Beschwerdeführer beantragt nach Konkursschluss Nichtigkeitsfeststellung für Kollokation und Abtretung an deutsche Konkursverwaltung: Konkursschluss schliesst Kollokationsrüge aus, Abtretung ist wirksam wegen fortgeltender Konkursübereinkunft mit Bayern (Art. 22, 260, 268 SchKG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 III 268 · ATF 150 III 268 · DTF 150 III 268
- Datum
- 29.04.2024
- Geschäftsnummer
- BGE 150 III 268
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 56 BV Art. 13 SchKG Art. 22 SchKG Art. 30a SchKG Art. 260 SchKG Art. 268 SchKG Art. 269 SchKG
Zusammenfassung
A. erhob gegen das Konkursamt des Kantons Thurgau Beschwerde in Zivilsachen, weil dieses im Konkursverfahren über die C. AG den Kollokationsplan vom 12. November 2020 genehmigt, die Forderung Nr. x der deutschen Tochtergesellschaft B. in Höhe von Fr. 135'499'613.06 zugelassen und am 23. August 2021 Verantwortlichkeitsansprüche gemäss Art. 260 SchKG an die B. abgetreten hatte. Das Obergericht des Kantons Thurgau hatte das Gesuch um Feststellung der Nichtigkeit dieser Verfügungen abgewiesen. A. rügt nun insbesondere, dass die B. mangels Prozessführungsbefugnis in der Schweiz keine Abtretung verlangen konnte und dass die alte Konkursübereinkunft mit Bayern durch das IPRG ausser Kraft gesetzt sei. Der Streit dreht sich um die Wirksamkeit konkursamtlicher Verfügungen nach rechtskräftigem Konkursschluss und um die Geltung völkerrechtlicher Konkursabkommen.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab. Der Konkursschluss über die C. AG vom 13. September 2021 ist rechtskräftig und verbindlich; danach ist eine Rückkehr auf Fragen der Kollokation grundsätzlich ausgeschlossen, weil eine Veränderung der passiven Konkursmasse nach Konkursschluss unzulässig ist (Art. 22, 268 SchKG). Die Einwände gegen den Kollokationsplan und die Kollokation der Forderung Nr. x der B. sind daher unbehelflich. Für die Abtretung von Ansprüchen nach Art. 260 SchKG gilt jedoch eine Ausnahme: Gemäss Art. 95 KOV steht diese Abtretung dem Konkursschluss nicht entgegen, sodass die Aufsichtsbehörde auch nach Schluss des Verfahrens die Nichtigkeit prüfen kann. Die Prüfung ergibt, dass die Konkursübereinkunft vom 11. Mai 1834 mit dem Königreich Bayern weiterhin in Kraft ist (Art. 56 Abs. 1 BV), da sie weder durch ein späteres Bundesgesetz noch durch einen Bundesstaatsvertrag ausdrücklich aufgehoben wurde. Diese Übereinkunft macht eine Anerkennung des deutschen Insolvenzdekrets nach Art. 166 ff. IPRG im Verhältnis zum Kanton Thurgau nicht notwendig. Da die Insolvenzeröffnung über die B. am 16. Oktober 2019 in München wirksam erfolgte und der deutsche Insolvenzverwalter D. als definitiver Verwalter handelte, war er befugt, die Abtretung zu verlangen. Die Abtretungsverfügung vom 23. August 2021 verstösst daher nicht gegen Art. 22 SchKG. Die Beschwerde ist somit unbegründet. Das Bundesgericht bestätigt damit die Rechtsprechung, dass kantonale Staatsverträge mit dem Ausland, sofern nicht ausdrücklich aufgehoben, fortgelten und dem internen kantonalen Recht vorgehen – hier mit konkreter Wirkung auf die Prozessführungsbefugnis ausländischer Konkursverwalter in schweizerischen Konkursverfahren.
Regeste
Art. 22, 260, 268 SchKG; Art. 95 KOV; Art. 166 IPRG; Übereinkunft vom 11. Mai 1834 mit dem Königreich Bayern über gleichmässige Behandlung der gegenseitigen Staatsangehörigen in Konkursfällen; Konkursschluss und Abtretungsverfügung nach Art. 260 SchKG; Prozessführungsbefugnis der ausländischen Konkursverwaltung. Das Schlussdekret des Konkursgerichts schliesst die Prüfung der Nichtigkeit einer Abtretungsverfügung nach Art. 260 SchKG durch die Aufsichtsbehörden nicht aus (E. 4.1-4.3). Die Konkursübereinkunft mit dem Königreich Bayern ist durch das später erlassene IPRG nicht ausser Kraft gesetzt worden und macht in ihrem Anwendungsbereich eine Anerkennung des ausländischen Konkursdekretes nach Art. 166 IPRG nicht notwendig (E. 4.4-4.6). Regeste Art. 22, 260, 268 LP; art. 95 OAOF; art. 166 LDIP; Convention du 11 mai 1834 entre des cantons suisses et le Royaume de Bavière portant que les ressortissants respectifs seront traités à droits égaux dans les cas de concours juridiques; clôture de la faillite et ordonnance de cession selon l'art. 260 LP; faculté de conduire le procès de l'administration de faillite étrangère. L'ordonnance de clôture du juge de la faillite n'exclut pas l'examen par les autorités de surveillance de la nullité d'une décision de cession selon l'art. 260 LP (consid. 4.1-4.3). La convention sur les faillites conclue avec le Royaume de Bavière n'a pas été abrogée par l'adoption ultérieure de la LDIP et ne rend pas nécessaire dans son champ d'application une reconnaissance de la décision de faillite étrangère selon l'art. 166 LDIP (consid. 4.4-4.6). Regesto Art. 22, 260, 268 LEF; art. 95 RUF; art. 166 LDIP; trattato dell'11 maggio 1834 con il Regno di Baviera sulla parità di trattamento dei reciproci cittadini nei casi di fallimento; chiusura del fallimento e decisione di cessione secondo l'art. 260 LEF; legittimazione dell'amministrazione straniera del fallimento a condurre il processo. La decisione di chiusura del giudice del fallimento non impedisce alle autorità di vigilanza di esaminare la nullità di una decisione di cessione secondo l'art. 260 LEF (consid. 4.1-4.3). Il trattato in materia di fallimento con il Regno di Baviera non è stato abrogato dalla successiva adozione della LDIP e, nel suo campo di applicazione, non richiede un riconoscimento del decreto straniero di fallimento secondo l'art. 166 LDIP (consid. 4.4-4.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Abtretung von Verantwortlichkeitsansprüchen nach Art. 260 SchKG vor Löschung der konkursiten Gesellschaft: Aktivlegitimation der Abtretungsgläubiger bleibt trotz Löschung im Handelsregister bestehen (Art. 260 SchKG)
- Gläubiger verlangt definitive Rechtsöffnung auf Grund eines Verlustscheins aus einer früheren Betreibung und zweier ausländischer Schiedsurteile: Verjährung der Verlustforderung richtet sich nach schweizerischem Recht (Art. 149a Abs. 1 SchKG)
- Dozent an interkantonalen Fachhochschule wird ordentlich gekündigt: Vertrauensverhältnis massiv gestört, Sperrfrist nach Art. 336c Abs. 1 lit. b OR eingehalten (Art. 336c Abs. 1 lit. b OR)