Justizze.

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Justizze. Art. 19 StPO

Bundesgericht

Beschwerde gegen Aufhebung therapeutischer Massnahme und Anordnung der Verwahrung: Einzelrichterentscheid verletzt Art. 19 Abs. 2 lit. b StPO (Art. 19 Abs. 2 lit. b StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 145 IV 167 · ATF 145 IV 167 · DTF 145 IV 167
Datum
21.03.2019
Geschäftsnummer
6B_1098/2018
Abteilung
Strafrechtliche Abteilung
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 78 BGG Art. 9 BV Art. 9 EGStGB/VS Art. 10 EGStGB/VS Art. 13 EGStGB/VS Art. 25 EGStGB/VS Art. 13 EGStPO/VS Art. 4 EMRK Art. 5 EMRK Art. 7 EMRK Art. 4 EMRK. Art. 59 StGB Art. 62c StGB Art. 62d StGB Art. 64 StGB Art. 65 StGB Art. 19 StPO Art. 363 StPO Art. 379 StPO Art. 393 StPO Art. 410 StPO

Zusammenfassung

X.________ war wegen mehrfacher sexueller Handlungen mit Kindern und anderer Straftaten zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden, wobei der Vollzug zugunsten einer stationären therapeutischen Massnahme aufgeschoben wurde. Nach Ablauf der Massnahme beantragte die Vollzugsbehörde deren Aufhebung und die Anordnung der Verwahrung. Das Straf- und Massnahmenvollzugsgericht hob die Massnahme auf und ordnete die Verwahrung an. X.________ legte Beschwerde beim Kantonsgericht Wallis ein, das den Entscheid bestätigte. X.________ erhob daraufhin Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht und rügte unter anderem, dass die Vorinstanz als Einzelgericht entschieden habe, obwohl für die Anordnung der Verwahrung eine Kollegialbehörde zuständig sei.

Das Bundesgericht hebt den Entscheid des Kantonsgerichts Wallis auf, weil dieses als Einzelgericht über die Anordnung der Verwahrung entschieden hat, obwohl gemäss Art. 19 Abs. 2 lit. b StPO eine Kollegialbehörde zuständig ist. Die Anordnung der Verwahrung stellt einen einschneidenden Eingriff in die Freiheitsrechte dar und ist daher ultima ratio; dem Rechtsmittelentscheid kommt dieselbe Tragweite zu wie dem erstinstanzlichen Urteil, weshalb die Vorschrift auch im Rechtsmittelverfahren gilt. Damit verletzte die Vorinstanz Bundesrecht. Der Fall wird zur neuen Entscheidung in gesetzeskonformer Besetzung zurückgewiesen.

Das Bundesgericht weist sämtliche weiteren Rügen des Beschwerdeführers nicht mehr behandelt, da sie durch die Aufhebung des Entscheids erledigt sind. Auch die unaufgefordert nach Fristablauf eingereichte Eingabe vom 30. Januar 2019 bleibt unberücksichtigt, da sie sich gegen die zugrundeliegende Verurteilung richtet, die nicht Gegenstand des vorliegenden Beschwerdeverfahrens ist.

Das Bundesgericht erhebt keine Gerichtskosten (Art. 66 Abs. 1 BGG) und verpflichtet den Kanton Wallis, dem Rechtsvertreter des Beschwerdeführers eine Entschädigung von Fr. 3'000.-- zu bezahlen (Art. 68 Abs. 1 BGG).

Diese Entscheidung klärt erstmals ausdrücklich, dass Art. 19 Abs. 2 lit. b StPO auch im Rechtsmittelverfahren zur Anwendung gelangt, wenn über die Anordnung einer Verwahrung entschieden wird – ein Grundsatzurteil zur Gerichtsbesetzung bei nachträglichen Massnahmen.

Regeste

Art. 62c Abs. 1 lit. a und Art. 62d Abs. 1 StGB; Art. 19 Abs. 2 lit. b und Art. 363 ff. StPO; Gerichts- und Behördenorganisation bei Aufhebung und Umwandlung von Massnahmen; Spruchkörperbesetzung. Den Kantonen steht es frei, eine gerichtliche Instanz zu schaffen, welche sowohl über die Aufhebung einer Massnahme als auch deren Umwandlung gleichzeitig in einem einzigen Entscheid befinden kann (E. 1.5). Anwendbares Verfahrensrecht und Rechtsmittelweg (E. 1.6). Abgrenzung der Anordnung der Verwahrung gemäss Art. 62c Abs. 4 i.V.m. Art. 64 Abs. 1 StGB von der nachträglichen Verwahrung nach Art. 65 Abs. 2 StGB hinsichtlich des anwendbaren Verfahrensrechts und der Voraussetzungen (E. 1.7). Verneinung einer Verletzung von Bestimmungen der EMRK (E. 1.8). Über Beschwerden gegen eine in einem selbstständigen nachträglichen Verfahren angeordnete Verwahrung hat die Beschwerdeinstanz als Kollegialgericht zu befinden (E. 2.3). Regeste Art. 62c al. 1 let. a et art. 62d al. 1 CP; art. 19 al. 2 let. b et art. 363 ss CPP; règles de compétence et organisation judiciaire en cas de levée et de changement de mesures; composition de l'instance appelée à statuer. Les cantons sont libres de créer une instance judiciaire qui rend une décision unique qui porte à la fois sur la levée d'une mesure et sur le changement de celle-ci (consid. 1.5). Droit de procédure applicable et voies de droit (consid. 1.6). Délimitation entre le prononcé d'un internement au sens de l'art. 62c al. 4 en lien avec l'art. 64 al. 1 CP et le prononcé d'un internement ultérieur au sens de l'art. 65 al. 2 CP en ce qui concerne le droit de procédure applicable et les conditions (consid 1.7). Absence de violation des dispositions de la CEDH (consid. 1.8). Lorsqu'un recours est déposé contre un internement ordonné dans le cadre d'une procédure ultérieure indépendante, l'autorité de recours doit statuer en formation collégiale (consid. 2.3). Regesto Art. 62c cpv. 1 lett. a e art. 62d cpv. 1 CP; art. 19 cpv. 2 lett. b e art. 363 segg. CPP; organizzazione delle autorità e dei tribunali nell'ambito della soppressione e della modifica di misure; composizione dell'autorità giudicante. I Cantoni sono liberi di istituire un'autorità giudiziaria competente per statuire al contempo sia sulla soppressione di una misura sia sulla sua modifica mediante un'unica decisione (consid. 1.5). Diritto procedurale applicabile e rimedi giuridici (consid. 1.6). Delimitazione tra la pronuncia di un internamento secondo l'art. 62c cpv. 4 unitamente all'art. 64 cpv. 1 CP e quella di un internamento a posteriori giusta l'art. 65 cpv. 2 CP con riguardo alle condizioni e al diritto procedurale applicabile (consid. 1.7). Nessuna violazione delle disposizioni della CEDU (consid. 1.8). La giurisdizione di reclamo deve statuire nella composizione collegiale sui ricorsi contro l'internamento ordinato nell'ambito di un procedimento indipendente successivo (consid. 2.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.