Justizze.

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Justizze. Art. 62c StGB

Bundesgericht

Verfahrensvereinigung von nachträglicher und originärer Verwahrung bei gleichzeitiger Delinquenz: Zuständigkeit der Berufungsinstanz für umfassende Prüfung des Urteils (Art. 62c Abs. 4 StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 IV 1 · ATF 148 IV 1 · DTF 148 IV 1
Datum
01.01.2021
Geschäftsnummer
BGE 148 IV 1
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 59 StGB Art. 62a StGB Art. 62c StGB Art. 63a StGB Art. 63b StGB Art. 64 StGB Art. 2 StPO Art. 197 StPO

Zusammenfassung

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn und A. stritten vor dem Bundesgericht über die Zulässigkeit einer Verfahrensvereinigung zweier Verwahrungsverfahren: eines aufgrund der Aussichtslosigkeit einer stationären therapeutischen Massnahme (nachträgliche Verwahrung gemäss Art. 62c Abs. 4 StGB) und eines wegen neuer Anlassdelikte (originäre Verwahrung gemäss Art. 64 Abs. 1 StGB). A. beantragte, die Strafkammer des Obergerichts sei nur für die Überprüfung der Abweisung des Antrags der Staatsanwaltschaft auf Verwahrung, nicht aber für die Überprüfung der Abweisung der Anträge der Vollzugsbehörde auf nachträgliche Verwahrung zuständig. Die Staatsanwaltschaft beantragte die Aufhebung des Beschlusses der Beschwerdekammer, der das Beschwerdeverfahren als gegenstandslos abgeschrieben hatte. Es war streitig, ob eine solche Verfahrensvereinigung gesetzlich zulässig ist und welche Instanz für die abschliessende Beurteilung der Verwahrung zuständig ist.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde von A. ab. Es entschied, dass die Verfahrensvereinigung der beiden Verwahrungsverfahren – der nachträglichen Verwahrung nach Art. 62c Abs. 4 StGB und der originären Verwahrung nach Art. 64 Abs. 1 StGB – rechtmässig und sachgerecht ist. Der Antrag der Vollzugsbehörde vom 13. Oktober 2016 auf nachträgliche Verwahrung war gültig, weil die stationäre therapeutische Massnahme nach Art. 62c Abs. 1 lit. a StGB aufgehoben worden war und ernsthaft zu erwarten war, dass A. weitere Taten dieser Art begeht. Eine direkte Umwandlung einer ambulanten Massnahme in eine Verwahrung ist gesetzlich nicht vorgesehen und daher nicht möglich, doch hinderte dies die Vollzugsbehörde nicht daran, den Antrag auf nachträgliche Verwahrung zu stellen. Die kantonalen Instanzen hatten zu Recht entschieden, beide Verfahren zu vereinigen und die abschliessende Beurteilung der Verwahrung im erstinstanzlichen Strafurteil vorzunehmen, da es sich um die gleiche Frage handelte und eine getrennte Weiterführung weder möglich noch angezeigt war. Der Grundsatz der Formstrenge nach Art. 2 Abs. 2 StPO steht einer richterlichen Gesetzesauslegung und Lückenfüllung nicht entgegen, sodass die Vereinigung auch strafprozessual zulässig ist. Damit ist die Zuständigkeit für die Beurteilung der Verwahrung im Rechtsmittelverfahren ausschliesslich bei der Berufungsinstanz gegeben. Die Beschwerde der Staatsanwaltschaft wurde als gegenstandslos abgeschrieben, weil mit dem vorliegenden Entscheid rechtskräftig über die Verfahrensvereinigung und die Kognition der Berufungsinstanz entschieden wurde. Diese Entscheidung klärt die Zuständigkeitsfrage bei konkurrierenden Verwahrungsverfahren und bestätigt die Flexibilität des Massnahmenrechts trotz des Grundsatzes der Formstrenge.

Regeste

Art. 59 Abs. 1 und 4, Art. 62a Abs. 1 lit. b, Art. 62c Abs. 1 lit. a, Abs. 3 und 4, Art. 63 Abs. 1, Art. 63a Abs. 2 und 3, Art. 63b Abs. 5 und Art. 64 Abs. 1 StGB; Art. 2 Abs. 2, Art. 29 f., Art. 80 Abs. 1, Art. 197 Abs. 1 lit. a, Art. 393 und Art. 398 Abs. 1-3 StPO; Art. 31 Abs. 1 und Art. 36 Abs. 1 BV; ambulante und stationäre therapeutische Massnahme; Antrag auf nachträgliche Anordnung der Verwahrung infolge Aussichtslosigkeit der stationären therapeutischen Massnahme und Antrag auf originäre Verwahrung infolge neuer Anlassdelikte; Verfahrensvereinigung; Zuständigkeit; Grundsatz der Formstrenge. Eine direkte Umwandlung einer ambulanten Massnahme in eine Verwahrung ist nicht möglich (Bestätigung der Rechtsprechung; E. 3.4.1). Das Gericht hat im Rahmen von Art. 59 Abs. 4 Satz 2 StGB lediglich über die Verlängerung der stationären Massnahme zu befinden. Für die Aufhebung der stationären therapeutischen Massnahme infolge Aussichtslosigkeit ist die Vollzugsbehörde zuständig. Nach rechtskräftiger Aufhebung der stationären therapeutischen Massnahme ist es am erstinstanzlichen Gericht, auf Antrag der Vollzugsbehörde über die Rechtsfolgen zu befinden (E. 3.4.2). Dass das Berufungsgericht im zweitinstanzlichen Entscheid über die Nichtverlängerung der stationären Massnahme nach Art. 59 Abs. 4 Satz 2 StGB zu Unrecht eine ambulante Massnahme anordnete, hinderte die Vollzugsbehörde nicht daran, nach Aufhebung der stationären Massnahme infolge Aussichtslosigkeit beim zuständigen erstinstanzlichen Gericht in Anwendung von Art. 62c Abs. 4 StGB eine nachträgliche Verwahrung zu beantragen (E. 3.4.3). Tragweite des in Art. 2 Abs. 2 StPO verankerten Grundsatzes der Formstrenge (E. 3.5.1). Der Grundsatz der Formstrenge steht einer Gesetzesauslegung und einer richterlichen Lückenfüllung nicht entgegen (E. 3.5.2). Die kantonalen Instanzen sprachen sich zu Recht für eine Vereinigung des Verfahrens auf nachträgliche Verwahrung im Sinne von Art. 62c Abs. 4 StGB mit dem ebenfalls hängigen Verfahren auf originäre Verwahrung infolge neuer Anlassdelikte und für die abschliessende Beurteilung der Frage der Verwahrung im erstinstanzlichen Strafurteil aus. Die Zuständigkeit für die Beurteilung der Verwahrung im Rechtsmittelverfahren liegt damit ausschliesslich bei der Berufungsinstanz (E. 3.6). Regeste Art. 59 al. 1 et 4, art. 62a al. 1 let. b, art. 62c al. 1 let. a, al. 3 et 4, art. 63 al. 1, art. 63a al. 2 et 3, art. 63b al. 5 et art. 64 al. 1 CP; art. 2 al. 2, art. 29 s., art. 80 al. 1, art. 197 al. 1 let. a, art. 393 et art. 398 al. 1-3 CPP; art. 31 al. 1 et art. 36 al. 1 Cst; mesure thérapeutique ambulatoire et institutionnelle; requête de prononcé ultérieur de l'internement en raison de l'échec de la mesure thérapeutique institutionnelle et demande de prononcé d'un internement primaire en raison de nouvelles infractions; jonction des procédures; compétence; principe de l'immutabilité. Une transformation directe d'une mesure ambulatoire en internement n'est pas possible (confirmation de la jurisprudence; consid. 3.4.1). Dans le cadre de l'art. 59 al. 4, 2e phrase, CP, le tribunal doit uniquement se prononcer sur la prolongation de la mesure institutionnelle. L'autorité d'exécution est compétente pour la levée de la mesure thérapeutique institutionnelle en raison de son échec. Après l'entrée en force de la levée de la mesure thérapeutique institutionnelle, il incombe au tribunal de première instance de statuer, à la requête de l'autorité d'exécution, sur les conséquences juridiques (consid. 3.4.2). Le fait que la juridiction d'appel ait ordonné, à tort, une mesure ambulatoire dans la décision de deuxième instance relative à la non-prolongation de la mesure institutionnelle au sens de l'art. 59 al. 4, 2e phrase, CP, n'empêche pas l'autorité d'exécution, après la levée de la mesure institutionnelle en raison de son échec, de demander, en application de l'art. 62c al. 4 CP, un internement ultérieur au tribunal de première instance compétent (consid. 3.4.3). Portée du principe de l'immutabilité ancré à l'art. 2 al. 2 CPP (consid. 3.5.1). Le principe de l'immutabilité ne s'oppose pas à une interprétation de la loi, ni au fait que le juge comble une lacune (consid. 3.5.2). Les autorités cantonales se sont prononcées, à raison, en faveur d'une jonction de la procédure d'internement ultérieur au sens de l'art. 62c al. 4 CP avec la procédure d'internement primaire en raison de nouvelles infractions également pendante et en faveur d'un examen définitif de la question de l'internement dans le jugement pénal de première instance. La compétence pour l'examen de l'internement en procédure de recours appartient ainsi exclusivement à la juridiction d'appel (consid. 3.6). Regesto Art. 59 cpv. 1 e 4, art. 62a cpv. 1 lett. b, art. 62c cpv. 1 lett. a, cpv. 3 e 4, art. 63 cpv. 1, art. 63a cpv. 2 e 3, art. 63b cpv. 5 e art. 64 cpv. 1 CP; art. 2 cpv. 2, art. 29 seg., art. 80 cpv. 1, art. 197 cpv. 1 lett. a, art. 393 e art. 398 cpv. 1-3 CPP; art. 31 cpv. 1 e art. 36 cpv. 1 Cost.; misura terapeutica ambulatoriale e stazionaria; richiesta tendente alla pronuncia a posteriori di un internamento a causa della mancanza di prospettive di successo della misura terapeutica stazionaria e istanza di internamento primario in seguito alla commissione di nuovi reati; congiunzione dei procedimenti; competenza; principio del rigore formale. Non è possibile trasformare un trattamento ambulatoriale direttamente in un internamento (conferma della giurisprudenza; consid. 3.4.1). Nell'ambito dell'art. 59 cpv. 4 seconda frase CP, il giudice deve unicamente pronunciarsi sulla protrazione della misura stazionaria. La soppressione della misura terapeutica stazionaria per mancanza di prospettive di successo compete all'autorità d'esecuzione. Dopo il passaggio in giudicato della soppressione della misura terapeutica stazionaria, spetta al giudice di primo grado statuire, su proposta dell'autorità d'esecuzione, sulle conseguenze giuridiche (consid. 3.4.2). Il fatto che, nella decisione di secondo grado relativa alla mancata protrazione della misura stazionaria giusta l'art. 59 cpv. 4 seconda frase CP, il tribunale d'appello abbia a torto ordinato un trattamento ambulatoriale non impedisce all'autorità d'esecuzione, dopo la soppressione della misura terapeutica stazionaria a causa della mancanza di prospettive di successo, di richiedere al competente giudice di prima istanza un internamento a posteriori in applicazione dell'art. 62c cpv. 4 CP (consid. 3.4.3). Portata del principio del rigore formale sancito dall'art. 2 cpv. 2 CPP (consid. 3.5.1). Il principio del rigore formale non esclude un'interpretazione della legge né impedisce al giudice di colmare una lacuna (consid. 3.5.2). A ragione le istanze cantonali hanno congiunto il procedimento afferente l'internamento a posteriori giusta l'art. 62c cpv. 4 CP con quello pendente relativo all'internamento primario in seguito alla commissione di nuovi reati e si sono pronunciate in favore di un esame definitivo della questione dell'internamento nella sentenza penale di primo grado. La competenza per statuire sull'internamento in sede di ricorso spetta pertanto unicamente all'istanza di appello (consid. 3.6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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