Polizei ordnet DNA-Profil bei Protestaktion an: Rechtswidrig wegen fehlendem Tatverdacht und Kompetenzüberschreitung (Art. 197, 255, 260 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 IV 87 · ATF 141 IV 87 · DTF 141 IV 87
- Datum
- 10.12.2014
- Geschäftsnummer
- 6B_718/2014
- Abteilung
- Strafrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Eine Person beteiligte sich an einer Protestaktion in der Universität Bern, bei der Mist auf Tischen deponiert wurde. Die Polizei nahm die Personalien auf und ordnete telefonisch eine erkennungsdienstliche Erfassung sowie die Entnahme einer DNA-Probe und die Erstellung eines DNA-Profils an, obwohl die Person die Aussage verweigerte und den Massnahmen widersprach. Später wurde sie per Strafbefehl wegen Verunreinigung fremden Eigentums gebüsst. Sie focht die Rechtmässigkeit der Zwangsmassnahmen an und verlangte Genugtuung bzw. Feststellung der Rechtswidrigkeit, nachdem die Vorinstanzen die Massnahmen als rechtmässig bestätigt hatten.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und hebt das Urteil des Obergerichts auf, da die angeordneten Zwangsmassnahmen rechtswidrig waren.
Die erkennungsdienstliche Erfassung und die DNA-Massnahmen scheiterten am fehlenden hinreichenden Tatverdacht im Sinne von Art. 197 Abs. 1 lit. b StPO. Die Vorinstanz hatte lediglich auf vage Hinweise gestützt, dass andere Beteiligte früher ähnliche Aktionen geplant hatten oder ein Informationsblatt sichergestellt wurde, was keinen konkreten Verdacht gegen die Beschwerdeführerin auf weitere schwere Delikte begründete. Zudem war die Identität der Beschwerdeführerin bekannt, sodass die Massnahmen nicht dringend waren und jederzeit schriftlich hätten nachgeholt werden können; die mündliche Anordnung verletzte daher Art. 260 Abs. 3 StPO.
Weiter war die Erstellung des DNA-Profils durch die Polizei kompetenzwidrig. Gemäss Art. 255 Abs. 2 lit. a StPO darf die Polizei nur die nicht invasive Probenahme anordnen, während die Profilerstellung zwingend der Staatsanwaltschaft obliegt (Art. 255 Abs. 1 StPO). Eine interne Weisung der Generalstaatsanwaltschaft, die diese Differenzierung aufhob, war bundesrechtswidrig.
Aufgrund des Obsiegens wurden keine Gerichtskosten erhoben (Art. 66 Abs. 1 BGG) und dem Kanton Bern eine Parteientschädigung auferlegt (Art. 68 Abs. 2 BGG).
Regeste
Art. 197, 255 Abs. 2 lit. a und Art. 260 Abs. 3 StPO; hinreichender Tatverdacht bei Zwangsmassnahmen; Erstellung von DNA-Profilen; erkennungsdienstliche Erfassung. Hinweise auf eine strafbare Handlung müssen erheblich und konkreter Natur sein, um einen hinreichenden Tatverdacht für die Anordnung von Zwangsmassnahmen (Art. 196-298 StPO) begründen zu können (E. 1.3.1 und 1.4.1). Die Erstellung eines DNA-Profils ist von der Staatsanwaltschaft (oder vom Gericht) anzuordnen. Art. 255 StPO ermöglicht nicht die routinemässige (invasive) Entnahme von DNA-Proben und deren Analyse. Die Kompetenz zur Erstellung von DNA-Profilen kann nicht durch generelle Weisungen der Generalstaatsanwaltschaft auf die Polizei übertragen werden (E. 1.3.2 und 1.4.2). Die mündliche Anordnung einer erkennungsdienstlichen Erfassung ist nur zulässig, wenn die Zwangsmassnahme unaufschiebbar ist. Abstrakte Zweckmässigkeitsüberlegungen können die gesetzlich vorgeschriebene Dringlichkeit nicht ersetzen (E. 1.3.3 und 1.4.3). Regeste Art. 197, 255 al. 2 let. a et art. 260 al. 3 CPP; soupçons suffisants laissant présumer une infraction en cas de mesures de contrainte; établissement de profils ADN; saisie de données signalétiques. Pour constituer des soupçons suffisants pour permettre d'ordonner des mesures de contrainte (art. 196-298 CPP), les indices laissant présumer qu'une infraction a été commise doivent être sérieux et concrets (consid. 1.3.1 et 1.4.1). L'établissement d'un profil ADN doit être ordonné par le ministère public (ou le tribunal). L'art. 255 CPP ne permet pas le prélèvement (invasif) de routine d'échantillons ADN et leur analyse. La compétence d'ordonner l'établissement d'un profil ADN ne peut pas être transférée à la police par la voie de directives générales émises par le ministère public (consid. 1.3.2 et 1.4.2). Il n'est possible d'ordonner oralement une saisie de données signalétiques que si la mesure de contrainte ne peut être différée. Des considérations abstraites quant à l'utilité de la mesure ne sauraient pallier l'urgence exigée par la loi (consid. 1.3.3 et 1.4.3). Regesto Art. 197, 255 cpv. 2 lett. a e art. 260 cpv. 3 CPP; sufficienti indizi di reato in caso di provvedimenti coercitivi; allestimento di profili del DNA; rilevamenti segnaletici. I sufficienti indizi di reato per l'adozione di provvedimenti coercitivi (art. 196-298 CPP) devono essere seri e concreti (consid. 1.3.1 e 1.4.1). L'allestimento di un profilo del DNA dev'essere disposto dal pubblico ministero (o dall'autorità giudicante). L'art. 255 CPP non permette il sistematico prelievo (invasivo) di campioni del DNA e la loro analisi. La competenza per l'allestimento di profili del DNA non può essere delegata alla polizia sulla base di direttive generali del procuratore generale (consid. 1.3.2 e 1.4.2). È possibile disporre rilevamenti segnaletici con un ordine orale solo se il provvedimento coercitivo è improcrastinabile. Considerazioni astratte di opportunità non possono soppiantare l'urgenza prevista dalla legge (consid. 1.3.3 e 1.4.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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