Bundesbehörde erhebt Behördenbeschwerde gegen kantonale Aufsichtsentscheidung: Keine kantonalen Gerichtskosten bei reiner Aufsichtsfunktion ohne Vermögensinteressen (Art. 66 Abs. 4 BGG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 II 369 · ATF 148 II 369 · DTF 148 II 369
- Datum
- 15.03.2022
- Geschäftsnummer
- BGE 148 II 369
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) erhob eine Behördenbeschwerde gegen einen Beschluss der Zürcher Aufsichtskommission über die Anwältinnen und Anwälte, mit dem diese die A. AG als Anwaltskörperschaft bewilligte. Während des Verfahrens passte die A. AG ihre Statuten an die bundesgerichtliche Rechtsprechung an, worauf die Aufsichtskommission den Beschluss bestätigte. Das Verwaltungsgericht des Kantons Zürich schrieb das Verfahren als gegenstandslos ab und verteilte die Gerichtskosten zu je einem Drittel auf das EJPD, die A. AG und die Aufsichtskommission. Das EJPD beschwerte sich beim Bundesgericht gegen diese Kostenauflage und beantragte seine Befreiung von sämtlichen Gerichtskosten.
Das Bundesgericht hob die Verfügung des Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich auf und befreite das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) von allen kantonalen Gerichtskosten. Der Beschwerdeführer hatte im vorliegenden Verfahren ausschliesslich seine spezialgesetzlich vorgesehene Aufsichtsfunktion wahrgenommen, um die einheitliche und korrekte Anwendung von Bundesrecht durch die Kantone sicherzustellen, ohne dabei eigene Vermögensinteressen zu verfolgen. Der Sinn und Zweck der Behördenbeschwerde des Bundes gemäss Art. 89 Abs. 2 lit. a und Art. 111 Abs. 2 BGG sowie Art. 49 Abs. 2 BV und Art. 186 Abs. 4 BV besteht darin, die Bundesaufsicht über den kantonalen Vollzug von Bundesrecht zu gewährleisten; dieser Aufsichtszweck würde wesentlich erschwert, wenn kantonales Verfahrensrecht so ausgelegt würde, dass Bundesbehörden kantonale Gerichtskosten auferlegt werden könnten. Gemäss Art. 66 Abs. 4 BGG darf einer Bundesbehörde im amtlichen Wirkungskreis, die keine Vermögensinteressen verfolgt, grundsätzlich keine Gerichtskosten auferlegt werden; eine Ausnahme nach Art. 66 Abs. 3 i.V.m. Art. 66 Abs. 4 BGG lag nicht vor, weil die Ergreifung der Behördenbeschwerde nicht unnötig war – die rasche Anpassung der Statuten durch die A. AG nach Einreichung der Beschwerde änderte nichts daran, dass die Beschwerde zur Durchsetzung der bundesgerichtlichen Rechtsprechung erforderlich war. Die Vereinigung der betroffenen Abteilungen des Bundesgerichts bestätigte diese Rechtsauffassung im Koordinationsverfahren nach Art. 23 Abs. 2 BGG.
Die Entscheidung klärt endgültig, dass Bundesbehörden bei reiner Aufsichtstätigkeit im kantonalen Verfahren nicht mit Gerichtskosten belastet werden dürfen, es sei denn, sie verfolgen zugleich eigene Vermögensinteressen oder verursachen unnötige Kosten. Damit stärkt das Bundesgericht die Wirksamkeit der Bundesaufsicht und verhindert, dass finanzielle Risiken die Ergreifung von Behördenbeschwerden abschrecken.
Regeste
Art. 49 und Art. 186 Abs. 4 BV; Art. 66 Abs. 4, Art. 89 Abs. 2 lit. a und Art. 111 Abs. 2 BGG; § 13 und § 65a Abs. 2 VRG/ZH; Sinn und Zweck der Behördenbeschwerde des Bundes und entsprechende Verteilung kantonaler Gerichtskosten. Sinn und Zweck der Behördenbeschwerde des Bundes ist die Sicherstellung der einheitlichen und korrekten Anwendung von Bundesrecht. Sie ist ein Mittel der Bundesaufsicht, welches zu diesem Zweck auf das kantonale Rechtsmittelsystem zurückgreift und gegenüber diesem in gewisser Weise autonom ist. Der Aufsichtszweck der Behördenbeschwerde des Bundes wird wesentlich erschwert, wenn kantonales Verfahrensrecht in einer Weise ausgelegt und angewendet wird, dass der Bundesbehörde unter Vorbehalt von Ausnahmen kantonale Gerichtskosten auferlegt werden können. Einer Bundesbehörde, welche im Rahmen einer Behördenbeschwerde ihre spezialgesetzlich vorgesehene Aufsichtsfunktion ohne jegliche Vermögensinteressen im kantonalen Verfahren wahrnimmt, dürfen, unter Vorbehalt einer Ausnahme im Sinne von Art. 66 Abs. 4 BGG, keine kantonalen Gerichtskosten auferlegt werden (E. 3). Regeste Art. 49 et art. 186 al. 4 Cst.; art. 66 al. 4, art. 89 al. 2 let. a et art. 111 al. 2 LTF; § 13 et § 65a al. 2 VRG/ZH; sens et but du recours des autorités fédérales et répartition correspondante des frais de justice cantonaux. Le sens et le but du recours des autorités fédérales est de garantir une application uniforme et correcte du droit fédéral. Il s'agit d'un moyen de surveillance fédérale qui s'appuie sur le système cantonal de recours tout en étant d'une certaine manière autonome par rapport à celui-ci. L'objectif de surveillance du recours des autorités fédérales est sérieusement compromis si le droit de procédure cantonal est interprété et appliqué de telle manière que les frais judiciaires puissent, sauf exceptions, être mis à la charge de l'autorité fédérale. Une autorité fédérale qui assure sa fonction spéciale de surveillance prévue par la loi dans le cadre d'un recours sans que son intérêt patrimonial ne soit en cause ne doit pas se voir imputer les frais judiciaires cantonaux, sous réserve d'une exception au sens de l'art. 66 al. 4 LTF (consid. 3). Regesto Art. 49 e art. 186 cpv. 4 Cost.; art. 66 cpv. 4, art. 89 cpv. 2 lett. a e art. 111 cpv. 2 LTF; §13 e § 65a cpv. 2 VRG/ZH; senso e scopo del ricorso delle autorità federali e conseguente ripartizione delle spese giudiziarie cantonali. Il senso e lo scopo del ricorso delle autorità federali è quello di garantire un'applicazione uniforme e corretta del diritto federale. Si tratta di un mezzo di sorveglianza federale, che si appoggia a tal fine sul sistema di impugnazione cantonale, restandone però in un certo senso autonomo. Quando il diritto procedurale cantonale è interpretato e applicato in modo tale che le spese giudiziarie possono, salvo eccezioni, essere messe a carico dell'autorità federale, la sorveglianza cui mira il ricorso delle autorità federali è resa sostanzialmente più difficile. A un'autorità federale che esercita nel quadro di un ricorso la sua funzione di sorveglianza, prevista come tale da una legge specifica, senza che i suoi interessi patrimoniali siano in qualche modo in discussione, non possono essere imputate spese giudiziarie cantonali; è riservata un'eccezione nel senso indicato dall'art. 66 cpv. 4 LTF (consid. 3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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