Bundesamt für Rüstung verweigert Journalist Zugang zur Outlook-Agenda des ehemaligen Rüstungschefs: Agenda ist amtliches Dokument, Begründung der Schwärzungen unzureichend (Art. 5 BGÖ)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 II 324 · ATF 142 II 324 · DTF 142 II 324
- Datum
- 23.06.2016
- Geschäftsnummer
- 1C_14/2016
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 82 BGG Art. 83 BGG Art. 93 BGG Art. 105 BGG Art. 5 BGÖ Art. 7 BGÖ Art. 9 BGÖ Art. 11 BGÖ Art. 35 VwVG
Zusammenfassung
Das Bundesamt für Rüstung (armasuisse) verweigerte einem Journalisten der SonntagsZeitung/Le Matin Dimanche den Zugang zur Outlook-Agenda des ehemaligen Rüstungschefs für die Jahre 2013 bis Mai 2014. Der Journalist beantragte Einsicht gestützt auf das Bundesgesetz über das Öffentlichkeitsprinzip der Verwaltung (BGÖ). armasuisse lehnte ab und schwarzte Teile der Agenda, ohne einzelfallbezogene Gründe anzugeben. Der Journalist reichte beim Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten (EDÖB) einen Schlichtungsantrag ein, der eine Empfehlung zur Gewährung des Zugangs aussprach. armasuisse erliess trotzdem eine Verfügung, die den Zugang verweigerte und nur einen geschwärzten Auszug gewährte. Dagegen erhob der Journalist Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, das die Verfügung aufhob und die Sache zur Neuentscheidung zurückwies. armasuisse legte daraufhin Beschwerde ans Bundesgericht ein.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde des Bundesamts für Rüstung ab. Es stellte fest, dass die Outlook-Agenda des ehemaligen Rüstungschefs für den Zeitraum vom 1. Januar 2013 bis 26. Mai 2014 ein amtliches Dokument im Sinne von Art. 5 Abs. 1 BGÖ ist, weil sie auf einem elektronischen Informationsträger aufgezeichnet ist, sich im Besitz einer Behörde befindet und die Erfüllung einer öffentlichen Aufgabe betrifft: Der Kalender wurde im Zusammenhang mit der Ausübung des Amtes genutzt und dient hauptsächlich der dienstlichen Tätigkeit und Amtsleitung. Die Agenda ist nicht zum persönlichen Gebrauch bestimmt im Sinne von Art. 5 Abs. 3 lit. c BGÖ, da sie als zentrales Führungsinstrument für die Amtsleitung fungiert, die Terminkoordination, Organisation behördlicher Abläufe und Planung der Verwaltungstätigkeit unterstützt und nicht bloß als Gedächtnisstütze für den Tagesablauf dient. Die Beschwerdeführerin hatte die Schwärzungen schematisch begründet, was gegen die Anforderungen an die Begründungspflicht nach Art. 15 Abs. 1 und 2 lit. a BGÖ sowie Art. 35 Abs. 1 VwVG verstößt; die Verfügung war daher rechtsfehlerhaft. Auch aus verfassungsrechtlicher Sicht verletzt die pauschale Begründung das Recht auf rechtliches Gehör gemäß Art. 29 Abs. 2 BV. Das Bundesgericht bestätigte die Rückweisung durch das Bundesverwaltungsgericht, da diese verbindliche materielle Vorgaben enthält und armasuisse somit einen nicht wieder gutzumachenden Nachteil erleidet. Die Gerichtskosten wurden nicht erhoben, und dem nicht anwaltlich vertretenen Beschwerdegegner wurde keine Parteientschädigung zugesprochen. Die Entscheidung klärt zentral, dass elektronische Agenden von Spitzenbeamten grundsätzlich amtliche Dokumente sind und dass bei umfangreichen Zugangsgesuchen eine kategorienbezogene, aber dennoch einzelfallorientierte Interessenabwägung erforderlich ist.
Regeste
Art. 5 Abs. 1 und 3, Art. 7, Art. 9 und Art. 15 Abs. 1 BGÖ; Art. 1 Abs. 2 und 3 VBGÖ; Art. 19 Abs. 1 bis DSG; Gesuch um Einsicht in die Outlook-Agenda des ehemaligen Rüstungschefs. Da die Anwendung des BGÖ eine Querschnittaufgabe darstellt, welche die ganze Bundesverwaltung betrifft, ist das Bundesamt für Rüstung (armasuisse) zur Beschwerdeführung legitimiert (E. 1.3). Bei der Outlook-Agenda des ehemaligen Rüstungschefs handelt es sich um ein amtliches Dokument im Sinne von Art. 5 BGÖ (E. 2). Eine Ausnahme vom Transparenzgebot erfordert eine drohende Verletzung gewichtiger öffentlicher oder privater Interessen (E. 3.4). Verweigert die Behörde den Zugang zu amtlichen Dokumenten, hat sie in der Begründung ihres definitiven Entscheids darzutun, welcher Ausnahmetatbestand anwendbar ist, warum die Interessen an der Geheimhaltung stärker zu gewichten sind als das Transparenzinteresse und weshalb kein eingeschränkter Zugang in Betracht fällt (E. 3.6 und 3.7). Regeste Art. 5 al. 1 et 3, art. 7, art. 9 et art. 15 al. 1 LTrans; art. 1 al. 2 et 3 OTrans; art. 19 al. 1 bis LPD; demande de consultation de l'agenda électronique Outlook de l'ancien directeur général de l'armement. Comme l'application de la loi sur la transparence constitue une tâche qui concerne l'ensemble de l'administration fédérale, l'Office fédéral de l'armement (armasuisse) est légitimé à recourir (consid. 1.3). L'agenda électronique Outlook de l'ancien directeur général de l'armement est un document officiel au sens de l'art. 5 LTrans (consid. 2). Une exception au principe de la transparence exige la menace d'une violation d'importants intérêts publics ou privés (consid. 3.4). Si l'autorité refuse l'accès à des documents officiels, elle doit exposer, dans la motivation de sa décision définitive, quel cas d'exception a été retenu, pourquoi les intérêts au maintien du secret pèsent plus lourds que ceux à la transparence et pour quelles raisons un droit d'accès limité n'entre pas en considération (consid. 3.6 et 3.7). Regesto Art. 5 cpv. 1 e 3, art. 7, art. 9 e art. 15 cpv. 1 LTras; art. 1 cpv. 2 e 3 OTras; art. 19 cpv. 1 bis LPD; domanda di consultazione dell'agenda elettronica Outlook dell'ex capo dell'armamento. Poiché l'applicazione della legge sulla trasparenza costituisce un compito trasversale che concerne l'intera amministrazione federale, l'Ufficio federale dell'armamento (armasuisse) è legittimato a ricorrere (consid. 1.3). L'agenda elettronica Outlook dell'ex capo dell'armamento costituisce un documento ufficiale ai sensi dell'art. 5 LTras (consid. 2). Un'eccezione al principio della trasparenza esige la minaccia di una violazione di importanti interessi pubblici o privati (consid. 3.4). Se l'autorità rifiuta l'accesso a dei documenti ufficiali, nella motivazione della sua decisione definitiva deve esporre quale caso di eccezione è stato ritenuto applicabile, perché gli interessi al mantenimento del segreto sarebbero prevalenti rispetto a quello della trasparenza e per quali ragioni non entra in considerazione nemmeno un diritto di accesso limitato (consid. 3.6 e 3.7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Beschwerdeführer verlangt vollständigen Zugang zum Abschlussbericht über Sicherheitskontrolle von Wickelkommoden: Art. 10 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 PrSG ist keine Spezialbestimmung i.S.v. Art. 4 BGÖ (Art. 4 lit. b BGÖ)
- Emissionsgemeinschaften und Grossimporteure wehren sich gegen Veröffentlichung ihrer CO2-Vollzugsresultate 2014: Zugang nach Öffentlichkeitsgesetz (BGÖ) wird bestätigt
- Journalist verlangt Zugang zu nicht anonymisierten Meldungen über Gefährdungen und Störungen in der Neuen Ereignisdatenbank: Öffentlichkeitsprinzip überwiegt Datenschutzinteressen öffentlicher Unternehmen (Art. 7 Abs. 1 lit. b BGÖ, Art. 19 Abs. 1bis DSG)
- Greenpeace verlangt Zugang zu EMI-Daten des Kernkraftwerks Leibstadt: Öffentlichkeitsprinzip gebietet Herausgabe trotz Löschung durch ENSI (Art. 5 BGÖ)
- Zugang zu Namen von Firmenexperten im Zulassungsdossier eines Medikaments: Öffentliches Transparenzinteresse überwiegt, aber Anhörung der Dritten ist zwingend (Art. 7 Abs. 2 BGÖ)
- Bundeshausredaktor verlangt Amtshilfestatistik nach Ländern: Zugang verweigert wegen aussenpolitischer Risiken (Art. 7 Abs. 1 lit. d BGÖ)