FIFA-Funktionär aus Nicaragua wird an die USA ausgeliefert: Keine Strafbarkeitsbedingung durch fehlende Klage, keine willkürliche US-Zuständigkeit, Vorrangentscheid rechtmäßig (Art. 84 BGG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 IV 250 · ATF 142 IV 250 · DTF 142 IV 250
- Datum
- 02.05.2016
- Geschäftsnummer
- BGE 142 IV 250
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 35 AIMP Art. 2 AVUS Art. 43 BGG Art. 84 BGG Art. 103 BGG Art. 21 IRSG Art. 32 IRSG Art. 4a UWG
Zusammenfassung
Ein nicaraguanischer FIFA-Funktionär wurde in der Schweiz festgenommen und soll an die USA ausgeliefert werden, weil ihm dort Bestechlichkeit im Zusammenhang mit Vermarktungsrechten der nicaraguanischen Nationalmannschaft vorgeworfen wird. Gleichzeitig stellte Nicaragua ein konkurrierendes Auslieferungsersuchen. Der Beschwerdeführer rügte, dass seine Tat nach schweizerischem Recht nicht strafbar sei, weil die geschädigte FENIFUT keinen Strafantrag gestellt habe, dass die USA ihre örtliche Zuständigkeit willkürlich bejaht hätten und dass dem nicaraguanischen Ersuchen Vorrang gebühre. Er beantragte, seinen Fall an die Vorinstanz zurückzuweisen oder ihn an Nicaragua auszuliefern.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es stellte fest, dass der Fall besonders bedeutend ist, weil es sich um den ersten Fall handelt, in dem das Bundesgericht über die Auslieferung eines in der Schweiz verhafteten FIFA-Funktionärs entscheidet, und weil die Sache weltweites Medieninteresse und erhebliche Auswirkungen auf die Beziehungen der Schweiz zu den USA und Nicaragua haben kann (Art. 84 BGG). Die Beschwerdebegründung durfte ergänzt werden, weil dem Vertreter des Beschwerdeführers nur vier Arbeitstage zur Verfügung standen und der Fall umfangreich war (Art. 43 BGG). Zur Strafbarkeit nach schweizerischem Recht stellte das Gericht klar, dass das Erfordernis eines Strafantrags bei der Prüfung der Auslieferungsfähigkeit unbeachtlich ist; das Verhalten fällt prima facie unter den Tatbestand der passiven Privatbestechung nach Art. 23 Abs. 1 i.V.m. Art. 4a Abs. 1 lit. b UWG (Art. 2 AVUS, Art. 23 Abs. 1 i.V.m. Art. 4a Abs. 1 lit. b UWG, Art. 35 Abs. 2 lit. a IRSG). Zur örtlichen Zuständigkeit der USA führte das Gericht aus, dass der Beschwerdeführer Vertragsverhandlungen teilweise in den USA führte, den Vertrag dort unterzeichnete, eine US-basierte Firma bestach und das Bestechungsgeld über ein US-Konto floss – dies rechtfertigt die Zuständigkeit ohne Willkür (Art. 32 IRSG). Zum Vorrang der USA berücksichtigte das Gericht die frühere Einreichung des Ersuchens, den Sitz der beschuldigten Firma in den USA, die Möglichkeit der Weiterlieferung an Nicaragua, die umfassende Ermittlung der US-Behörden gegen mehrere Funktionäre sowie die fehlende Auslieferungsverpflichtung Nicaraguas gegenüber eigenen Staatsangehörigen; das Bundesamt für Justiz habe daher seinen weiten Ermessensspielraum nach Art. 17 AVUS und Art. 40 IRSG nicht überschritten. Die Beschwerde hatte ohnehin von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung (Art. 103 Abs. 2 lit. c BGG, Art. 21 Abs. 4 lit. a IRSG). Der Beschwerdeführer trägt die Kosten (Art. 66 Abs. 1 Satz 1 BGG).
Regeste
a Art. 84 BGG; Auslieferung eines FIFA-Funktionärs an die USA, besonders bedeutender Fall. Besonders bedeutender Fall in Anbetracht der Tragweite der Angelegenheit bejaht (E. 1.3). Regeste b Art. 43 BGG; ergänzende Beschwerdeschrift. Nicht erstreckbare Nachfrist zur Ergänzung der Beschwerdebegründung ausnahmsweise gewährt, da dem Vertreter des Beschwerdeführers nur vier Arbeitstage zur Ausarbeitung der Beschwerdeschrift zur Verfügung standen und der Fall vergleichsweise umfangreich war (E. 1.5). Regeste c Art. 2 AVUS, Art. 23 Abs. 1 i.V.m. Art. 4a Abs. 1 lit. b UWG, Art. 35 Abs. 2 lit. a IRSG; Strafbarkeit nach schweizerischem Recht, Antragserfordernis. Bei der Beurteilung der Strafbarkeit nach schweizerischem Recht ist das Erfordernis des Strafantrags unbeachtlich (E. 5). Regeste d Art. 32 IRSG; örtliche Zuständigkeit des ersuchenden Staates. Die Rechtshilfe darf nur verweigert werden, wenn der ersuchende Staat seine Zuständigkeit in willkürlicher Weise bejaht. Im zu beurteilenden Fall keine willkürliche Bejahung der Zuständigkeit durch die USA (E. 6). Regeste e Art. 17 AVUS, Art. 40 IRSG; konkurrierende Auslieferungsersuchen der USA und Nicaraguas, Vorrang. Keine Ermessensüberschreitung, wenn das Bundesamt für Justiz unter den gegebenen Umständen dem Auslieferungsersuchen der USA den Vorrang gegeben hat (E. 7). Regeste f Art. 103 Abs. 2 lit. c BGG, Art. 21 Abs. 4 lit. a IRSG; Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten; aufschiebende Wirkung. Die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten gegen einen Entscheid, der die Auslieferung bewilligt, hat von Gesetzes wegen aufschiebende Wirkung (E. 8). Regeste a Art. 84 LTF; extradition d'un fonctionnaire de la FIFA vers les USA, cas particulièrement important. Cas particulièrement important admis au regard de la portée de l'affaire (consid. 1.3). Regeste b Art. 43 LTF; mémoire complémentaire. Un délai supplémentaire non prolongeable est exceptionnellement accordé pour compléter la motivation d'un recours dès lors que le mandataire du recourant ne disposait que de quatre jours ouvrables pour rédiger l'acte de recours et que l'affaire était d'une certaine ampleur (consid. 1.5). Regeste c Art. 2 TEXUS, art. 23 al. 1 en relation avec l'art. 4a al. 1 let. b LCD, art. 35 al. 2 let. a EIMP; punissabilité selon le droit suisse, exigence d'une plainte pénale. L'existence d'une plainte pénale est sans pertinence pour l'examen de la punissabilité selon le droit suisse (consid. 5). Regeste d Art. 32 EIMP; compétence territoriale de l'Etat requérant. L'entraide pénale peut seulement être refusée lorsque l'Etat requérant a arbitrairement reconnu sa compétence. Dans le cas d'espèce, aucune attribution arbitraire de compétence par les USA (consid. 6). Regeste e Art. 17 TEXUS, art. 40 EIMP; demandes concurrentes d'extradition formulées par les USA et le Nicaragua, priorité. Pas d'excès du pouvoir d'appréciation lorsque l'Office fédéral de la justice accorde, dans les circonstances données, la priorité à la demande d'extradition des USA (consid. 7). Regeste f Art. 103 al. 2 let. c LTF, art. 21 al. 4 let. a EIMP; recours en matière de droit public; effet suspensif. Le recours en matière de droit public formé contre une décision qui accorde l'extradition, est doté d'un effet suspensif de par la loi (consid. 8). Regesto a Art. 84 LTF; estradizione di un funzionario della FIFA verso gli Stati Uniti d'America, caso particolarmente importante. Caso particolarmente importante ammesso in considerazione della portata della fattispecie (consid. 1.3). Regesto b Art. 43 LTF; memoria integrativa. Poiché il patrocinatore del ricorrente disponeva soltanto di quattro giorni feriali per la stesura dell'atto di ricorso e il caso era voluminoso, eccezionalmente è accordato un termine supplementare non prorogabile per completarne la motivazione (consid. 1.5). Regesto c Art. 2 TEstrSU, art. 23 cpv. 1 in relazione con l'art. 4a cpv. 1 lett. b LCSl, art. 35 cpv. 2 lett. a AIMP; punibilità secondo il diritto svizzero, esigenza della querela. L'esigenza di una querela è irrilevante per l'esame della punibilità secondo il diritto svizzero (consid. 5). Regesto d Art. 32 AIMP; competenza territoriale dello Stato richiedente. L'assistenza internazionale in materia penale può essere rifiutata soltanto se lo Stato richiedente ha ammesso in modo arbitrario la propria competenza. In concreto, nessun riconoscimento arbitrario della competenza da parte degli Stati Uniti (consid. 6). Regesto e Art. 17 TEstrSU, art. 40 AIMP; domande di estradizione concorrenti formulate dagli Stati Uniti e dal Nicaragua, priorità. Nessun eccesso del potere di apprezzamento se, nelle circostanze date, l'Ufficio federale di giustizia ha accordato la priorità alla domanda di estradizione degli Stati Uniti (consid. 7). Regesto f Art. 103 cpv. 2 lett. c LTF, art. 21 cpv. 4 lett. a AIMP; ricorso in materia di diritto pubblico; effetto sospensivo. Il ricorso in materia di diritto pubblico contro una decisione che concede l'estradizione ha effetto sospensivo per legge (consid. 8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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