Polizeiliche Videoüberwachung am Arbeitsplatz ohne richterliche Genehmigung: Beweise absolut unverwertbar, Verurteilung aufzuheben und neu zu entscheiden (Art. 281 Abs. 4 i.V.m. Art. 277 Abs. 2 i.V.m. Art. 141 Abs. 1 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 145 IV 42 · ATF 145 IV 42 · DTF 145 IV 42
- Datum
- 20.12.2018
- Geschäftsnummer
- BGE 145 IV 42
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 13 BV Art. 141 StPO Art. 196 StPO Art. 272 StPO Art. 277 StPO Art. 280 StPO Art. 281 StPO
Zusammenfassung
Eine Angestellte wurde im Rahmen einer strafrechtlichen Ermittlung wegen Diebstahls bei ihrer Arbeit in einem nicht öffentlichen Büro-/Küchenbereich der Firma, in dem sich auch der Tresor befand, heimlich von der Polizei videoüberwacht. Die Überwachung erfolgte vom 1. Juli bis 6. August 2015 mit Einwilligung der Geschäftsführung, aber ohne Wissen oder Zustimmung der Mitarbeiterin. Aufgrund der Videoaufnahmen verurteilte das Obergericht des Kantons Solothurn sie wegen mehrfachen geringfügigen Diebstahls. Die Beschwerdeführerin rügte, dass die Videoüberwachung eine strafprozessuale Zwangsmassnahme darstelle, die ohne Anordnung der Staatsanwaltschaft und ohne Genehmigung des Zwangsmassnahmengerichts erfolgt sei und daher die gewonnenen Beweise absolut unverwertbar seien.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Obergerichts auf und verwies die Sache zur neuen Entscheidung an die Vorinstanz zurück. Es stellte fest, dass die polizeiliche Videoüberwachung der Beschwerdeführerin in einem nicht allgemein zugänglichen Raum der A. GmbH – einem Büro mit Küche, das ausschliesslich vom Personal genutzt wurde und in dem sich der Tresor befand – einen Eingriff in ihr Grundrecht auf Privatsphäre gemäss Art. 13 BV darstellte und damit eine strafprozessuale Zwangsmassnahme im Sinne von Art. 196 StPO war. Der Einsatz technischer Überwachungsgeräte gemäss Art. 280 lit. b StPO bedurfte zwingend der Anordnung durch die Staatsanwaltschaft und der Genehmigung durch das Zwangsmassnahmengericht gemäss Art. 281 Abs. 4 i.V.m. Art. 272 Abs. 1 StPO. Da beides fehlte, waren die Videoaufnahmen gemäss Art. 281 Abs. 4 i.V.m. Art. 277 Abs. 2 i.V.m. Art. 141 Abs. 1 StPO absolut unverwertbar. Die Einwilligung der Geschäftsleitung als Hausherrin änderte daran nichts, weil diese nicht befugt war, über das Grundrecht der Beschwerdeführerin auf informationelle Selbstbestimmung zu verfügen. Die Vorinstanz muss nun unter Ausschluss dieser Beweise neu prüfen, ob die Vorwürfe vom 10. und 13. Juni 2015 rechtsgenüglich bewiesen werden können. Das Bundesgericht wies darauf hin, dass weitere Beweismittel wie Arbeitszeiterfassung und Einvernahmen für eine neue Beurteilung herangezogen werden dürfen, jedoch keine Schuldfeststellung für bereits eingestellte Vorwürfe zulässig ist. Die Entscheidung klärt endgültig, dass private Einwilligung keine Rechtfertigung für staatliche Zwangsmassnahmen bietet und unterstreicht die strikte Bindung der Polizei an die strafprozessualen Genehmigungsvorschriften.
Regeste
Art. 196, Art. 280 lit. b, Art. 281 Abs. 4 i.V.m. Art. 272 Abs. 1 und Art. 277 Abs. 2, Art. 141 Abs. 1 StPO; polizeiliche Videoüberwachung am Arbeitsplatz; Beweisverwertungsverbot. Eine polizeiliche Videoüberwachung von Angestellten in Geschäftsräumen zwecks Aufklärung einer Straftat stellt eine strafprozessuale Zwangsmassnahme unter Einsatz technischer Überwachungsgeräte dar. Diese muss von der Staatsanwaltschaft angeordnet und vom Zwangsmassnahmengericht genehmigt werden (E. 4.2 und 4.5). Dass die Geschäftsleitung als Hausherrin in die Überwachung eingewilligt hat, ändert nichts daran (E. 4.4). Wird die Massnahme weder von der Staatsanwaltschaft angeordnet noch vom Zwangsmassnahmengericht genehmigt, sind die dabei gewonnenen Erkenntnisse absolut unverwertbar (Art. 281 Abs. 4 i.V.m. Art. 277 Abs. 2 i.V.m. Art. 141 Abs. 1 StPO) (E. 4.5). Regeste Art. 196, art. 280 let. b, art. 281 al. 4 en lien avec art. 272 al. 1 et art. 277 al. 2, art. 141 al. 1 CPP; vidéosurveillance par la police sur le lieu de travail; interdiction d'exploiter des moyens de preuves. La vidéosurveillance par la police d'employés sur le lieu de travail, dans le but d'élucider une infraction, constitue une mesure de contrainte de procédure pénale mettant en oeuvre des dispositifs techniques de surveillance. Cette mesure doit être ordonnée par le ministère public et autorisée par le tribunal des mesures de contrainte (consid. 4.2 et 4.5). L'accord donné par la direction de l'entreprise, en sa qualité d'hôte, de procéder à la surveillance n'y change rien (consid. 4.4). Lorsque la mesure n'a été ni ordonnée par le ministère public, ni autorisée par le tribunal des mesures de contrainte, les informations ainsi recueillies sont absolument inexploitables (art. 281 al. 4 en lien avec art. 277 al. 2 en lien avec art. 141 al. 1 CPP) (consid. 4.5). Regesto Art. 196, art. 280 lett. b, art. 281 cpv. 4 unitamente agli art. 272 cpv. 1 e 277 cpv. 2, art. 141 cpv. 1 CPP; videosorveglianza sul posto di lavoro disposta dalla polizia; divieto di utilizzazione di prove. La videosorveglianza di impiegati sul luogo di lavoro, disposta dalla polizia allo scopo di far luce su un reato, costituisce un provvedimento coercitivo del diritto processuale penale attuato mediante apparecchi tecnici di sorveglianza. Dev'essere ordinato dal pubblico ministero e approvato dal giudice dei provvedimenti coercitivi (consid. 4.2 e 4.5). Al riguardo è irrilevante che la direzione dell'impresa, quale avente diritto dei luoghi, abbia acconsentito alla sorveglianza (consid. 4.4). Se il provvedimento non è stato ordinato dal pubblico ministero e non è stato approvato dal giudice dei provvedimenti coercitivi, le informazioni ottenute mediante la sorveglianza sono assolutamente inutilizzabili (art. 281 cpv. 4, art. 277 cpv. 2 e art. 141 cpv. 1 CPP combinati) (consid. 4.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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