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Justizze. Art. 17 StPO

Bundesgericht

Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft delegiert Erlass von Übertretungsstrafbefehlen an Untersuchungsbeauftragten: Ungültigkeit wegen fehlender gesetzlicher Grundlage (Art. 17 Abs. 1 und Art. 311 Abs. 1 Satz 2 StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 142 IV 70 · ATF 142 IV 70 · DTF 142 IV 70
Datum
01.02.2016
Geschäftsnummer
BGE 142 IV 70
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 36 KV/BL Art. 2 StPO Art. 12 StPO Art. 14 StPO Art. 15 StPO Art. 17 StPO Art. 76 StPO Art. 299 StPO Art. 311 StPO Art. 318 StPO Art. 352 StPO Art. 353 StPO Art. 356 StPO Art. 357 StPO

Zusammenfassung

Die Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft beantragte mit einer Beschwerde in Strafsachen die Aufhebung eines Beschlusses des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, mit dem ein Strafbefehl gegen X. wegen einfacher Verletzung von Verkehrsregeln für ungültig erklärt worden war. Streitpunkt war, ob ein Untersuchungsbeauftragter der Staatsanwaltschaft ohne direkte Mitwirkung eines Staatsanwalts einen Strafbefehl erlassen und unterschreiben durfte. Die Vorinstanz hatte entschieden, dass dies mangels gesetzlicher Grundlage unzulässig sei und der Strafbefehl daher ungültig sei.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Staatsanwaltschaft Basel-Landschaft ab und bestätigte damit die Entscheidung der Vorinstanz, wonach der Strafbefehl vom 12. März 2013 ungültig ist.

Der Strafbefehl wurde allein von Untersuchungsbeauftragtem B. unterzeichnet, ohne dass aus den Akten hervorging, dass ein Staatsanwalt die Gesamtverantwortung für das Verfahren wahrgenommen hatte. Gemäss Art. 311 Abs. 1 Satz 2 StPO dürfen Staatsanwälte einzelne Untersuchungshandlungen ihren Mitarbeitern übertragen, doch der Erlass von Strafbefehlen als verfahrensabschliessende Verfügung fällt nicht darunter. Auch Art. 17 Abs. 1 StPO sieht nur die Übertragung der Verfolgung und Beurteilung von Übertretungen an Verwaltungsbehörden vor, nicht an einzelne Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft. Der Kanton Basel-Landschaft hat keine gesetzliche Grundlage geschaffen, um die Zuständigkeit für den Erlass von Übertretungsstrafbefehlen von Staatsanwälten auf Untersuchungsbeauftragte zu übertragen. Das Einführungsgesetz zur StPO/BL enthält keine entsprechende Regelung, und § 19i Abs. 2 der Dienstordnung beruht auf keiner ausreichenden gesetzlichen Grundlage gemäss § 36 Abs. 1 KV/BL und Art. 95 BGG. Damit war der Erlass des Strafbefehls durch B. rechtswidrig und der Strafbefehl ungültig.

Die entscheidenden Normen waren Art. 17 Abs. 1 und Art. 311 Abs. 1 Satz 2 StPO, die die kantonale Kompetenz zur Regelung der Behördenzuständigkeit festlegen, sowie Art. 12 und § 13 EG StPO/BL, die die gesetzliche Grundlage für die Organisation der Staatsanwaltschaft regeln. Weitere tragende Normen waren Art. 2 Abs. 1 und 2 StPO, Art. 12 bis 15 StPO, Art. 311 bis 318 StPO, Art. 352 bis 357 StPO, Art. 76 ff. StPO, Art. 80 und 81 StPO, Art. 353 Abs. 1 lit. k StPO sowie Art. 61 Abs. 1 Satz 1 KV/BL.

Die Kosten des Verfahrens wurden nicht explizit geregelt. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil sie klärt, dass die Delegation des Erlasses von Übertretungsstrafbefehlen an nichtjuristisches Personal der Staatsanwaltschaft grundsätzlich zulässig ist – aber nur bei ausdrücklicher gesetzlicher Grundlage, nicht mittels Dienstordnung oder Verwaltungsverfügung.

Regeste

Art. 17 Abs. 1 und Art. 311 Abs. 1 Satz 2 StPO; Zuständigkeit für den Erlass von Übertretungsstrafbefehlen. Art. 17 Abs. 1 und Art. 311 Abs. 1 Satz 2 StPO richten sich an den kantonalen Gesetzgeber. Hat ein Kanton von der in Art. 17 Abs. 1 und Art. 311 Abs. 1 Satz 2 StPO vorgesehenen Möglichkeit keinen Gebrauch gemacht, gelangen für die Verfolgung und Beurteilung von Übertretungen die gewöhnlichen Bestimmungen der StPO zur Anwendung, d.h. für die Beweiserhebung und den Erlass des Strafbefehls ist der mit dem Fall befasste Staatsanwalt zuständig (E. 3). Die Kantone können den Erlass von Übertretungsstrafbefehlen in analoger Anwendung von Art. 17 Abs. 1 StPO an Untersuchungsbeauftragte der Staatsanwaltschaft delegieren. Eine kantonale Regelung, wonach bei Übertretungen innerhalb der Staatsanwaltschaft nicht die Staatsanwälte, sondern andere Mitarbeiter für den Erlass von Strafbefehlen zuständig sind, verstösst nicht gegen übergeordnetes Recht. Erforderlich ist jedoch ein gültiger kantonaler Erlass, der dies explizit vorsieht (E. 4). Regeste Art. 17 al. 1 et art. 311 al. 1, 2 e phrase, CPP; compétence pour réprimer les contraventions par ordonnance pénale. Les art. 17 al. 1 et 311 al. 1, 2 e phrase, CPP s'adressent au législateur cantonal. Lorsqu'un canton n'a pas fait usage de la faculté prévue par les art. 17 al. 1 et 311 al. 1, 2 e phrase, CPP, les règles usuelles du CPP s'appliquent à la poursuite et au jugement des contraventions; le procureur en charge du dossier est compétent pour administrer les preuves et rendre l'ordonnance pénale (consid. 3). Les cantons peuvent, par application analogique de l'art. 17 al. 1 CPP, déléguer la répression des contraventions par ordonnance pénale à des chargés d'enquête désignés par le ministère public. Une réglementation cantonale attribuant la compétence de rendre des ordonnances pénales pour réprimer des contraventions non aux procureurs mais à d'autres collaborateurs au sein du ministère public n'est pas contraire au droit supérieur, pour autant qu'une norme de droit cantonal valable le prévoie expressément (consid. 4). Regesto Art. 17 cpv. 1 e art. 311 cpv. 1 secondo periodo CPP; competenza per emanare decreti d'accusa in materia di contravvenzioni. L'art. 17 cpv. 1 e l'art. 311 cpv. 1 secondo periodo CPP si rivolgono al legislatore cantonale. Se un Cantone non si è valso della facoltà prevista dall'art. 17 cpv. 1 e dall'art. 311 cpv. 1 secondo periodo CPP, le disposizioni ordinarie del CPP si applicano al perseguimento e al giudizio delle contravvenzioni, vale a dire che spetta al procuratore pubblico adito del caso assumere le prove ed emanare il decreto d'accusa (consid. 3). In applicazione analogica dell'art. 17 cpv. 1 CPP, i Cantoni possono delegare l'emanazione dei decreti d'accusa in materia di contravvenzioni a degli incaricati d'inchiesta del pubblico ministero. Non viola il diritto superiore una regolamentazione cantonale che assegna la competenza per emanare i decreti d'accusa in materia di contravvenzioni non ai procuratori, bensì ad altri collaboratori in seno al pubblico ministero. È tuttavia necessaria una valida norma cantonale che lo preveda in modo esplicito (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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