Versicherter mit ADHS und Suchtmittelmissbrauch verlangt Invalidenrente ab 1. Mai 2017: Keine Invalidität, da Arbeitsfähigkeit durch Abstinenz und Medikamente wesentlich verbesserbar (Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 V 397 · ATF 148 V 397 · DTF 148 V 397
- Datum
- 13.10.2022
- Geschäftsnummer
- BGE 148 V 397
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 6 ATSG Art. 7 ATSG Art. 8 ATSG Art. 21 ATSG Art. 8 IVG Art. 28 IVG
Zusammenfassung
Die IV-Stelle des Kantons St. Gallen weigerte sich, dem Versicherten A. eine Invalidenrente zuzuerkennen. A. legte Beschwerde ein und erreichte beim kantonalen Versicherungsgericht die Zuerkennung einer ganzen Invalidenrente ab 1. Mai 2017. Die IV-Stelle erhob daraufhin Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten vor das Bundesgericht. Streitig war, ob A. ab 1. Mai 2017 invalid im Sinne des Bundesgesetzes über die Invalidenversicherung war und ob ihm trotz fehlender Invalidität ein Rentenanspruch zustand, weil er während eines Jahres mindestens zu 40 Prozent arbeitsunfähig gewesen sei.
Das Bundesgericht hob den kantonalen Entscheid auf und bestätigte die Verfügung der IV-Stelle vom 14. Juli 2021, mit der der Anspruch auf eine Invalidenrente verneint worden war. Der Versicherte A. war nicht invalid im Sinne von Art. 8 Abs. 1 ATSG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 ATSG, weil sich seine Arbeitsfähigkeit durch medizinische Massnahmen – konkret durch Abstinenz vom Alkohol und von Drogen sowie durch die Einnahme von Medikamenten zur Behandlung seines ADHS – noch wesentlich verbessern liess. Das Gutachten des Psychiaters Dr. med. B. vom 8. Februar 2021 stellte fest, dass A. als Hilfsarbeiter voll einsetzbar sei, sobald er drogen- und alkoholabstinent sei, und dass seine Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit deutlich zunehmen würden, wenn das ADHS behandelt werde. Es war nicht erkennbar, weshalb A. nicht aus Eigeninitiative auf den Alkohol- und Drogenkonsum hätte verzichten und die notwendigen Medikamente zur Behandlung des ADHS hätte einnehmen sollen. Die notwendigen Schritte zur Selbsteingliederung gehen als Ausdruck der allgemeinen Schadenminderungspflicht nicht nur dem Renten-, sondern auch dem gesetzlichen Eingliederungsanspruch vor. Gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG kann der Anspruch auf eine Invalidenrente nur entstehen, wenn nach Ablauf des Wartejahrs eine entsprechende rentenbegründende Erwerbsunfähigkeit bzw. Invalidität eintritt; das Gesetz weist diesbezüglich keine echte Lücke auf, die vom Bundesgericht zu füllen wäre. Die Vorinstanz hatte fälschlich angenommen, dass ein Rentenanspruch bereits aufgrund einer langdauernden Arbeitsunfähigkeit ohne Abschluss der Eingliederungsmassnahmen entstehen könne, was gegen Art. 28 Abs. 1 lit. a, b und c IVG verstösst. Die IV-Stelle war nicht gehalten, A. zur Erfüllung seiner Schadenminderungspflicht anzuhalten, weil es für ihn offensichtlich war, welche Massnahmen erforderlich waren, und weil er keine hinreichenden Indizien für Eigenanstrengungen vorlegte. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klargestellt hat, dass die Schadenminderungspflicht bei psychischen Beeinträchtigungen mit Suchtkomponente unmittelbar auf den Versicherten selbst zukommt und nicht erst nach Mahn- und Bedenkzeitverfahren wirksam wird.
Regeste
Art. 6, Art. 7, Art. 8 Abs. 1, Art. 21 Abs. 4 ATSG; Art. 8 Abs. 1 und Abs. 3, Art. 12 Abs. 1, Art. 22 Abs. 1, Art. 28 Abs. 1 lit. b und lit. c, Art. 28 Abs. 2 IVG; medizinische Massnahmen, Arbeitsunfähigkeit, Erwerbsunfähigkeit, Invalidenrente, Schadenminderungspflicht. Gemäss Art. 28 Abs. 1 lit. c IVG kann der Anspruch auf eine Invalidenrente nur entstehen, wenn nach Ablauf des Wartejahrs eine entsprechende rentenbegründende Erwerbsunfähigkeit bzw. Invalidität eintritt. Das Gesetz weist diesbezüglich keine echte Lücke auf, die vom Bundesgericht zu füllen wäre (E. 5 und 6). Der Beschwerdegegner war nicht invalid, da sich seine Arbeitsfähigkeit durch medizinische Massnahmen noch wesentlich verbessern liess. Es ist nicht einzusehen, weshalb er nicht in der Lage gewesen sein soll, aus Eigeninitiative auf den Alkohol- und Drogenkonsum zu verzichten und die notwendigen Medikamente zur Behandlung des Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) einzunehmen. Die notwendigen Schritte zur Selbsteingliederung gehen als Ausdruck der allgemeinen Schadenminderungspflicht nicht nur dem Renten-, sondern auch dem gesetzlichen Eingliederungsanspruch vor (E. 7). Regeste Art. 6, art. 7, art. 8 al. 1, art. 21 al. 4 LPGA; art. 8 al. 1 et al. 3, art. 12 al. 1, art. 22 al. 1, art. 28 al. 1 let. b et let. c, art. 28 al. 2 LAI; mesures médicales, incapacité de travail, incapacité de gain, rente d'invalidité, obligation de diminuer le dommage. Conformément à l'art. 28 al. 1 let. c LAI, le droit à une rente d'invalidité ne peut prendre naissance que si, à l'issue de la période d'attente d'une année, une incapacité de gain, respectivement une invalidité, donnant droit à une rente survient. A cet égard, la loi ne présente pas de lacune qui nécessiterait d'être comblée par le Tribunal fédéral (consid. 5 et 6). L'intimé n'était pas invalide puisque sa capacité de travail pouvait être améliorée par des mesures médicales. On ne voit pas pourquoi il n'aurait pas été en mesure, de sa propre initiative, de renoncer à la consommation d'alcool et de drogue et de prendre les médicaments nécessaires au traitement du trouble du déficit de l'attention et de l'hyperactivité (TDAH). Les démarches nécessaires à la réadaptation par soi-même en tant qu'expression de l'obligation générale de diminuer le dommage passent non seulement avant la rente mais également avant le droit aux mesures de réadaptation prévues par la loi (consid. 7). Regesto Art. 6, art. 7, art. 8 cpv. 1, art. 21 cpv. 4 LPGA; art. 8 cpv. 1 e cpv. 3, art. 12 cpv. 1, art. 22 cpv. 1, art. 28 cpv. 1 lett. b e lett. c, art. 28 cpv. 2 LAI; provvedimenti sanitari, incapacità al lavoro, incapacità al guadagno, rendita d'invalidità, obbligo di ridurre il danno. Conformemente all'art. 28 cpv. 1 lett. c LAI, il diritto alla rendita d'invalidità sorge solo se, al termine del periodo di attesa di un anno, si verifica un'incapacità al guadagno, rispettivamente un'invalidità, che dà diritto a una rendita. A tal proposito la legge non contiene alcuna lacuna in senso proprio che debba essere colmata dal Tribunale federale (consid. 5 e 6). L'opponente non era invalido poiché la sua capacità al lavoro poteva essere migliorata con provvedimenti sanitari. Non si vedono motivi per cui egli non sarebbe stato in grado, di sua iniziativa, di rinunciare al consumo di alcol e di droghe e di assumere i farmaci necessari per il trattamento del disturbo da deficit di attenzione e iperattività (ADHD). I passi necessari per l'integrazione autonoma, quale espressione dell'obbligo generale di ridurre il danno, non solo hanno la precedenza sulla rendita ma anche sul diritto ai provvedimenti d'integrazione previsti dalla legge (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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