Beschwerdeführer verlangt vollständigen Zugang zum Abschlussbericht über Sicherheitskontrolle von Wickelkommoden: Art. 10 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 PrSG ist keine Spezialbestimmung i.S.v. Art. 4 BGÖ (Art. 4 lit. b BGÖ)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 II 265 · ATF 146 II 265 · DTF 146 II 265
- Datum
- 07.04.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 146 II 265
- Ausgang
- Rückweisung
Tragende Normen
Art. 4 BGÖ Art. 11 BGÖ Art. 1 PrSG Art. 10 PrSG Art. 12 PrSG
Zusammenfassung
Eine Person beantragte beim Bundesgericht die Aufhebung einer Verfügung der Schweizerischen Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu), mit der diese den Zugang zu einem Abschlussbericht über eine Stichprobe zur Produktsicherheit von Wickelkommoden teilweise verweigert hatte. Die bfu hatte Produktbezeichnungen und -bilder von fünf mangelhaften Wickelkommoden geschwärzt. Das Bundesverwaltungsgericht hatte die Beschwerde abgewiesen. Streitpunkt war, ob die Regelung über die aktive Warnung vor gefährlichen Produkten im Produktesicherheitsgesetz (PrSG) eine Spezialbestimmung darstellt, die dem Öffentlichkeitsgesetz (BGÖ) vorgeht und den Zugang zu amtlichen Dokumenten einschränkt.
Das Bundesgericht hob den Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts auf und wies die Sache zur Neubeurteilung zurück. Es stellte fest, dass Art. 10 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 PrSG keine Spezialbestimmung i.S.v. Art. 4 lit. b BGÖ darstellt. Die Verpflichtung der Vollzugsorgane, die Bevölkerung vor gefährlichen Produkten zu warnen, regelt ausschliesslich die aktive Information und schränkt das passive Zugangsrecht nach dem BGÖ nicht ein. Die Schweigepflicht gemäss Art. 12 PrSG geht nicht über das allgemeine Berufs-, Geschäfts- oder Fabrikationsgeheimnis hinaus und begründet daher keine besondere Geheimhaltungspflicht gegenüber dem BGÖ. Das Fehlen einer Koordinierungshinweises in der Botschaft zum PrSG deutet nicht darauf hin, dass die gesetzgebende Behörde die Geltung des BGÖ einschränken wollte; vielmehr ist dies als Hinweis darauf zu verstehen, dass die Geltung des BGÖ nicht tangiert werden sollte. Der komplementäre Zugang nach BGÖ ermöglicht eine sinnvolle, differenzierte Abstufung der behördlichen Informationstätigkeit: bei gravierenden Gefahren erfolgt eine amtliche Warnung, bei weniger schwerwiegenden Mängeln bleibt der Zugang nach BGÖ möglich. Damit ist Art. 4 lit. b BGÖ nicht verletzt, und das Zugangsgesuch ist nach den Regeln des BGÖ zu beurteilen, insbesondere unter Prüfung möglicher Ausnahmen nach Art. 7 BGÖ und unter Konsultation der betroffenen Hersteller gemäss Art. 11 BGÖ.
Die Entscheidung klärt zentral, dass eine Verpflichtung zur aktiven Information in einem anderen Bundesgesetz nicht automatisch eine Spezialbestimmung i.S.v. Art. 4 lit. b BGÖ darstellt, sondern nur dann, wenn sie ausdrücklich und abschliessend das passive Zugangsrecht regelt. Sie bestätigt die Vorrangstellung des Transparenzprinzips und präzisiert die Auslegungskriterien für das Verhältnis zwischen spezialgesetzlichen Informationsregelungen und dem BGÖ.
Regeste
Art. 4 lit. b BGÖ; Art. 10 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 PrSG; Zugangsgesuch zu Resultaten einer Kontrolle der Sicherheitsvorschriften von Wickelkommoden. Ob eine Verpflichtung zur aktiven Information eine spezielle Zugangsnorm i.S.v. Art. 4 lit. b BGÖ darstellt, ist durch Auslegung der betreffenden Norm zu ermitteln (E. 3). Aus dem Umstand, dass die Botschaft eines nach dem BGÖ erlassenen Gesetzes keine Hinweise zur Koordination mit dem BGÖ enthält, kann nicht geschlossen werden, dass die Geltung des BGÖ eingeschränkt werden soll (E. 5.2.1). Die in Art. 12 PrSG statuierte Schweigepflicht geht nicht über das allgemeine Berufs-, Geschäfts- oder Fabrikationsgeheimnis hinaus (E. 5.2.2). Der komplementäre Zugang zu Informationen nach BGÖ erlaubt eine differenzierte Abstufung der behördlichen Informationstätigkeit; Art. 10 Abs. 4 i.V.m. Art. 12 PrSG stellt keine Spezialbestimmung i.S.v. Art. 4 BGÖ dar (E. 5.3). Regeste Art. 4 let. b LTrans; art. 10 al. 4 cum art. 12 LSPro; demande d'accès à des résultats d'un contrôle des règles de sécurité de tables à langer. Pour savoir si une obligation de publication (information active) constitue une disposition spéciale d'accès au sens de l'art. 4 let. b LTrans, il convient d'interpréter les normes pertinentes (consid. 3). On ne peut conclure du seul fait que le message d'une loi entrée en vigueur après la LTrans ne contient aucune indication quant à sa coordination avec la LTrans que le champ d'application de la LTrans doit être limité (consid. 5.2.1). L'obligation de garder le secret prévue à l'art. 12 LSPro ne va pas au-delà du secret professionnel, d'affaires ou de fonction général (consid. 5.2.2). L'accès complémentaire aux documents officiels selon la LTrans permet une gradation adéquate des activités d'information de la part de l'Etat; l'art. 10 al. 4 cum art. 12 LSPro ne constitue pas une disposition spéciale au sens de l'art. 4 LTrans (consid. 5.3). Regesto Art. 4 lett. b LTras; art. 10 cpv. 4 in relazione con l'art. 12 LSPro; domanda di accesso ai risultati di un controllo delle norme di sicurezza di fasciatoi. Per sapere se un obbligo d'informazione attiva costituisca una disposizione speciale d'accesso ai sensi dell'art. 4 lett. b LTras, occorre interpretare la relativa norma (consid. 3). Dalla circostanza che il messaggio di una legge entrata in vigore dopo la LTras non contiene alcuna indicazione sul coordinamento con la LTras, non si può dedurre che la validità della LTras dovrebbe essere limitata (consid. 5.2.1). L'obbligo del segreto sancito dall'art. 12 LSPro non eccede il segreto generale professionale, commerciale o di fabbrica (consid. 5.2.2). L'accesso complementare alle informazioni giusta la LTras consente una graduazione differenziata dell'attività d'informazione delle autorità; l'art. 10 cpv. 4 in relazione con l'art. 12 LSPro non costituisce una norma speciale ai sensi dell'art. 4 LTras (consid. 5.3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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