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Justizze. Art. 27 BV

Bundesgericht

Kanton Zürich verpflichtet Anwälte und andere berufsmässige Parteivertreter zur elektronischen Verfahrenshandlung: Wirtschaftsfreiheit nicht verletzt, Verhältnismässigkeit gegeben (Art. 27 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 151 I 194 · ATF 151 I 194 · DTF 151 I 194
Datum
03.12.2024
Geschäftsnummer
2C_113/2024
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 1 BGFA Art. 9 BGFA Art. 82 BGG Art. 83 BGG Art. 87 BGG Art. 95 BGG Art. 106 BGG Art. 27 BV Art. 36 BV Art. 5 VZertES Art. 7 VZertES Art. 9 ZertES

Zusammenfassung

Die A.________ AG und B.________, beide als Rechtsvertreter tätig, erhoben beim Bundesgericht eine abstrakte Normenkontrolle gegen die Neuregelung § 4d des Verwaltungsrechtspflegegesetzes des Kantons Zürich, die berufsmässige Parteivertreter zur Vornahme elektronischer Verfahrenshandlungen verpflichtet. Sie rügten eine Verletzung ihrer Wirtschaftsfreiheit nach Art. 27 BV sowie einen Verstoss gegen das Bundesgesetz über die Freizügigkeit der Anwältinnen und Anwälte (BGFA). Der Kanton Zürich verteidigte die Regelung mit dem öffentlichen Interesse an Verfahrensökonomie und Effizienz. Die Beschwerdeführer argumentierten, die Pflicht sei unverhältnismässig, da sie nur einen kleinen Teil aller Verfahren betreffe und zusätzliche Kosten und Aufwand verursache, insbesondere für ausserkantonale Vertreter.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und hielt fest, dass die kantonale Regelung rechtmässig ist.

Die Pflicht zur elektronischen Verfahrenshandlung stellt zwar einen Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit dar, weil sie die freie Wahl der betrieblichen Sachmittel und Verfahren berührt; dieser Eingriff ist jedoch als leicht einzustufen und damit zumutbar. Das öffentliche Interesse an einer effizienten und raschen Verwaltungs- und Justiztätigkeit ist im Kanton Zürich besonders hoch, wie aus Art. 70 Abs. 2 und Art. 95 Abs. 3 der Kantonsverfassung hervorgeht. Die Verpflichtung berufsmässiger Parteivertreter ist geeignet und erforderlich, um das Ziel der Verfahrensökonomie zu erreichen, da freiwillige Modelle sich als wenig wirksam erwiesen haben. Die Zumutbarkeit ist gegeben: Die Registrierung für eine qualifizierte elektronische Signatur erfolgt meist online innerhalb weniger Minuten und ist oft kostenlos; die Kosten pro Signatur liegen bei höchstens Fr. 2.50, die Übermittlung über IncaMail kostet monatlich Fr. 9.90 – deutlich weniger als ein Einschreiben (Fr. 5.80). Auch für ausserkantonale Vertreter ist der Aufwand nicht unverhältnismässig höher, da die Registrierungskosten identisch sind und keine Nachweise für höhere Gesamtkosten vorgelegt wurden. Die Regelung verstösst nicht gegen das BGFA, weil sie kein neues Berufsrecht schafft, sondern eine Verfahrensformvorschrift im Rahmen der kantonalen Kompetenz zur Regelung des Verwaltungsverfahrens darstellt und ein anderes Ziel verfolgt als die BGFA-Berufsregeln, nämlich die Steigerung der Verfahrenseffizienz.

Die entscheidenden Normen sind Art. 27 BV (Wirtschaftsfreiheit), Art. 36 BV (Verhältnismässigkeit), Art. 1 BGFA und Art. 12 BGFA (Berufspflichten), Art. 9 Abs. 1 lit. a ZertES und Art. 9 Abs. 4 Satz 2 ZertES (qualifizierte elektronische Signatur) sowie Art. 4d VRG/ZH (elektronische Verfahrenshandlungen).

Die Beschwerdeführer tragen solidarisch die Gerichtskosten von Fr. 2'000.--; Parteientschädigungen werden nicht geschuldet.

Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass eine kantonale Pflicht zur elektronischen Kommunikation mit Behörden für berufsmässige Vertreter unter bestimmten Voraussetzungen mit der Wirtschaftsfreiheit vereinbar ist und nicht automatisch gegen das bundesrechtlich abschliessend geregelte Anwaltsberufsrecht verstösst, solange sie ein anderes Ziel verfolgt und nicht dessen Sinn und Geist beeinträchtigt.

Regeste

Art. 27, 29 Abs. 1 und Art. 36 BV; kantonales Obligatorium zum elektronischen Behördenverkehr für berufsmässige Parteivertreter (abstrakte Normenkontrolle). Berufsmässige Parteivertreter zu verpflichten, Eingaben an kantonale Verwaltungs- und Justizbehörden elektronisch zu übermitteln sowie unterschriftsbedürftige Eingaben mit einer qualifizierten elektronischen Signatur zu versehen, stellt einen leichten Eingriff in die Wirtschaftsfreiheit dar (E. 4). An der Vereinfachung und Beschleunigung von Verwaltungs- und Gerichtsverfahren besteht vor dem Hintergrund des Rechtsverzögerungsverbots und des Grundsatzes der Verfahrensökonomie ein bedeutsames öffentliches Interesse, zu dessen Verwirklichung die Digitalisierung im Allgemeinen und das strittige Obligatorium im Besonderen einen wichtigen Beitrag leisten (E. 5 und 6.3). Erforderlichkeit des Obligatoriums im Vergleich zu einem Wahlrecht zwischen analog und digital im betreffenden Kanton (E. 6.4). Zumutbarkeit des mit der Umstellung auf das Obligatorium verbundenen Aufwands und des dafür vorgesehenen zeitlichen Rahmens (E. 6.5). Regeste Art. 27, 29 al. 1 et art. 36 Cst.; obligation cantonale pour les représentants professionnels de communiquer par voie électronique avec les autorités (contrôle abstrait des normes). Obliger les représentants professionnels à transmettre des documents aux autorités administratives et judiciaires cantonales par la voie électronique et à apposer une signature électronique qualifiée sur les documents nécessitant une signature est une atteinte légère à la liberté économique (consid. 4). La simplification et l'accélération des procédures administratives et judiciaires présentent un intérêt public significatif au regard des principes de l'interdiction de retarder la justice et d'économie de procédure; à cet égard, la numérisation en général et l'obligation litigieuse en particulier contribuent de manière significative à réaliser cet intérêt (consid. 5 et 6.3). Nécessité de cette obligation par rapport au droit de choisir entre l'analogique et le numérique dans le canton concerné (consid. 6.4). Caractère raisonnable de l'effort lié au passage à l'obligation et du calendrier prévu à cet effet (consid. 6.5). Regesto Artt. 27, 29 cpv. 1 e art. 36 Cost.; obbligo cantonale per i rappresentanti professionali di comunicare per via elettronica con le autorità (controllo astratto delle norme). Obbligare i rappresentanti professionali a trasmettere per via elettronica i documenti alle autorità amministrative e giudiziarie cantonali e ad apporre una firma elettronica qualificata sugli atti che richiedono una firma, costituisce un'ingerenza lieve nella libertà economica (consid. 4). Alla luce del divieto di ritardata giustizia e del principio dell'economia processuale vi è un interesse pubblico pertinente alla semplificazione e alla celerità delle procedure amministrative e giudiziarie, alla cui realizzazione la digitalizzazione in generale e l'obbligo contestato in particolare contribuiscono in modo importante (consid. 5 e 6.3). Necessità di questo obbligo rispetto al diritto di scegliere fra analogico e digitale nel Cantone in questione (consid. 6.4). Ammissibilità dei costi legati alla conversione e della relativa tempistica (consid. 6.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.