Invaliditätspensionärin beantragt Übernahme von Kinderkrippenkosten als Krankheits- und Behinderungskosten: Kein Anspruch, da Aufzählung in Art. 14 Abs. 1 lit. b ELG abschliessend ist
- BGE / ATF / DTF
- BGE 147 V 312 · ATF 147 V 312 · DTF 147 V 312
- Datum
- 28.05.2021
- Geschäftsnummer
- 9C_215/2020
- Abteilung
- II. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 53 ATSG Art. 42 BGG Art. 43 BGG Art. 95 BGG Art. 102 BGG Art. 8 BV Art. 9 BV Art. 3 ELG Art. 9 ELG Art. 10 ELG Art. 13 ELG Art. 14 ELG Art. 7 ELV Art. 8 EMRK Art. 9 KRK Art. 13 VKB/SG
Zusammenfassung
Eine an einer bipolaren affektiven Störung leidende Versicherte, die seit 2015 eine ganze IV-Rente bezieht, beantragte rückwirkend ab Juni 2012 die Übernahme der Kosten für die Kinderkrippe ihres Sohnes als Krankheits- und Behinderungskosten im Rahmen der Ergänzungsleistungen zur AHV/IV. Die Sozialversicherungsanstalt des Kantons St. Gallen lehnte dies ab, da es sich bei den Betreuungskosten für ein gesundes Kind nicht um solche Kosten handele. Das kantonale Versicherungsgericht wies die Beschwerde dagegen ab. Die Versicherte erhob Beschwerde ans Bundesgericht und verlangte die Feststellung, dass die Kosten für die Kinderkrippe von Juni 2012 bis Oktober 2018 von der SVA übernommen werden müssten. Sie berief sich dabei auf das Gleichbehandlungsgebot sowie auf das Übereinkommen über die Rechte des Kindes.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass die Aufzählung der vergütungsfähigen Krankheits- und Behinderungskosten in Art. 14 Abs. 1 lit. b ELG abschliessend ist und Kinderkrippenkosten für ein gesundes Kind nicht darin enthalten sind. Auch die kantonale Verordnung über die Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten bei Ergänzungsleistungen (VKB/SG) sieht gemäss Art. 13 Abs. 1 VKB/SG keine Übernahme solcher Kosten vor, da diese nur für Personen in einer Einrichtung mit Behinderung oder in zugelassenen Tages- und Nachtstrukturen gilt – Voraussetzungen, die eine Kinderkrippe nicht erfüllt. Eine Verletzung des Gleichbehandlungsgebots (Art. 8 Abs. 1 BV) lag nicht vor, weil die Situation einer dauerhaften Fremdplatzierung eines Kindes in einem Heim oder einer Pflegefamilie strukturell anders ist als die zeitweise Betreuung in einer Kinderkrippe: Bei dauerhafter Fremdplatzierung erfolgt eine separate Berechnung nach Art. 9 Abs. 5 lit. a ELG i.V.m. Art. 7 Abs. 1 lit. c ELV, während bei der Beschwerdeführerin sämtliche existenzsichernden Leistungen nach Art. 10 ELG bereits gedeckt sind. Auch eine Verletzung von Art. 9 KRK oder Art. 8 EMRK war nicht gegeben, da kein staatlicher Eingriff in das Familienleben stattgefunden hatte und der angefochtene Entscheid keinen Zwang zur Fremdplatzierung des Kindes bewirkte. Zudem war die vorherige Leistungszusprache für Januar bis Mai 2017 zweifellos unrichtig, weil sie gegen die abschliessende gesetzliche Aufzählung in Art. 14 Abs. 1 ELG verstossen hatte, sodass die Wiedererwägung nach Art. 53 Abs. 2 ATSG rechtmässig war. Die Beschwerdeführerin erhielt unentgeltliche Rechtspflege nach Art. 64 BGG, musste aber die Gerichtskosten nach Art. 66 Abs. 1 BGG tragen. Die Entscheidung klärt endgültig, dass Ergänzungsleistungen nicht alle behinderungsbedingten Lebenskosten abdecken müssen, sondern nur jene, die ausdrücklich im Gesetz aufgeführt sind.
Regeste
Art. 14 Abs. 1 lit. b ELG; Art. 13 Abs. 1 der st. gallischen Verordnung über die Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten bei Ergänzungsleistungen; Art. 8 Abs. 1 und Art. 13 Abs. 1 BV; Krankheits- und Behinderungskosten. Eine kantonale Ausführungsbestimmung zu den im Rahmen der Ergänzungsleistung zu tragenden Krankheits- und Behinderungskosten, die wie die vormalige Regelung in der ELKV keine Übernahme von Kosten für die Betreuung eines gesunden Kindes in einer Tagesstruktur vorsieht, ist gesetzeskonform (E. 6.2). Dies führt weder zu einer Ungleichbehandlung mit Kindern, die dauerhaft fremdplatziert sind (E. 6.3), noch verstösst eine solche Bestimmung grundsätzlich gegen das Recht auf Achtung des Familienlebens (E. 6.4). Regeste Art. 14 al. 1 let. b LPC; art. 13 al. 1 du règlement saint-gallois sur le remboursement des frais de maladie et d'invalidité en matière de prestations complémentaires; art. 8 al. 1 et art. 13 al. 1 Cst.; frais de maladie et d'invalidité. Une disposition cantonale d'exécution concernant les frais de maladie et d'invalidité à prendre en charge dans le cadre des prestations complémentaires, qui ne prévoit pas la prise en charge des frais de garde d'un enfant en bonne santé dans une structure d'accueil de jour comme la règlementation antérieure de l'OMPC, est conforme à la loi (consid. 6.2). Cela ne conduit pas à une inégalité de traitement avec des enfants qui sont placés durablement auprès de tiers (consid. 6.3); une telle disposition ne viole en principe pas non plus le droit au respect de la vie familiale (consid. 6.4). Regesto Art. 14 cpv. 1 lett. b LPC; art. 13 cpv. 1 dell'ordinanza del Canton San Gallo sulla rifusione delle spese di malattia e di invalidità nelle prestazioni complementari; art. 8 cpv. 1 e art. 13 cpv. 1 Cost.; spese di malattia e di invalidità. Una norma cantonale di applicazione che regola le spese di malattia di invalidità da rifondere nel quadro delle prestazioni complementari, la quale non prevede la presa a carico delle spese di custodia di un figlio in buona salute in una struttura di accoglienza di giorno come nella previgente OMPC, è conforme alla legge (consid. 6.2). Questa situazione non comporta una disparità di trattamento con i figli che sono durevolmente collocati presso terzi (consid. 6.3); una tale disposizione non viola di principio nemmeno il rispetto della vita familiare (consid. 6.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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