Rückwirkende Erhebung von Verbindungs-Randdaten auf Mobiltelefon eines 15-jährigen Privatklägers: Fehlende Verhältnismässigkeit und unzulässiges Novum führen zur Abweisung der Beschwerde (Art. 273 StPO)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 142 IV 34 · ATF 142 IV 34 · DTF 142 IV 34
- Datum
- 04.11.2015
- Geschäftsnummer
- 1B_256/2015
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 99 BGG Art. 13 BV Art. 2 StPO Art. 6 StPO Art. 196 StPO Art. 197 StPO Art. 269 StPO Art. 270 StPO Art. 272 StPO Art. 273 StPO Art. 274 StPO Art. 311 StPO
Zusammenfassung
Die Staatsanwaltschaft Bern beantragte die Genehmigung einer rückwirkenden Erhebung von Verbindungs-Randdaten (Randdatenerhebung) auf dem Mobiltelefon eines 15-jährigen Privatklägers im Rahmen einer Strafuntersuchung gegen einen Polizisten wegen Körperverletzung und Amtsmissbrauchs. Das kantonale Zwangsmassnahmengericht verweigerte die Genehmigung mit der Begründung, es fehle an einem kommunikativen Bezug zwischen Beschuldigtem und Anschlussinhaber. Die Staatsanwaltschaft focht diesen Entscheid beim Bundesgericht an und machte geltend, dass bei Vorliegen der Zustimmung des Anschlussinhabers keine gerichtliche Genehmigung nötig sei oder die Massnahme zur Objektivierung von Zeugenaussagen über den Verletzungszeitraum unerlässlich sei.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Staatsanwaltschaft ab. Es urteilte, dass die rückwirkende Randdatenerhebung nach Art. 273 StPO zwar zulässig sein kann, jedoch im konkreten Fall die Voraussetzungen der Verhältnismässigkeit und des direkten Sachzusammenhangs mit dem untersuchten Delikt nicht erfüllt waren. Die Untersuchungsmassnahme diente primär dazu, belastende Aussagen des Privatklägers indirekt in Frage zu stellen, statt direkt der Aufklärung der Straftat zu dienen.
Entscheidend war zudem, dass die Staatsanwaltschaft die schriftliche Zustimmung des Privatklägers erst fünf Tage nach dem ablehnenden Entscheid des Zwangsmassnahmengerichts einholte. Diese nachträgliche Zustimmung wurde als unzulässiges Novum im Sinne von Art. 99 Abs. 1 BGG behandelt, da sie zum Zeitpunkt der gerichtlichen Prüfung nicht vorlag. Das Gericht betonte, dass selbst bei ausdrücklicher Einwilligung des Anschlussinhabers das richterliche Genehmigungserfordernis nach Art. 273 Abs. 2 StPO grundsätzlich bestehen bleibt, um den Schutz der Privatsphäre (Art. 13 BV) und die Einhaltung des Legalitätsprinzips (Art. 2 Abs. 2 StPO) zu gewährleisten. Eine Abweichung von diesem Verfahrensweg ist gesetzlich nicht vorgesehen.
Regeste
Art. 13 Abs. 1 BV; Art. 197 Abs. 2, Art. 269, Art. 270 lit. b, Art. 273 und Art. 274 Abs. 1 lit. b StPO. Rückwirkende Randdatenerhebung betreffend den Mobiltelefon-Anschluss eines Privatklägers. Unterscheidung zwischen der inhaltlichen Überwachung des Fernmeldeverkehrs, der aktiven Erhebung von Randdaten in Echtzeit und der rückwirkenden Randdatenerhebung. Gesetzliche Regelung und Voraussetzungen der Überwachung von Drittanschlüssen, insbesondere der Randdatenerhebung bei Geschädigten (E. 4.1-4.3). Im vorliegenden Fall waren die Voraussetzungen einer rückwirkenden Randdatenerhebung betreffend den Mobiltelefon-Anschluss eines Privatklägers nicht erfüllt, zumal die Überwachung bloss indirekt der Aufklärung der untersuchten Straftaten diente (E. 4.4). Die gesetzlichen Voraussetzungen einer strafprozessualen Randdatenerhebung bei Dritten, insbesondere das richterliche Genehmigungserfordernis, sind grundsätzlich auch dann zu beachten, wenn die verfahrensleitende Staatsanwaltschaft sich um eine Zustimmung des Inhabers des überwachten Fernmeldeanschlusses bemüht hat. Es empfiehlt sich, dass die Staatsanwaltschaft eine allfällige schriftliche Zustimmung des betroffenen Dritten zusammen mit dem Genehmigungsgesuch beim Zwangsmassnahmengericht einreicht (E. 4.5). Regeste Art. 13 al. 1 Cst.; art. 197 al. 2, art. 269, art. 270 let. b, art. 273 et art. 274 al. 1 let. b CPP. Transmission rétroactive de données accessoires relatives au raccordement du téléphone mobile d'une partie plaignante. Distinction entre la surveillance du contenu de la correspondance par télécommunication, la transmission en temps réel de données accessoires et la remise rétroactive de ces données. Régime légal et conditions de la surveillance de raccordements de tiers, en particulier de la collecte de données accessoires auprès de lésés (consid. 4.1-4.3). En l'occurrence, les conditions d'une transmission rétroactive des données accessoires concernant le raccordement du téléphone mobile d'une partie plaignante n'étaient pas réunies, car la surveillance ne servait qu'indirectement à l'élucidation des infractions poursuivies (consid. 4.4). Les conditions légales d'une transmission de données accessoires auprès de tiers à des fins pénales, en particulier l'exigence de l'approbation judiciaire, doivent en règle générale également être observées lorsque le ministère public qui dirige la procédure a obtenu l'accord du titulaire du raccordement surveillé. Il convient que le ministère public dépose auprès du Tribunal des mesures de contrainte un éventuel consentement écrit du tiers concerné en même temps que la demande d'approbation (consid. 4.5). Regesto Art. 13 cpv. 1 Cost.; art. 197 cpv. 2, art. 269, art. 270 lett. b, art. 273 e art. 274 cpv. 1 lett. b CPP. Raccolta retroattiva di dati marginali concernenti l'allacciamento di telefonia mobile di un accusatore privato. Distinzione tra la sorveglianza del contenuto del traffico delle telecomunicazioni, il rilevamento di dati marginali in tempo reale e la raccolta retroattiva di dati marginali. Regime legale e condizioni della sorveglianza di allacciamenti di terzi, in particolare della raccolta di dati marginali presso il danneggiato (consid. 4.1-4.3). Nella fattispecie, le condizioni di una raccolta retroattiva di dati marginali concernente l'allacciamento di telefonia mobile di un accusatore privato non erano adempiute, tanto più che la sorveglianza serviva soltanto indirettamente al chiarimento dei reati perseguiti (consid. 4.4). Le condizioni legali di una raccolta di dati marginali presso terzi a fini penali, in particolare l'esigenza dell'approvazione giudiziaria, devono di principio essere rispettate anche quando il pubblico ministero che dirige il procedimento si è premurato di ottenere l'accordo del titolare dell'allacciamento sorvegliato. È opportuno che il pubblico ministero inoltri al giudice dei provvedimenti coercitivi un eventuale consenso scritto del terzo interessato contestualmente alla domanda di approvazione (consid. 4.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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