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Justizze. Art. 80 AIG

Bundesgericht

Ausländer in Durchsetzungshaft wegen Wegweisung nach Mali: Corona-bedingte Flugstreichungen machen Vollzug absehbar unmöglich, Haft unverhältnismässig (Art. 78 Abs. 6 lit. a AIG)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 II 49 · ATF 147 II 49 · DTF 147 II 49
Datum
21.07.2020
Geschäftsnummer
2C_408/2020
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 78 AIG Art. 80 AIG Art. 105 BGG Art. 5 EMRK

Zusammenfassung

Ein ausländischer Staatsangehöriger aus Mali, der mehrfach strafrechtlich belangt wurde und gegen den eine rechtskräftige Wegweisung ergangen war, befand sich seit Januar 2020 in Durchsetzungshaft. Er erhob Beschwerde gegen die Verlängerung dieser Haft durch das kantonale Verwaltungsgericht, weil coronabedingte Reisebeschränkungen und die Schliessung des Flughafens Bamako Senou die Rückkehr nach Mali technisch unmöglich machten. Er argumentierte, die Haft sei unverhältnismässig, da der Vollzug der Wegweisung nicht absehbar sei, und beantragte seine sofortige Entlassung. Die Vorinstanz hatte die Beschwerde abgewiesen und festgestellt, die freiwillige Rückkehr sei nur vorübergehend erschwert.

Das Bundesgericht hob das Urteil des Verwaltungsgerichts des Kantons Zürich auf und ordnete die unverzügliche Entlassung des Beschwerdeführers aus der Durchsetzungshaft an. Es stellte fest, dass zum Zeitpunkt des angefochtenen Entscheids vom 22. Mai 2020 keine ernsthaften Aussichten bestanden, die Wegweisung nach Mali innerhalb einer dem Einzelfall angemessenen Zeitspanne technisch zu vollziehen, weil der internationale Flughafen Bamako Senou seit dem 20. März 2020 für Passagierflüge geschlossen war und das Staatssekretariat für Migration lediglich vage Vermutungen über eine mögliche Wiederaufnahme des Flugbetriebs äusserte, ohne konkrete Hinweise auf einen baldigen Vollzug vorzulegen. Eine bloss theoretische oder vage Möglichkeit, dass ein technisches Hindernis entfallen könnte, reicht nicht aus, um die Aufrechterhaltung der Durchsetzungshaft zu rechtfertigen; dies verstösst gegen Art. 78 Abs. 6 lit. a AIG, welches die Haft beendet, wenn eine selbständige und pflichtgemässe Ausreise nicht möglich erscheint, obwohl die betroffene Person den behördlich vorgegebenen Mitwirkungspflichten nachgekommen ist, sowie gegen Art. 5 Ziff. 1 lit. f EMRK, die eine Haft zur Sicherung eines schwebenden Ausweisungsverfahrens nur zulässt, solange der Vollzug der Wegweisung absehbar ist. Die Vorinstanz hatte zudem bei ihrer Prognose nicht berücksichtigt, dass die Durchsetzungshaft bereits wiederholt verlängert worden war und der Beschwerdeführer geltend machte, in der Schweiz eine Tochter zu haben, was im Rahmen der persönlichen Verhältnisse hätte geprüft werden müssen (Art. 80 Abs. 4 AIG). Das Bundesgericht hielt fest, dass die Fortsetzung der Haft das Übermassverbot verletzte. Für das bundesgerichtliche Verfahren wurden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 66 Abs. 4 BGG), und der Kanton Zürich wurde verpflichtet, der Rechtsvertreterin des Beschwerdeführers eine Parteientschädigung von Fr. 2'500.-- auszurichten (Art. 68 Abs. 1 BGG). Diese Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass die Absehbarkeit des Wegweisungsvollzugs bei Durchsetzungshaft objektiv zu prüfen ist und nicht von der Kooperation des Betroffenen abhängt, sobald ein technisches Hindernis – wie pandemiebedingte Flugstreichungen – besteht, das auch bei vollständiger Mitwirkung nicht überwunden werden kann.

Regeste

Art. 5 Ziff. 1 lit. f EMRK; Art. 78 Abs. 6 lit. a AIG; Art. 99 Abs. 1 und Art. 105 Abs. 1 BGG; Zulässigkeit der Durchsetzungshaft; Unmöglichkeit der freiwilligen Ausreise wegen coronabedingter Reisebeschränkungen (Mali). An der Beurteilung der EMRK-Konformität einer ausländerrechtlichen Administrativhaft besteht ein aktuelles Interesse, auch wenn inzwischen ein neuer Haftverlängerungsentscheid ergangen ist (E. 1). Haben sich die Umstände seit dem angefochtenen Entscheid derart verändert, dass der Haftrichter auf ein Haftentlassungsgesuch ausserhalb der Sperrfristen eintreten müsste, kann das Bundesgericht trotz des Novenverbots neue Entwicklungen zu Gunsten des Inhaftierten in seinem Verfahren berücksichtigen (E. 3.3). Scheitert die Möglichkeit einer freiwilligen Ausreise der sich in Durchsetzungshaft befindlichen ausländischen Person nicht (allein) an ihrem Verhalten, sondern an einem objektiven, in seiner Dauer zeitlich (noch) nicht absehbaren technischen Hindernis, verletzt eine Fortsetzung der Durchsetzungshaft das Übermassverbot. Weil coronabedingt keine Flüge stattfinden, beziehungsweise Ein- oder Ausreisesperren bestehen, kann der Betroffene weder freiwillig nach Mali reisen, noch können die Behörden ihn zwangsweise dorthin verbringen. Die Haftprüfung kann in diesem Fall nicht in dem Sinn "zweistufig" erfolgen, dass die ausländische Person erst mit den Behörden zusammenarbeiten muss, bevor geprüft wird, ob eine freiwillige Ausreise überhaupt möglich ist (E. 4 und 5). Regeste Art. 5 par. 1 let. f CEDH; art. 78 al. 6 let. a LEI; art. 99 al. 1 et art. 105 al. 1 LTF; admissibilité de la détention pour insoumission; départ volontaire impossible en raison des restrictions de voyage liées à la pandémie de coronavirus (Mali). Il existe un intérêt actuel à évaluer la conformité, avec la CEDH, de la détention administrative en application du droit des étrangers, y compris lorsqu'une nouvelle décision de prolongation de la détention a entretemps été rendue (consid. 1). Le Tribunal fédéral peut, dans le cadre de la procédure menée devant lui et malgré l'interdiction des nova, tenir compte de nouveaux développements intervenus en faveur du détenu si, depuis la décision attaquée, les circonstances se sont modifiées de telle manière que le juge de la détention se devrait d'examiner une demande de levée de la détention formée en dehors des délais de protection (consid. 3.3). Pour le cas où le départ volontaire de l'étranger placé en détention pour insoumission est rendu impossible non pas (uniquement) en raison de son comportement, mais d'un obstacle technique objectif dont la durée n'est pas (encore) prévisible, le maintien de l'intéressé en dite détention ne respecte pas le principe de la proportionnalité. Dans la mesure où, à cause de la pandémie de coronavirus, aucun vol n'a lieu, respectivement des interdictions d'entrée et de sortie ont été prononcées, l'intéressé ne peut pas se rendre de son propre gré au Mali, ni être contraint par les autorités d'y retourner. Dans ce cas, un contrôle de la détention "en deux temps", en ce sens que l'étranger doit d'abord coopérer avec les autorités avant qu'il ne soit vérifié si un départ volontaire est possible, ne peut pas être effectué (consid. 4 et 5). Regesto Art. 5 n. 1 lett. f CEDU; art. 78 cpv. 6 lett. a LStrI; art. 99 cpv. 1 e art. 105 cpv. 1 LTF; ammissibilità della carcerazione cautelativa; partenza volontaria impossibile a seguito delle restrizioni di viaggio dovute alla pandemia di coronavirus (Mali). Anche se nel frattempo è stata emanata una nuova decisione di proroga della carcerazione, sussiste un interesse attuale a valutare la conformità alla CEDU di una carcerazione amministrativa pronunciata in base al diritto in materia di stranieri (consid. 1). Nonostante il divieto di nova, il Tribunale federale può considerare nella procedura pendente nuovi elementi a favore della persona incarcerata se, dopo l'emanazione della decisione impugnata, le circostanze sono mutate a tal punto che il giudice della carcerazione dovrebbe esaminare senza riguardo ai termini di attesa un'istanza di scarcerazione (consid. 3.3). Se la possibilità di una partenza volontaria dello straniero in carcerazione cautelativa viene meno non (solo) a causa del suo comportamento, bensì a causa di un oggettivo impedimento tecnico dalla durata non (ancora) prevedibile, il mantenimento della carcerazione viola il principio della proporzionalità. Poiché non vi è alcun volo rispettivamente sussistono divieti di entrata e di uscita in conseguenza della pandemia di coronavirus, l'interessato non può né tornare volontariamente in Mali né esservi costretto dalle autorità. In tal caso, un controllo della carcerazione in "due tempi", nel senso che lo straniero deve innanzitutto collaborare con le autorità prima che venga verificato se una partenza volontaria è possibile, non può essere effettuato (consid. 4 e 5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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