Referendum gegen Steuerabkommen: Unterschriften am 97. Tag eingereicht, Fristversäumnis durch B-Post-Rücksendung zulasten der Komitees (Art. 62 BPR)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 II 303 · ATF 139 II 303 · DTF 139 II 303
- Datum
- 05.06.2013
- Geschäftsnummer
- BGE 139 II 303
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 59a BPR Art. 60a BPR Art. 62 BPR Art. 66 BPR Art. 141 BV Art. 1 OV-BK
Zusammenfassung
Das Referendumskomitee "Stopp fremde Steuervögte" sowie weitere Organisationen reichten beim Bundesgericht eine Beschwerde gegen die Verfügung der Bundeskanzlei ein, wonach das fakultative Referendum gegen den Staatsvertrag mit dem Vereinigten Königreich über die Zusammenarbeit im Steuerbereich nicht zustande gekommen sei. Die Beschwerdeführer machten geltend, dass sie insgesamt mehr als 50'000 gültige Unterschriften gesammelt hätten, diese aber aufgrund von Verzögerungen im Stimmrechtsbescheinigungsverfahren – insbesondere durch die Rücksendung beglaubigter Listen per B-Post statt A-Post durch die Genfer Behörden – erst nach Ablauf der 100-tägigen Referendumsfrist bei der Bundeskanzlei eingetroffen seien. Zudem rügten sie eine angebliche Ungleichbehandlung gegenüber anderen Vorlagen bezüglich des Beginns der Referendumsfrist.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte, dass das Referendum nicht zustande gekommen ist. Das Gericht prüfte zunächst die Rüge der ungleichen Behandlung beim Beginn der Referendumsfrist. Es stellte fest, dass die frühere Publikation der Steuerabkommen im Vergleich zum Raumplanungsgesetz durch sachliche Gründe gerechtfertigt war, nämlich die Dringlichkeit der Vorlage und das Ziel, eine Volksabstimmung im November 2012 zu ermöglichen, um das Inkrafttreten des Vertrags auf den 1. Januar 2013 sicherzustellen. Die Bundeskanzlei habe ihr Ermessen pflichtgemäss ausgeübt.
In der Hauptsache ging es um die Gültigkeit von 2809 Unterschriften, die am 1. Oktober 2012, also nach Ablauf der Frist am 27. September 2012, bei der Bundeskanzlei eingingen. Die Beschwerdeführer argumentierten, diese seien nur wegen fehlerhafter Postzustellung (B-Post) durch die Genfer Behörden verspätet zurückgesandt worden. Das Gericht hielt jedoch fest, dass die Verantwortung für die rechtzeitige Einholung der Stimmrechtsbescheinigungen ausschliesslich bei den Urhebern des Referendums liegt. Gemäss Art. 62 Abs. 1 BPR müssen die Unterschriftenlisten "rechtzeitig" vor Ablauf der Frist der zuständigen Amtsstelle zugestellt werden. Im Kanton Genf wurden am 97. Tag der Frist fast die Hälfte aller dortigen Unterschriften (3847 Stück) gleichzeitig zur Beglaubigung eingereicht. Dies zwang die Behörden zu einem Sondereinsatz. Die versehentliche Rücksendung per B-Post wurde als im allgemein üblichen Rahmen liegende Ablaufstörung gewertet, mit der die Komitees hätten rechnen müssen. Hätten die Unterschriften zeitlich gestaffelt und früher eingereicht werden sollen, wie es die Empfehlungen der Bundeskanzlei vorsehen, wäre dies vermeidbar gewesen.
Da die bescheinigten Unterschriften nicht fristgerecht bei der Bundeskanzlei eintrafen, sind sie gemäss Art. 59a BPR und Art. 66 Abs. 2 lit. c BPR ungültig. Eine Verlängerung der verfassungsmässigen Frist von 100 Tagen (Art. 141 Abs. 1 BV) durch die Kanzlei kam nicht in Betracht. Das Referendum scheiterte somit an der fehlenden Anzahl gültiger, fristgerechter Unterschriften.
Regeste
Art. 141 Abs. 1 BV, Art. 59a, 62 BPR; Fristenlauf für das fakultative Referendum, Stimmrechtsbescheinigung. Die Referendumsfrist von 100 Tagen beginnt mit der Veröffentlichung des Erlasses im Bundesblatt. Es besteht keine verbindliche Regel, dass Referendumsfristen immer erst elf Tage nach dem Beschluss der eidgenössischen Räte beginnen. Die amtliche Publikation im ersten möglichen Zeitpunkt, vier Tage nach der Beschlussfassung, ist angesichts der Dringlichkeit der Vorlage nicht zu beanstanden (E. 5.2). Das Referendum muss mit der nötigen Anzahl Unterschriften samt Stimmrechtsbescheinigung innerhalb der Referendumsfrist bei der Bundeskanzlei eintreffen (E. 7.2). Die Verantwortung für die rechtzeitige Einholung der Stimmrechtsbescheinigungen obliegt den Urhebern des Referendums. Diese müssen bei ihrer Planung berücksichtigen, dass Ablaufstörungen im Bescheinigungsverfahren vorkommen können (E. 7.5). Bei Einreichung zur Beglaubigung einer grossen Zahl von Unterschriften am 97. Tag der Referendumsfrist besteht keine Gewähr, dass die Unterschriften noch vor Ablauf der Referendumsfrist zurückgegeben werden können. Die Bundeskanzlei hat die verspätet eingereichten Unterschriften zu Recht als ungültig bezeichnet (E. 8). Regeste Art. 141 al. 1 Cst., art. 59a, 62 LDP; computation du délai pour le référendum facultatif, attestation de la qualité d'électeur. Le délai référendaire de 100 jours débute avec la publication de l'acte dans la Feuille fédérale. Il n'existe aucune règle contraignante prévoyant que le délai référendaire débuterait uniquement onze jours après la décision des Chambres fédérales. La publication officielle intervenue à la première occasion possible, soit quatre jours après la décision d'adoption, n'est pas critiquable au regard de l'urgence du traité (consid. 5.2). Le référendum, comprenant le nombre requis de signatures, ainsi que les attestations de qualité d'électeur, doit être retourné à la Chancellerie fédérale avant l'expiration du délai référendaire (consid. 7.2). La responsabilité d'obtenir suffisamment tôt les attestations d'électeur incombe aux auteurs du référendum. Ceux-ci doivent, lors de leur planification, prendre en considération que des imprévus peuvent survenir au cours de la procédure d'attestation (consid. 7.5). Le dépôt pour authentification d'un grand nombre de signatures le 97 e jour du délai référendaire ne garantit pas que ces signatures puissent être encore retournées avant l'échéance de ce délai. La Chancellerie fédérale a donc considéré avec raison que les signatures déposées tardivement n'étaient pas valables (consid. 8). Regesto Art. 141 cpv. 1 Cost., art. 59a, 62 LDP; decorrenza del termine per il referendum facoltativo, attestazione del diritto di voto. Il termine di referendum di 100 giorni inizia con la pubblicazione dell'atto normativo nel Foglio federale. Non esiste una regola vincolante secondo cui i termini di referendum iniziano sempre a decorrere soltanto undici giorni dopo la decisione delle Camere federali. La pubblicazione ufficiale al primo momento utile, quattro giorni dopo l'adozione della decisione, non è criticabile in considerazione dell'urgenza del progetto di legge (consid. 5.2). La domanda di referendum, corredata del necessario numero di firme e relative attestazioni del diritto di voto, deve essere depositata presso la Cancelleria federale entro la scadenza del termine di referendum (consid. 7.2). La responsabilità per la tempestiva richiesta delle attestazioni del diritto di voto ricade sui promotori del referendum. Essi devono prendere in considerazione, nell'ambito della loro pianificazione, che possono sopravvenire inconvenienti nel corso della procedura di attestazione (consid. 7.5). La consegna per l'autentificazione di un grande numero di firme il 97° giorno del termine di referendum non garantisce che le firme possano ancora essere ritornate prima della scadenza del termine. La Cancelleria federale ha rettamente ritenuto che le firme depositate tardivamente non erano valide (consid. 8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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