Übermittlung von Jugendpersonalakte und psychiatrischer Patientenakte an Staatsarchiv: Eingriff in informationelle Selbstbestimmung ist verfassungsmässig gerechtfertigt (Art. 13 BV, Art. 36 BV, Art. 8 EMRK)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 148 I 233 · ATF 148 I 233 · DTF 148 I 233
- Datum
- 01.01.2022
- Geschäftsnummer
- BGE 148 I 233
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Der Beschwerdeführer A. beantragte vor dem Bundesgericht die Herausgabe seiner Jugendpersonalakte der Jugendanwaltschaft Basel-Stadt und seiner psychiatrischen Patientenakte der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel sowie deren Sperrung oder Löschung. Er wandte sich gegen die Übermittlung dieser Akten durch die Behörden an das Staatsarchiv des Kantons Basel-Stadt. Streitig war, ob diese Weitergabe gesundheitsbezogener und damit besonders schützenswerter personenbezogener Daten an das Staatsarchiv einen unzulässigen Eingriff in sein Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung darstellt.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Weitergabe der gesundheitsbezogenen Daten aus der Jugendpersonalakte (1988–1991) und der psychiatrischen Patientenakte (1985–2000) an das Staatsarchiv einen Eingriff in den Schutzbereich des Privatlebens und der informationellen Selbstbestimmung gemäss Art. 13 BV und Art. 8 EMRK darstellt. Dieser Eingriff beruht jedoch auf einer hinreichend klaren und vorhersehbaren gesetzlichen Grundlage im kantonalen Archivgesetz (Art. 36 BV, Art. 36 Abs. 1 BV), das seit 1. November 1998 gilt und auch auf bereits bestehende Akten anwendbar ist, da es sich um zeitlich offene Dauersachverhalte handelt und kein Vertrauensschutz nach Art. 9 BV beeinträchtigt wird. Der Eingriff verfolgt ein zulässiges öffentliches Interesse im Sinne von Art. 36 Abs. 2 BV und Art. 8 Ziff. 2 EMRK, nämlich die langfristige Dokumentation staatlichen Handelns, die historische Aufarbeitung und das Verständnis demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen. Die Verhältnismässigkeit ist gewährleistet durch umfassende Schutzmechanismen im Archivgesetz: Schutzfristen von mindestens 30 Jahren (bzw. 10 Jahre nach Tod), zusätzliche Einschränkungen bei medizinischen Unterlagen, eine Interessenabwägung vor jeder Einsichtnahme, die Möglichkeit von Auflagen wie Anonymisierung oder Vertraulichkeitsverpflichtung sowie ein Auskunfts- und Gegendarstellungsrecht für die betroffene Person. Die Strafbestimmung nach Art. 292 StGB sichert die Einhaltung dieser Vorgaben. Das Bundesgericht hielt fest, dass die Interessenabwägung im Einzelfall erst bei der konkreten Zugangsentscheidung des Staatsarchivs erfolgt und nicht bereits bei der Archivierung selbst – eine vorzeitige Herausgabe oder Vernichtung würde die Vollständigkeit und Gleichbehandlung des Archivguts untergraben.
Regeste
Art. 13 und 36 BV, Art. 8 EMRK; Übermittlung von Personalakten der Jugendanwaltschaft des Kantons Basel-Stadt und von Behandlungsunterlagen der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel an das Basler Staatsarchiv. Die Weitergabe von gesundheitsbezogenen - und damit höchstpersönlichen bzw. besonders schützenswerten - Daten durch die Jugendanwaltschaft und die Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel an das Basler Staatsarchiv stellt einen Eingriff in den Schutzbereich des Privatlebens und der informationellen Selbstbestimmung dar (E. 3). Dieser beruht im vorliegenden Fall gestützt auf das kantonale Archivgesetz auf einer hinreichenden gesetzlichen Grundlage (E. 4), liegt mit Blick auf die wesentliche Rolle der Archivierung für das Verständnis der Entwicklung demokratischer und rechtsstaatlicher Strukturen bzw. der historischen Aufarbeitung staatlichen Handelns im öffentlichen Interesse (E. 5) und ist mit Blick auf die Schutzmechanismen im kantonalen Archivgesetz (Schutzfristen, Interessenabwägung vor der Einsichtnahme, mögliche Auflagen usw.) auch verhältnismässig (E. 6). Regeste Art. 13 et 36 Cst., art. 8 CEDH; transmission de dossiers personnels du Ministère public des mineurs du canton de Bâle-Ville et de dossiers médicaux des Cliniques psychiatriques universitaires de Bâle aux archives cantonales du canton de Bâle-Ville. La transmission de données relatives à la santé - et par conséquent strictement personnelles, respectivement sensibles - du Ministère public des mineurs et des Cliniques psychiatriques universitaires de Bâle aux archives cantonales de Bâle-Ville constitue une atteinte au droit au respect à la vie privée et à l'autodétermination informationnelle (consid. 3). Celle-ci repose en l'espèce sur une base légale suffisante en vertu de la loi sur l'archivage du canton de Bâle-Ville (consid. 4), est dans l'intérêt public compte tenu du rôle essentiel de l'archivage pour la compréhension de l'évolution des structures démocratiques et de l'Etat de droit, respectivement pour l'étude historique des actions étatiques (consid. 5), et est également proportionnée au vu des mécanismes de protection prévus par la loi cantonale sur l'archivage (délais de protection, pesée des intérêts avant la consultation, conditions éventuelles, etc.) (consid. 6). Regesto Art. 13 e 36 Cost., art. 8 CEDU; trasmissione all'Archivio di Stato del Cantone di Basilea Città degli incarti personali da parte del Ministero pubblico basilese dei minorenni e delle cartelle dei pazienti gestite dalle Cliniche psichiatriche universitarie di Basilea. La trasmissione all'Archivio di Stato basilese di dati concernenti la salute - quindi strettamente personali rispettivamente particolarmente degni di protezione - da parte del Ministero pubblico dei minorenni e delle Cliniche psichiatriche universitarie di Basilea costituisce un'ingerenza nella sfera di protezione della vita privata e del diritto all'autodeterminazione informativa (consid. 3). Nel caso concreto tale ingerenza dispone di una base legale sufficiente nella legge cantonale sull'archiviazione (consid. 4), persegue un interesse pubblico considerato il ruolo essenziale dell'archiviazione per la comprensione dell'evoluzione delle strutture democratiche e dello Stato di diritto rispettivamente per lo studio storico dell'attività statale (consid. 5) ed è anche proporzionale visti i meccanismi di protezione previsti dalla legge cantonale sull'archiviazione (termini di protezione, ponderazione degli interessi prima di consentire la consultazione, eventuali ulteriori restrizioni, ecc.) (consid. 6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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