Strafrechtliche Landesverweisung eines langjährigen Schweizerwohners mit schwerstbehindertem erwachsenem Sohn: schwerer persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB bejaht (Art. 66a Abs. 2 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 I 248 · ATF 151 I 248 · DTF 151 I 248
- Datum
- 01.01.2025
- Geschäftsnummer
- BGE 151 I 248
- Abteilung
- CH_BGE_001
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ein Beschwerdeführer wurde wegen versuchter vorsätzlicher Tötung zu einer Freiheitsstrafe verurteilt und zusätzlich zur Landesverweisung verurteilt. Er erhob Beschwerde in Strafsachen und beantragte unter anderem, von der Landesverweisung abzusehen, weil diese einen schweren persönlichen Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB darstelle. Streitig war, ob die Landesverweisung – die stets mit einem Einreiseverbot verbunden ist – einen Eingriff in das durch Art. 8 EMRK und Art. 13 BV geschützte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens darstellt und ob dies einen schweren persönlichen Härtefall begründet, der eine Absehung von der Landesverweisung erfordert.
Das Bundesgericht stellt fest, dass die Landesverweisung im Gegensatz zur bloßen Verweigerung einer Aufenthaltsbewilligung zwingend mit einem Einreiseverbot einhergeht und daher weitreichendere Auswirkungen auf das durch Art. 8 EMRK und Art. 13 BV geschützte Privat- und Familienleben hat, da sie auch die Ausübung des Besuchsrechts in der Schweiz verunmöglicht. Die Kontaktpflege des Beschwerdeführers zu seinem in einer Pflegeeinrichtung lebenden schwerstbehinderten erwachsenen Sohn fällt in den Schutzbereich dieser Normen, weil der Sohn auf Besuche durch seine Angehörigen angewiesen ist und soziale Kontakte nicht eigenständig pflegen kann. Der Beschwerdeführer lebt seit mehr als 24 Jahren in der Schweiz, hat hier seine Kinder grossgezogen und pflegt regelmässige Besuche bei seinem Sohn; dessen Mutter ist bereits verstorben. Vor diesem Hintergrund ist ein schwerer persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB zu bejahen. Die Frage, ob Art. 67 Abs. 5 AIG sinngemäss auf die Landesverweisung anwendbar ist, betrifft hingegen den Vollzug der Landesverweisung und liegt nicht in der Zuständigkeit der I. strafrechtlichen Abteilung. Auch die Möglichkeit von Hafturlaub nach Art. 84 Abs. 6 StGB rechtfertigt keine Verneinung des Härtefalls, da der Beschwerdeführer ein Interesse daran hat, seinen Sohn nach Verbüssung der Freiheitsstrafe wieder besuchen zu können. Das Bundesgericht heisst die Beschwerde daher teilweise gut und weist sie im Übrigen ab, soweit es darauf eintritt.
Die Entscheidung klärt, dass bei der Härtefallprüfung nach Art. 66a Abs. 2 StGB der Eingriff in die familiäre Beziehung bereits bei der Anordnung der Landesverweisung zu berücksichtigen ist und nicht erst im Vollzug. Sie bestätigt zudem, dass das Verhältnis zu einem volljährigen Kind nur dann unter das geschützte Familienleben fällt, wenn ein über die üblichen Bindungen hinausgehendes Abhängigkeitsverhältnis besteht – hier infolge schwerster Behinderung und Pflegebedürftigkeit.
Regeste
Art. 8 EMRK; Art. 13 BV; Art. 66a Abs. 2 StGB; Art. 5 Abs. 1 lit. d und Art. 67 Abs. 5 AIG; Landesverweisung; schwerer persönlicher Härtefall; Zulässigkeit einer vorübergehenden Suspendierung der Landesverweisung aus humanitären Gründen. Bei der Frage, ob der in Art. 8 EMRK und Art. 13 BV verankerte Anspruch auf Achtung des Privat- und Familienlebens durch eine Landesverweisung tangiert ist, ist zu beachten, dass die Landesverweisung - anders als die blosse Verweigerung einer Aufenthaltsbewilligung - zwingend mit einem Einreiseverbot einhergeht (vgl. Art. 5 Abs. 1 lit. d AIG). Die Landesverweisung hat im Vergleich zur blossen Verweigerung einer Aufenthaltsbewilligung daher weitreichendere Auswirkungen auf das durch Art. 8 EMRK und Art. 13 BV geschützte Privat- und Familienleben, da sie auch die Ausübung des Besuchsrechts in der Schweiz verunmöglicht (E. 5.6.2). Die Kontaktpflege des Beschwerdeführers zu seinem in einer Pflegeeinrichtung lebenden schwerstbehinderten erwachsenen Sohn fällt in den Schutzbereich von Art. 8 EMRK und Art. 13 BV, weshalb ein eine Interessenabwägung erfordernder schwerer persönlicher Härtefall im Sinne von Art. 66a Abs. 2 StGB zu bejahen ist (E. 5.7.1). Die im StGB und im AIG nicht explizit geregelte Frage nach der Zulässigkeit einer vorübergehenden Suspendierung der Landesverweisung aus humanitären Gründen kann auch für die Beurteilung der Verhältnismässigkeit der Anordnung einer Landesverweisung von Bedeutung sein. Ob Art. 67 Abs. 5 AIG auf die Landesverweisung sinngemäss anwendbar ist, betrifft jedoch eine Frage des Vollzugs der Landesverweisung, für deren Beurteilung die I. strafrechtliche Abteilung des Bundesgerichts nicht zuständig ist (E. 5.7.2). Regeste Art. 8 CEDH; art. 13 Cst.; art. 66a al. 2 CP; art. 5 al. 1 let. d et art. 67 al. 5 LEI; expulsion; situation personnelle grave; admissibilité d'une suspension temporaire de l'expulsion pour des raisons humanitaires. Lorsqu'il s'agit de déterminer si le droit au respect de la vie privée et familiale, ancré à l'art. 8 CEDH et à l'art. 13 Cst., est touché par une expulsion, il convient de noter que l'expulsion - contrairement au simple refus d'un permis de séjour - s'accompagne obligatoirement d'une interdiction d'entrée (cf. art. 5 al. 1 let. d LEI). Par rapport au simple refus d'un permis de séjour, l'expulsion a donc des conséquences plus importantes sur la vie privée et familiale protégée par l'art. 8 CEDH et l'art. 13 Cst., car elle rend également impossible l'exercice du droit de visite en Suisse (consid. 5.6.2). Le maintien des contacts entre le recourant et son fils adulte gravement handicapé vivant dans un établissement de soins relève du champ de protection de l'art. 8 CEDH et de l'art. 13 Cst., de sorte qu'il y a lieu d'admettre une situation personnelle grave au sens de l'art. 66a al. 2 CP, qui nécessite une pesée des intérêts (consid. 5.7.1). La question de l'admissibilité d'une suspension temporaire de l'expulsion pour des raisons humanitaires, qui n'est pas explicitement réglementée dans le CP et la LEI, peut également être pertinente pour évaluer la proportionnalité d'une expulsion. La question de savoir si l'art. 67 al. 5 LEI est applicable par analogie à l'expulsion concerne toutefois l'exécution de l'expulsion, qui ne relève pas de la compétence de la Ire Cour de droit pénal du Tribunal fédéral (consid. 5.7.2). Regesto Art. 8 CEDU; art. 13 Cost.; art. 66a cpv. 2 CP; art. 5 cpv. 1 lett. d e art. 67 cpv. 5 LStrI; espulsione; grave caso di rigore personale; ammissibilità di una sospensione temporanea dell'espulsione per motivi umanitari. Per determinare se l'espulsione costituisce un'ingerenza nel diritto al rispetto della vita privata e familiare sancito dall'art. 8 CEDU e dall'art. 13 Cost., occorre considerare che, contrariamente al semplice rifiuto di un'autorizzazione di soggiorno, l'espulsione sottende necessariamente un divieto di entrata (cfr. art. 5 cpv. 1 lett. d LStrI). Rispetto al semplice rifiuto di un'autorizzazione di soggiorno, l'espulsione è pertanto più incisiva sulla vita privata e familiare tutelata dall'art. 8 CEDU e dall'art. 13 Cost., atteso che preclude anche l'esercizio del diritto di visita in Svizzera (consid. 5.6.2). Il mantenimento dei contatti tra il ricorrente e il figlio adulto, gravemente disabile, residente in una struttura specializzata rientra nel campo di protezione dell'art. 8 CEDU e dell'art. 13 Cost., di modo che sussiste un grave caso di rigore personale ai sensi dell'art. 66a cpv. 2 CP che impone di effettuare una ponderazione degli interessi (consid. 5.7.1). L'ammissibilità di una sospensione temporanea dell'espulsione per motivi umanitari, non esplicitamente disciplinata nel CP né nella LStrI, può essere rilevante anche per valutare la proporzionalità di un'espulsione. L'eventuale applicazione per analogia dell'art. 67 cpv. 5 LStrI all'espulsione è però una questione afferente l'esecuzione dell'espulsione, il cui giudizio non compete alla I Corte di diritto penale del Tribunale federale (consid. 5.7.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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