle-ci pendant la procédure ultérieure relevant du droit des mesures. Selon la jurisprudence de la Cour européenne des droits de l'homme (Cour EDH), il est possible de revenir sur une décision entrée en force en défaveur d'un condamné uniquement si des faits ou moyens de preuve nouveaux peuvent influencer les actes déjà jugés ou la question de la culpabilité. Les faits ou moyens de preuve nouveaux qui ne font que justifier un prononcé ultérieur ayant trait à une mesure thérapeutique institutionnelle selon l'art. 65 al. 1 CP ne sont donc pas suffisants; dans ces circonstances, l'application de l'art. 65 al. 1 CP apparaît contraire au droit conventionnel. Par ailleurs, si au moment de la condamnation, le Ministère public ignore les signes clairement reconnaissables permettant de fonder une mesure, il doit être admis qu'il n'a pas agi avec le soin nécessaire, ce qui remet sérieusement en question l'admissibilité d'une mesure thérapeutique institutionnelle ordonnée au sens de l'article 65 al. 1 CP plusieurs années après l'infraction et après l'exécution complète de la peine initialement prononcée. En outre, il apparaît douteux que l'art. 65 al. 1 CP s'applique dans le cas où une peine privative de liberté a été prononcée avec sursis, même si celui-ci a été révoqué par la suite. Dans le cas d'espèce, il n'y avait pas sérieusement à craindre qu'une mesure selon l'art. 65 al. 1 CP soit ordonnée ultérieurement; la condition nécessaire pour ordonner une détention pour des motifs de sûreté pendant la procédure judiciaire ultérieure indépendante en matière de mesures, soit le fait qu'il soit sérieusement à craindre que l'auteur commette des infractions menant à une mesure privative de liberté, n'était ainsi pas réalisée (consid. 2-4). Regesto a Art. 78 segg. LTF; art. 222 e 429-431 CPP; ammissibilità del ricorso in materia penale. Il ricorso in materia penale al Tribunale federale è ammissibile contro le decisioni delle autorità cantonali di ultima istanza che ordinano la carcerazione di sicurezza nell'ambito di una successiva procedura giudiziaria indipendente concernente l'ordinamento a posteriori di una misura stazionaria. Le domande di risarcimento per carcerazione illegale e di riparazione per torto morale non devono tuttavia essere decise nella procedura di controllo della liceità della carcerazione ma nella procedura di risarcimento prevista dalla legge (consid. 1). Regesto b Art. 65 cpv. 1 CP; art. 364a e 364b CPP; ordine e proroga della carcerazione di sicurezza durante la successiva procedura giudiziaria indipendente in materia di misure. Secondo la giurisprudenza della Corte europea dei diritti dell'uomo (Corte EDU), la modifica di una decisione cresciuta in giudicato a detrimento di una persona è possibile soltanto se nuovi fatti o mezzi di prova influenzano i reati giudicati o la questione della colpa. Non sono quindi sufficienti nuovi fatti o mezzi di prova che giustificano solo l'ordinamento a posteriori di una misura stazionaria in virtù dell'art. 65 cpv. 1 CP. In tali circostanze, l'applicazione dell'art. 65 cpv. 1 CP risulta contraria alla Convenzione. Se il pubblico ministero al momento della condanna non tiene conto di segnali indicanti la necessità di una misura, deve essergli rimproverato un comportamento non diligente, ciò che inoltre mette seriamente in discussione l'ammissibilità dell'ordinamento a posteriori di una misura stazionaria diversi anni dopo il reato e dopo l'esecuzione completa della pena inizialmente pronunciata. È inoltre dubbio se l'art. 65 cpv. 1 CP possa trovare applicazione a una pena detentiva pronunciata con la condizionale e poi revocata. Considerate queste circostanze, il ricorrente non doveva temere seriamente che una misura nei suoi confronti sarebbe stata pronunciata a posteriori in applicazione dell'art. 65 cpv. 1 CP. La condizione per ordinare la carcerazione di sicurezza durante la successiva procedura giudiziaria indipendente, ossia il fatto che l'esecuzione di una sanzione privativa della libertà fosse seriamente prevedibile, non era quindi adempiuta (consid. 2-4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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