Verwaltungsrichter wird wegen Altersgrenze von 65 Jahren nicht wiedergewählt: Wahlpraxis des Kantonsrats ist mit Legalitätsprinzip und Diskriminierungsverbot vereinbar, Ungleichbehandlung im Einzelfall bleibt aus (Art. 5 Abs. 1 BV, Art. 8 Abs. 2 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 147 I 1 · ATF 147 I 1 · DTF 147 I 1
- Datum
- 16.07.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 147 I 1
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 86 BGG Art. 89 BGG Art. 106 BGG Art. 5 BV Art. 8 BV Art. 29a BV
Zusammenfassung
Ein Verwaltungsrichter des Kantons Zürich beantragte beim Bundesgericht die Aufhebung seiner Nichtwiederwahl durch den Kantonsrat für die Amtsperiode 2019–2025. Er war am 2. Mai 1952 geboren und hatte zu Beginn der neuen Amtsperiode bereits das 65. Lebensjahr vollendet. Der Kantonsrat stützte sich bei seiner Entscheidung auf einen Beschluss der Interfraktionellen Konferenz vom 1. November 2010, wonach Richterinnen und Richter der obersten kantonalen Gerichte nicht mehr zur Wiederwahl vorgeschlagen werden, wenn sie zu Beginn der neuen Amtsperiode das 65. Altersjahr bereits vollendet haben. Der Beschwerdeführer rügte, diese Praxis verletze das Legalitätsprinzip, das Diskriminierungsverbot und den allgemeinen Gleichheitssatz. Die Parteien stritten insbesondere darüber, ob der Wahlakt anfechtbar sei, ob er direkt beim Bundesgericht angefochten werden könne, ob der Beschwerdeführer legitimiert sei, und ob die Altersgrenze verfassungskonform sei.
Das Bundesgericht trat auf die Beschwerde im Verfahren 1C_357/2019 ein und wies sie ab. Der Wahlakt des Kantonsrats war als zulässiges Anfechtungsobjekt anzusehen, weil er Grundrechte berühren konnte, insbesondere das Diskriminierungsverbot nach Art. 8 Abs. 2 BV (E. 3.2). Der Akt hatte vorwiegend politischen Charakter im Sinne von Art. 86 Abs. 3 BGG, weil Richterwahlen im Schweizer System stark politisch geprägt sind und die parteipolitische Repräsentanz im Vordergrund steht; daher war eine direkte Beschwerde beim Bundesgericht zulässig (E. 3.3). Der Beschwerdeführer war durch die Nichtwiederwahl besonders berührt und hatte ein schutzwürdiges Rechtsschutzinteresse, weil er seine Wiederwahl für die laufende Amtsperiode 2019–2025 verlangte (E. 3.4). Die Wahlpraxis des Kantonsrats, Richterinnen und Richter nicht wiederzuwählen, wenn sie zu Beginn der neuen Amtsperiode das 65. Altersjahr bereits vollendet haben, war mit dem Legalitätsprinzip nach Art. 5 Abs. 1 BV vereinbar, weil die Anknüpfung an das Alter sachlich gerechtfertigt war und im Interesse einer geeigneten Besetzung der obersten Gerichte stand (E. 4.3). Sie versties auch nicht gegen das Diskriminierungsverbot nach Art. 8 Abs. 2 BV, da das Alter als atypisches Diskriminierungskriterium hier durch den legitimen Zweck einer angemessenen Leistungsfähigkeit der Richterinnen und Richter gerechtfertigt war und die Regelung verhältnismässig war (E. 5.3). Schliesslich führte die Praxis im vorliegenden Fall nicht zu einer verfassungswidrigen Ungleichbehandlung nach Art. 8 Abs. 1 BV, weil der Beschwerdeführer zu Beginn der Amtsperiode bereits über 67 Jahre alt war und nur bis zum 70. Lebensjahr weiterrichten wollte; daher ergab sich kein übermässiger Unterschied zur Amtsdauer anderer Richterinnen und Richter, deren Jahrgang 1957 war (E. 6.3). Das Bundesgericht forderte den Kantonsrat jedoch auf, die nach der Wahlpraxis mögliche deutlich unterschiedliche Behandlung von Amtsinhabern, die kurz vor oder kurz nach Beginn der neuen Amtsperiode das 65. Altersjahr vollenden, zu beseitigen.
Regeste
Art. 5 Abs. 1 sowie Art. 8 Abs. 1 und 2 BV; Art. 82 lit. a, Art. 86 Abs. 2 und 3 sowie Art. 89 Abs. 1 BGG; Nichtwiederwahl eines Verwaltungsrichters aus Altersgründen; Anfechtbarkeit des Wahlakts des kantonalen Parlaments; Vereinbarkeit mit dem Legalitätsprinzip, dem Diskriminierungsverbot und dem allgemeinen Gleichheitssatz. Der Wahlakt ist ungeachtet seiner Rechtsnatur ein zulässiges Anfechtungsobjekt (E. 3.2). Er hat vorwiegend politischen Charakter im Sinne von Art. 86 Abs. 3 BGG und kann mangels Weiterzugsmöglichkeit im Kanton direkt beim Bundesgericht angefochten werden (E. 3.3). Der Beschwerdeführer ist durch den Wahlakt insofern besonders berührt, als er damit nicht wiedergewählt worden ist, und hat jedenfalls so weit ein Rechtsschutzinteresse, als er seine Wiederwahl für die laufende Amtsperiode durch den Kantonsrat verlangt (E. 3.4). Die Praxis des Kantonsrats, Richterinnen und Richter der obersten kantonalen Gerichte nicht wiederzuwählen, wenn sie zu Beginn der neuen Amtsperiode das 65. Altersjahr bereits vollendet haben, ist mit dem Legalitätsprinzip vereinbar, auch wenn das kantonale Recht keine altersbezogene Regelung kennt (E. 4.3). Die Praxis verstösst auch nicht gegen das Diskriminierungsverbot (E. 5.3). Sie ermöglicht jedoch eine gegen die Rechtsgleichheit verstossende Ungleichbehandlung von Amtsinhaberinnen und -inhabern, die kurz vor bzw. kurz nach Beginn der neuen Amtsperiode das 65. Altersjahr vollendet haben. Letztere können ihr Amt bis zu fast sechs Jahren länger ausüben. Im vorliegenden Fall führt die Wahlpraxis allerdings nicht zu einer verfassungswidrigen Ungleichbehandlung des Beschwerdeführers (E. 6.3). Regeste Art. 5 al. 1 et art. 8 al. 1 et 2 Cst.; art. 82 let. a, art. 86 al. 2 et 3 et art. 89 al. 1 LTF; non-réélection d'un juge administratif en raison de l'âge; possibilité de contester le scrutin du parlement cantonal; compatibilité avec le principe de la légalité, de l'interdiction de discrimination et le principe général de l'égalité. Le scrutin est, indépendamment de sa nature juridique, susceptible de recours (consid. 3.2). Il revêt un caractère politique prépondérant au sens de l'art. 86 al. 3 LTF et peut, à défaut de pouvoir être attaqué au niveau cantonal, faire l'objet d'un recours direct devant le Tribunal fédéral (consid. 3.3). Le recourant est particulièrement touché par le scrutin, dans la mesure où il n'a pas été réélu, et a en tout cas un intérêt juridiquement protégé dès lors qu'il demande sa réélection par le Grand Conseil pour la période de fonction en cours (consid. 3.4). La pratique du Grand Conseil de ne pas réélire les juges des tribunaux supérieurs du canton, s'ils ont atteint l'âge de 65 ans révolus au début d'une période de fonction, est compatible avec le principe de la légalité, même si le droit cantonal ne connaît aucune réglementation en lien avec l'âge (consid. 4.3). Cette pratique ne viole pas non plus l'interdiction de discrimination (consid. 5.3). Elle permet cependant une différence de traitement inconciliable avec le principe de l'égalité de traitement des titulaires ayant atteint l'âge de 65 ans révolus peu avant, respectivement peu après le début d'une nouvelle période de fonction. Ces derniers peuvent exercer leur fonction jusqu'à près de six ans de plus. En l'espèce, la pratique ne conduit toutefois pas à une inégalité de traitement contraire au droit constitutionnel du recourant (consid. 6.3). Regesto Art. 5 cpv. 1 nonché art. 8 cpv. 1 e 2 Cost.; art. 82 lett. a, art. 86 cpv. 2 e 3 come pure art. 89 cpv. 1 LTF; non rielezione di un giudice amministrativo per motivi di età; impugnabilità della votazione del Parlamento cantonale; compatibilità con il principio di legalità, il divieto di discriminazione e il principio generale di uguaglianza. L'atto elettorale, indipendentemente dalla sua natura giuridica, costituisce un oggetto d'impugnazione ammissibile (consid. 3.2). Esso presenta un carattere prevalentemente politico ai sensi dell'art. 86 cpv. 3 LTF e, in assenza di possibilità d'impugnazione nel Cantone, è direttamente impugnabile dinanzi al Tribunale federale (consid. 3.3). Il ricorrente ne è particolarmente toccato, in quanto non è stato rieletto, e ha in ogni caso un interesse giuridicamente protetto nella misura in cui chiede la sua rielezione da parte del Gran Consiglio per il periodo di carica in corso (consid. 3.4). La prassi del Gran Consiglio, di non rieleggere i giudici dei tribunali superiori del Cantone se hanno già compiuto il 65° anno di età all'inizio del nuovo periodo di carica, è compatibile con il principio di legalità, anche se il diritto cantonale non prevede alcuna regolamentazione in materia di età (consid. 4.3). La prassi non viola neppure il divieto di discriminazione (consid. 5.3). Essa permette tuttavia una netta differenza di trattamento, incompatibile con il principio dell'uguaglianza di trattamento, dei titolari della carica che hanno raggiunto l'età di 65 anni poco prima, rispettivamente poco dopo l'inizio di un nuovo periodo di carica. Questi ultimi possono esercitare la loro funzione fino a quasi sei anni in più. Nel caso in esame, la prassi elettorale non implica una disparità di trattamento incostituzionale del ricorrente (consid. 6.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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