Reporter stiftet Verwaltungsassistentin zur Amtsgeheimnisverletzung an: Vorstrafen bleiben geheim, keine Rechtfertigung durch Medienfreiheit (Art. 24 Abs. 1, Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 127 IV 122 · ATF 127 IV 122 · DTF 127 IV 122
- Datum
- 01.05.2001
- Geschäftsnummer
- BGE 127 IV 122
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Ein Reporter der Tageszeitung Blick kontaktierte im September 1997 die Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich bezüglich Personen, die im Zusammenhang mit dem Fraumünsterpostraub festgenommen worden waren. Da der zuständige Bezirksanwalt Auskünfte über allfällige Vorstrafen verweigerte, wandte sich der Journalist an eine Verwaltungsassistentin und übermittelte ihr per Fax eine Namensliste mit der Bitte, diese anhand des EDV-Registers auf Einträge wegen Betäubungsmitteldelikten zu prüfen. Die Assistentin nutzte ihren passwortgeschützten Zugang zum System, ergänzte die Liste handschriftlich mit den entsprechenden Informationen und sandte sie zurück an den Reporter. Dieser veröffentlichte die erhaltenen Daten jedoch nicht. Das Obergericht Zürich verurteilte den Reporter wegen Anstiftung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses zu einer bedingten Busse von 500 Franken.
Das Bundesgericht wies die Nichtigkeitsbeschwerde des Reporters ab und bestätigte die Verurteilung wegen Anstiftung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses gemäss Art. 24 Abs. 1 StGB in Verbindung mit Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Das Gericht stellte fest, dass das blosse Ersuchen um eine Auskunft, deren Erteilung einen Straftatbestand erfüllt, objektiv als Anstiftungshandlung qualifiziert, da dadurch der Tatentschluss der befragten Person hervorgerufen wird. Dies gilt auch dann, wenn die angefragte Person frei entscheiden kann, ob sie antwortet, und keine persönliche Beziehung zum Fragenden besteht.
Hinsichtlich der Geheimnisqualität entschied das Bundesgericht, dass Vorstrafen, welche zwar einst in öffentlicher Verhandlung verkündet wurden, später wieder zu Geheimnissen werden können, sobald sie in Vergessenheit geraten und nur noch einem begrenzten Personenkreis bekannt sind. Das öffentliche Informationsinteresse berührt dabei nicht den Tatbestand, sondern höchstens die Rechtswidrigkeit. Im vorliegenden Fall überwog das Geheimhaltungsinteresse der festgenommenen Personen, für welche die Unschuldsvermutung galt, ein allfälliges öffentliches Interesse an der Kenntnis ihrer Vorstrafen.
Der Anstiftungsvorsatz wurde aufgrund der langjährigen Tätigkeit des Beschwerdeführers als Polizei- und Gerichtsreporter bejaht. Ihm konnte nicht entgangen sein, dass personenbezogene Angaben aus amtlichen Registern grundsätzlich geheim gehalten werden müssen, insbesondere da er wusste, dass der zuständige Bezirksanwalt die Auskunft verweigert hatte und er sich bewusst war, dass die Assistentin ihm nur aufgrund seiner Reputation als vertrauenswürdiger Journalist entsprach. Eine Rechtfertigung durch die Medienfreiheit gemäss Art. 17 BV oder journalistische Berufspflichten gemäss Art. 32 StGB wurde verneint, da die Regeln der Journalistenerklärung keine strafrechtliche Rechtfertigung begründen können. Auch der übergesetzliche Rechtfertigungsgrund der Wahrung berechtigter Interessen lag nicht vor. Der Umstand, dass der Reporter die Informationen letztlich nicht publizierte, wurde lediglich strafzumessend berücksichtigt.
Regeste
Anstiftung zur Verletzung des Amtsgeheimnisses (Art. 24 Abs. 1, Art. 320 Ziff. 1 Abs. 1 StGB); Rechtfertigung (Art. 27bis StGB, Art. 17 BV, Art. 32 StGB, Wahrnehmung berechtigter Interessen). Zur Verletzung des Amtsgeheimnisses stiftet an, wer wissend, dass der zuständige Bezirksanwalt Angaben über die Vorstrafen von festgenommenen Personen verweigerte, eine Verwaltungsassistentin der Staatsanwaltschaft um entsprechende Auskünfte ersucht, ihr per Fax eine Liste dieser Personen mit der Bitte übermittelt, ihm die entsprechenden Angaben auf Grund der Eintragungen im EDV-Register zu machen, zu dem sie mittels eines Passwortes Zugang hatte, und sie dadurch veranlasst, ihm die geheimen Angaben zukommen zu lassen. Begriff des "Bestimmens" zu einer Straftat (E. 2). Begriff des "Geheimnisses" in Bezug auf Strafen, die in öffentlicher Verhandlung verkündet wurden und in amtliche Register eingetragen sind (E. 3). Anstiftungsvorsatz (E. 4). Die Eröffnung eines Strafverfahrens wegen des Verdachts der Anstiftung zur Amtsgeheimnisverletzung verstösst nicht gegen Sinn und Zweck des Quellenschutzes gemäss Art. 27bis StGB (E. 5a). Eine Anstiftung zur Amtsgeheimnisverletzung lässt sich weder durch die Medienfreiheit noch durch angebliche journalistische Berufspflichten rechtfertigen (E. 5b). Keine Wahrnehmung berechtigter Interessen (E. 5c). Regeste Instigation à violation du secret de fonction (art. 24 al. 1, art. 320 ch. 1 al. 1 CP; éléments justificatifs (art. 27bis CP, art. 17 Cst., art. 32 CP, sauvegarde d'intérêts légitimes). Se rend coupable d'instigation à violation du secret de fonction celui qui, sachant que le procureur de district a refusé de donner des renseignements sur les condamnations antérieures de personnes arrêtées, s'adresse à une assistante administrative du Ministère public, lui envoie par télécopie une liste des personnes et la prie de lui faire suivre les renseignements correspondants enregistrés dans un ordinateur accessible pour elle au moyen d'un mot de passe, l'amenant ainsi à lui communiquer des données secrètes. Notion de "décider" autrui à commettre un crime ou un délit (consid. 2). Notion de "secret" relatif aux peines prononcées en audience publique et inscrites dans un registre officiel (consid. 3). Intention d'instiguer (consid. 4). L'ouverture d'une procédure pénale pour instigation à violation du secret de fonction n'est pas contraire au sens et au but de la protection des sources prévue à l'art. 27bis CP (consid. 5a). L'instigation à violation du secret de fonction ne saurait être justifiée par la liberté des médias ou par d'hypothétiques devoirs professionnels des journalistes (consid. 5b). Absence d'intérêts légitimes à sauvegarder (consid. 5c). Regesto Istigazione alla violazione del segreto d'ufficio (art. 24 cpv. 1, 320 no 1 cpv. 1 CP); motivi giustificativi (art. 27bis CP, art. 17 Cost., art. 32 CP, salvaguardia d'interessi legittimi). È colpevole d'istigazione alla violazione del segreto d'ufficio, chi, pur sapendo che il procuratore di distretto ha rifiutato di fornire informazioni sulle precedenti condanne di persone arrestate, si rivolge a un'assistente amministrativa del Ministero pubblico, le spedisce via fax una lista di persone, la prega di trasmettergli le informazioni, registrate in un computer a lei accessibile tramite codice di accesso, e la induce così a rivelargli dati segreti. Nozione di "determinare" altri a commettere un crimine o un delitto (consid. 2). Nozione di "segreto" concernente le pene pronunciate in udienza pubblica e iscritte in un registro ufficiale (consid. 3). Intenzione di istigare (consid. 4). L'apertura di un procedimento penale per istigazione alla violazione del segreto d'ufficio è conforme al senso e allo scopo della tutela delle fonti prevista all'art. 27bis CP (consid. 5a). L'istigazione alla violazione del segreto d'ufficio non si giustifica né in nome della libertà di stampa né di ipotetici doveri professionali dei giornalisti (consid. 5b). Nella fattispecie non vi sono interessi legittimi da salvaguardare (consid. 5c).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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