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Justizze. Art. 30 BV

Bundesgericht

Medienakteneinsicht in abgeschlossenes Strafverfahren verweigert: Überwiegende Privat- und Geheimhaltungsinteressen (Art. 30 Abs. 3 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 147 I 463 · ATF 147 I 463 · DTF 147 I 463
Datum
26.05.2021
Geschäftsnummer
BGE 147 I 463
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 13 BV Art. 16 BV Art. 17 BV Art. 29 BV Art. 30 BV Art. 35 EG-StPO/SG Art. 320 StGB Art. 69 StPO Art. 73 StPO Art. 74 StPO

Zusammenfassung

Die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft sowie ein Redaktor beantragten beim Kantonalen Untersuchungsamt St. Gallen Einsicht in die Akten eines rechtskräftig abgeschlossenen Strafverfahrens betreffend ein Entführungs- und Tötungsdelikt aus dem Jahr 2007. Sie beabsichtigten, medial aufgekommene Zeugenaussagen über weitere Tatbeteiligte zu überprüfen. Das Untersuchungsamt wies das Gesuch ab, nachdem es den Angehörigen des Opfers und weiteren Betroffenen rechtliches Gehör gewährt hatte. Die Anklagekammer des Kantons St. Gallen bestätigte die Ablehnung. Dagegen erhob die SRG Beschwerde ans Bundesgericht unter Berufung auf Justizöffentlichkeit, Informationsfreiheit und Medienfreiheit.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab. Es hielt fest, dass das Prinzip der Justizöffentlichkeit gemäss Art. 30 Abs. 3 BV sowie das gesetzliche Öffentlichkeitsrecht keine Grundlage für eine Einsicht in die Akten eines rechtskräftig abgeschlossenen Strafverfahrens bilden. Massgeblich sei vielmehr das kantonale Datenschutzrecht, konkret Art. 35 Abs. 2 lit. g EG-StPO/SG, wonach Dritte nur bei glaubhaftem schützenswertem Interesse und fehlenden überwiegenden Gegeninteressen Zugang erhalten.

Ein solches schützenswertes Interesse ergebe sich für Medienschaffende nicht automatisch aus ihrer Kontrollfunktion gemäss Art. 17 BV. Zwar stehe der Beschwerdeführerin Recherchetätigkeit grundsätzlich frei, doch habe sie bereits Einsicht in relevante Einstellungs- und Nichtanhandnahmeverfügungen erhalten. Eine Pressekonferenz der Behörden vom 7. März 2019 habe zudem das öffentliche Informationsbedürfnis weitgehend befriedigt. Ob überhaupt ein schützenswertes Interesse bestehe, könne daher offengelassen werden.

Der Einsicht stünden jedenfalls überwiegende private Interessen der Beschwerdegegner entgegen. Die Angehörigen des Opfers und ein weiteres Opfer hätten wiederholt erklärt, eine erneute mediale Aufarbeitung nach über zwölf Jahren würde alte Wunden aufreissen. Ihr Schutzanspruch aus Art. 13 BV wiege schwer; die Gründung einer Stiftung durch die Mutter diene der positiven Erinnerung an das Mädchen, nicht der Aufarbeitung des Verbrechens. Auch ein verstorbener Mitbetroffener habe sich gegen die Akteneinsicht ausgesprochen.

Zudem überwögen öffentliche Geheimhaltungsinteressen. Das Vorverfahren unterliege gemäss Art. 69 Abs. 3 lit. a StPO dem Untersuchungsgeheimnis, das auch nach Rechtskraft fortwirke. Dieses diene dem Schutz der Ermittlungstaktiken, der Meinungsbildung innerhalb der Behörden und der Privatsphäre aller Beteiligten. Eine uneingeschränkte Akteneinsicht würde dieses absolute Amtsgeheimnis gemäss Art. 320 StGB verletzen und das Funktionieren der Strafjustiz gefährden.

Regeste

Art. 30 Abs. 3 BV, Art. 6 Ziff. 1 EMRK und Art. 14 Abs. 1 UNO-Pakt II; Art. 29 Abs. 2 BV, Art. 99 Abs. 1 StPO und Art. 35 Abs. 2 lit. g des Einführungsgesetzes des Kantons St. Gallen vom 3. August 2010 zur Schweizerischen Straf- und Jugendstrafprozessordnung (EG-StPO/SG); Art. 13, 16 und 17 BV; Gesuch um Einsicht in die Akten eines rechtskräftig abgeschlossenen Strafverfahrens durch Medienschaffende. Das Prinzip der Justizöffentlichkeit und das gesetzliche Öffentlichkeitsrecht bilden keine Grundlage für die Gewährung von Einsicht in die Akten eines rechtskräftig abgeschlossenen Strafverfahrens (E. 3.1 und 3.2). Gemäss anwendbarem kantonalem Recht ist diese nur zu gewähren, wenn ein schützenswertes Interesse glaubhaft gemacht wird. Zudem dürfen der Einsichtnahme keine überwiegenden öffentlichen oder privaten Interessen entgegenstehen (E. 3.3). Das für die Akteneinsicht geforderte schutzwürdige Interesse ergibt sich nicht ohne Weiteres aus der Kontrollfunktion der Medien. Ob ein solches gegeben ist, wird vorliegend offengelassen, da der Einsichtnahme überwiegende private Interessen der Beschwerdegegner sowie öffentliche Geheimhaltungsinteressen entgegenstehen (E. 5.3, 5.4 und 6). Regeste Art. 30 al. 3 Cst., art. 6 par. 1 CEDH et art. 14 par. 1 Pacte ONU II; art. 29 al. 2 Cst., art. 99 al. 1 CPP et art. 35 al. 2 let. g de la loi d'introduction du CPP et de la PPMin du canton de Saint-Gall du 3 août 2010 (EG-StPO/SG); art. 13, 16 et 17 Cst.; demande de consultation par les médias du dossier d'une procédure pénale achevée par une décision entrée en force. Le principe de publicité de la justice et le droit à la transparence consacré dans la loi ne peuvent pas fonder un droit d'accès au dossier d'une procédure pénale terminée par une décision entrée en force (consid. 3.1 et 3.2). Selon le droit cantonal applicable, un tel accès ne peut être accordé que si un intérêt digne de protection est rendu vraisemblable. En outre, il ne doit pas y avoir d'intérêts publics ou privés prépondérants s'opposant à la consultation (consid. 3.3). L'intérêt digne de protection à la consultation ne saurait se déduire sans autre de la fonction de contrôle reconnue aux médias. La question de savoir s'il existe en l'espèce un tel intérêt est laissée indécise dès lors que les intérêts privés des intimés, ainsi que des intérêts publics au maintien du secret s'opposent à la consultation (consid. 5.3, 5.4 et 6). Regesto Art. 30 cpv. 3 Cost., art. 6 n. 1 CEDU e art. 14 n. 1 Patto ONU II; art. 29 cpv. 2 Cost., art. 99 cpv. 1 CPP e art. 35 cpv. 2 lett. g della legge d'introduzione al codice di diritto processuale penale svizzero e alla procedura penale minorile del Canton San Gallo del 3 agosto 2010 (EG-StPO/SG); art. 13, 16 e 17 Cost.; domanda di consultazione di atti di un procedimento penale concluso con decisione passata in giudicato da parte dei mass media. Il principio della pubblicità della giustizia e la normativa sulla trasparenza non costituiscono una base per concedere un diritto d'accesso agli atti di un procedimento penale concluso con una decisione passata in giudicato (consid. 3.1 e 3.2). Secondo il diritto cantonale applicabile, un tale accesso può essere concesso solo qualora sia reso verosimile un interesse degno di protezione. Non devono inoltre opporvisi interessi pubblici o privati predominanti (consid. 3.3). Il richiesto interesse degno di protezione alla consultazione non deriva senz'altro dalla funzione di controllo dei mass media. La questione di sapere se esso sia dato nella fattispecie è stata lasciata aperta, poiché alla consultazione si oppongono prevalenti interessi privati della controparte, come pure interessi pubblici alla segretezza (consid. 5.3, 5.4 e 6).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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