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Justizze. Art. 76a AuG

Bundesgericht

Afghanischer Asylsuchender nach Asylgesuch in Bulgarien inhaftiert: Dublin-Haft unzulässig ohne konkrete Untertauchensgefahr und rechtzeitige richterliche Prüfung (Art. 76a AuG)

BGE / ATF / DTF
BGE 142 I 135 · ATF 142 I 135 · DTF 142 I 135
Datum
02.05.2016
Geschäftsnummer
BGE 142 I 135
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 76a AuG Art. 80a AuG Art. 82 BGG Art. 83 BGG Art. 29 BV Art. 31 BV Art. 5 EMRK

Zusammenfassung

Ein afghanischer Staatsangehöriger hatte am 10. Dezember 2015 in Bulgarien ein Asylgesuch gestellt und war danach in die Schweiz weitergereist. Das Staatssekretariat für Migration (SEM) trat am 1. Februar 2016 nicht auf sein in der Schweiz am 22. Dezember 2015 gestelltes Asylgesuch ein, wies ihn nach Bulgarien aus und ordnete seine Inhaftierung für höchstens sechs Wochen an. Der Beschwerdeführer erhob dagegen beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde, die abgewiesen wurde. Er legte daraufhin Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten beim Bundesgericht ein und verlangte unter anderem seine Entlassung aus der Haft sowie die Feststellung einer Verletzung seiner Rechte aus der Europäischen Menschenrechtskonvention. Die Parteien stritten insbesondere über die Zulässigkeit der Beschwerde, die Rechtzeitigkeit der richterlichen Haftprüfung und die gesetzlichen Voraussetzungen für die Anordnung der Dublin-Haft.

Das Bundesgericht hiess die Beschwerde teilweise gut und hob den angefochtenen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts auf. Die Beschwerde war zulässig, weil die Anordnung von Dublin-Haft trotz funktionellem Zusammenhang mit einem Asylverfahren einen eigenständigen Charakter besitzt und nicht als Entscheid "auf dem Gebiet des Asyls" im Sinne von Art. 83 lit. d Ziff. 1 BGG gilt; dies ergibt sich aus dem schweren Eingriff in die persönliche Freiheit nach Art. 10 Abs. 2 BV und Art. 5 Ziff. 1 EMRK sowie aus systematischen und teleologischen Gründen. Die erste richterliche Prüfung der Haftanordnung musste so rasch wie möglich erfolgen, was im vorliegenden Fall nicht gewährleistet war: Der Beschwerdeführer wandte sich am 17. Februar 2016 an das Bundesverwaltungsgericht, dessen Urteil vom 1. März 2016 erging – also nach knapp zwei Wochen – obwohl die Prüfung nach Art. 80a Abs. 2 i.V.m. Art. 109 Abs. 3 und Abs. 5 AsylG, Art. 31 Abs. 4 BV und Art. 5 Ziff. 4 EMRK innerhalb einer kurzen Frist, orientiert an der 96-Stunden-Frist von Art. 80 Abs. 2 AuG, hätte stattfinden müssen. Art. 80a Abs. 4 AuG mit seiner Acht-Tage-Frist galt nicht für die erstmalige Haftprüfung, sondern nur für spätere Haftentlassungsgesuche. Die Haftanordnung selbst war rechtswidrig, weil allein das Asylgesuch in Bulgarien keine zulässige Grundlage für die Inhaftierung darstellt; es fehlten konkrete Anzeichen einer erheblichen Gefahr des Untertauchens im Sinne von Art. 76a Abs. 1 lit. a i.V.m. Abs. 2 AuG, etwa ein Widerspruch gegenüber bulgarischen Behörden oder eine Verneinung des bulgarischen Asylgesuchs gegenüber dem SEM. Damit verstösst die Haftanordnung gegen Art. 5 Ziff. 1 EMRK sowie Art. 10 Abs. 2 i.V.m. Art. 5 Abs. 1 und Art. 36 Abs. 1 BV. Die Rüge einer Verletzung von Art. 14 i.V.m. Art. 5 Ziff. 4 EMRK wurde hingegen abgewiesen, da die unterschiedliche Handhabung der Haftprüfung bei Dublin-Haft keine unzulässige Ungleichbehandlung darstellt. Die Feststellung der Verletzung von Art. 5 Ziff. 1 und Ziff. 4 EMRK erfolgt im Dispositiv als Form der Wiedergutmachung, obwohl der Beschwerdeführer mittlerweile nach Bulgarien überstellt worden war.

Regeste

Art. 5 Ziff. 1 und Ziff. 4 EMRK, Art. 10 Abs. 2 und Art. 31 Abs. 4 BV, Art. 76a und Art. 80a AuG, Art. 83 lit. d Ziff. 1 BGG; Zulässigkeit der Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten gegen ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts betreffend die Anordnung von Administrativhaft durch das SEM; Anspruch auf möglichst rasche richterliche Prüfung der Haft; Haftvoraussetzungen im Dublin-Verfahren. Gegen die Anordnung von Administrativhaft ist die Beschwerde in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten auch dann zulässig, wenn die Haft in funktionellem Zusammenhang mit einem Asylverfahren steht und die richterliche Haftprüfung nicht durch eine kantonale Vorinstanz, sondern durch das Bundesverwaltungsgericht erfolgte (E. 1). Verlangt der Betroffene erstmals die richterliche Prüfung der Haftanordnung, hat diese so rasch wie möglich zu erfolgen. Die 8-tägige Frist gemäss Art. 80a Abs. 4 AuG betrifft nicht die erstmalige richterliche Prüfung der Haft, sondern die Beurteilung eines späteren Haftentlassungsgesuchs (E. 3). Allein der Umstand, dass eine Person in einem anderen Dublin-Staat ein Asylgesuch gestellt hat, rechtfertigt eine Haft nicht. Für eine Haftanordnung gestützt auf Art. 76a AuG müssen konkrete Anzeichen einer erheblichen Gefahr des Untertauchens bestehen (E. 4). Regeste Art. 5 par. 1 et par. 4 CEDH, art. 10 al. 2 et art. 31 al. 4 Cst., art. 76a et art. 80a LEtr, art. 83 let. d ch. 1 LTF; admissibilité du recours en matière de droit public contre un arrêt du Tribunal administratif fédéral relatif à la décision de mise en détention administrative prononcée par le SEM; droit à un examen aussi rapide que possible de la détention par une autorité judiciaire; conditions de la détention dans le cadre de la procédure Dublin. Le recours en matière de droit public contre la décision de mise en détention administrative est aussi ouvert lorsque la détention est ordonnée en lien fonctionnel avec une procédure d'asile et qu'elle a fait l'objet d'un examen judiciaire non pas par une instance cantonale mais par le Tribunal administratif fédéral (consid. 1). Lorsque l'intéressé demande l'examen judiciaire de la décision de mise en détention pour la première fois, celui-ci doit avoir lieu le plus rapidement possible. Le délai de huit jours de l'art. 80a al. 4 LEtr ne s'applique pas au premier examen judiciaire de la détention, mais bien à l'examen d'une demande ultérieure de mise en liberté (consid. 3). Le simple fait qu'une personne a déposé une demande d'asile dans un autre Etat-Dublin ne justifie pas sa mise en détention. Une décision de mise en détention fondée sur l'art. 76a LEtr nécessite l'existence d'éléments concrets permettant d'admettre un risque important que l'étranger entend se soustraire au renvoi (consid. 4). Regesto Art. 5 n. 1 e n. 4 CEDU, art. 10 cpv. 2 e art. 31 cpv. 4 Cost., art. 76a e art. 80a LStr, art. 83 lett. d n. 1 LTF; ammissibilità del ricorso in materia di diritto pubblico contro una sentenza del Tribunale amministrativo federale relativa alla carcerazione amministrativa pronunciata dalla SEM; diritto ad un esame il più rapido possibile della carcerazione da parte di un'autorità giudiziaria; condizioni della carcerazione nell'ambito della procedura Dublino. Il ricorso in materia di diritto pubblico contro la pronuncia di una carcerazione amministrativa è ugualmente ammissibile quando sussiste un nesso funzionale tra la carcerazione e una procedura d'asilo e quando l'esame giudiziario della carcerazione viene eseguito non da un'autorità cantonale, bensì dal Tribunale amministrativo federale (consid. 1). Se l'interessato chiede per la prima volta un esame giudiziario della carcerazione, questo deve avere luogo il più rapidamente possibile. Il termine di otto giorni di cui all'art. 80a cpv. 4 LStr non si applica al primo esame giudiziario di una carcerazione, bensì all'esame di una successiva richiesta di scarcerazione (consid. 3). Il semplice fatto che una persona abbia chiesto l'asilo in un altro Stato Dublino non giustifica la sua carcerazione. Affinché possa essere pronunciata una carcerazione in virtù dell'art. 76a LStr occorre che vi siano indizi concreti di un importante rischio che l'interessato intenda sottrarsi all'esecuzione dell'allontanamento (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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