Nationalstrassensanierung als wesentliche Änderung trotz Lärmreduktion: Bund muss Schallschutzfenster finanzieren (Art. 18 USG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 LSV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 141 II 483 · ATF 141 II 483 · DTF 141 II 483
- Datum
- 14.10.2015
- Geschäftsnummer
- BGE 141 II 483
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 74 BV Art. 8 LSV Art. 10 LSV Art. 11 LSV Art. 16 USG Art. 17 USG Art. 18 USG Art. 20 USG Art. 25 USG
Zusammenfassung
Das Eidgenössische Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK) focht einen Entscheid des Bundesverwaltungsgerichts an, das ein Ausführungsprojekt zur Instandsetzung und Sanierung eines Nationalstrassenabschnitts der N1 in Zürich als wesentliche Änderung qualifiziert hatte. Streitig war, ob die lärmrechtlichen Anforderungen für neue Anlagen oder für sanierungsbedürftige Bestandsanlagen gelten, obwohl durch die Massnahmen (lärmarmer Belag, Temporeduktion, Lärmschutzwände) eine Reduktion der Lärmimmissionen erwartet wurde. Das UVEK argumentierte, dass mangels Zunahme der Immissionen keine wesentliche Änderung vorliege, während die Stadt Zürich die tiefgreifende Erneuerung der Bausubstanz und die hohen Kosten betonte.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde des UVEK ab und bestätigte, dass das Projekt als wesentliche Änderung im Sinne von Art. 18 USG zu qualifizieren ist. Die Richter stellten fest, dass die Definition in Art. 8 Abs. 3 Satz 1 LSV (wahrnehmbar stärkere Lärmimmissionen) nicht abschliessend ist. Bei einer umfassenden Sanierung und gleichzeitigen Änderung muss eine gesamthafte Betrachtung erfolgen, die den Umfang der baulichen Massnahmen, die Kosten und die Auswirkungen auf die Lebensdauer der Gesamtanlage berücksichtigt.
Im konkreten Fall wird praktisch die gesamte oberirdische Bausubstanz des 1,5 km langen Abschnitts ersetzt, was einem Neubau nahekommt. Die Projektkosten von über 100 Millionen Franken sind mit denen eines Neubaus vergleichbar. Zudem verlängert sich die Lebensdauer der Anlage erheblich bis mindestens ins Jahr 2063. Diese Faktoren rechtfertigen die Gleichstellung mit einer wesentlichen Änderung, auch wenn die Lärmimmissionen sinken. Eine andere Auslegung würde dem verfassungsrechtlichen Auftrag zum Schutz des Menschen vor schädlichen Einwirkungen (Art. 74 BV) widersprechen, indem sie die Anwendung der weniger strengen Regeln für Altanlagen (Art. 20 USG) auf vollständig erneuerte Strassen ausdehnen würde.
Die Folge dieser Qualifikation ist, dass der Bund als Eigentümer der Nationalstrasse verpflichtet ist, passive Schallschutzmassnahmen wie Schallschutzfenster an allen Gebäuden anzuordnen und zu finanzieren, bei denen die Immissionsgrenzwerte nicht eingehalten werden können (Art. 8 Abs. 2 i.V.m. Art. 10 und 11 LSV). Dies geht weiter als die Regelung für reine Sanierungen, bei denen solche Massnahmen erst ab Überschreiten der Alarmwerte greifen würden. Die Aufteilung des Perimeters in Einzelanlagen durch das ASTRA wurde verworfen, da räumlich und funktional zusammenhängende Anlageteile nicht künstlich getrennt werden dürfen.
Regeste
Instandsetzung und Sanierung eines Nationalstrassenabschnitts; Qualifikation als wesentliche Änderung i.S.v. Art. 18 USG i.V.m. Art. 8 Abs. 2 LSV trotz Reduktion der Lärmimmissionen. Darstellung des Streitstands (E. 2). Das USG unterscheidet neue Anlagen (Art. 25 USG), bestehende sanierungsbedürftige Anlagen (Art. 16 f. und 20 USG) und geänderte Anlagen (Art. 18 USG), mit unterschiedlichen Rechtsfolgen für den passiven Schallschutz (E. 3). Art. 18 USG wird durch Art. 8 LSV konkretisiert (E. 3.3). Danach gilt eine Änderung als wesentlich, wenn zu erwarten ist, dass sie wahrnehmbar stärkere Lärmimmissionen erzeugt (Art. 8 Abs. 3 Satz 1 LSV). Diese Regelung ist nicht abschliessend: Geboten ist eine gesamthafte Betrachtung, unter Berücksichtigung des Umfangs der baulichen Massnahmen, der Kosten und der Auswirkungen auf die Lebensdauer der Gesamtanlage (E. 4). Vorliegend ist von einer wesentlichen Änderung auszugehen (E. 5). Dies hat insbesondere zur Folge, dass der Bund Schallschutzfenster an allen Gebäuden anordnen und finanzieren muss, an denen die Immissionsgrenzwerte nicht eingehalten werden können (Art. 8 Abs. 2 i.V.m. Art. 10 und 11 LSV). Regeste Remise en état et assainissement d'une section de route nationale; qualification de modification notable au sens de l'art. 18 LPE en lien avec l'art. 8 al. 2 OPB malgré une réduction des immissions de bruit. Présentation du litige (consid. 2). La LPE distingue les nouvelles installations (art. 25 LPE), celles existantes et sujettes à assainissement (art. 16 s. et 20 LPE), ainsi que celles modifiées et sujettes à assainissement (art. 18 LPE), ce qui implique des conséquences juridiques différentes s'agissant des mesures passives de protection contre le bruit (consid. 3). L'art. 18 LPE est concrétisé par l'art. 8 OPB (consid. 3.3). Il en découle qu'une modification est notable lorsqu'il y a lieu de s'attendre à ce qu'elle entraînera la perception d'immissions de bruit plus élevées (art. 8 al. 3, 1re phrase, OPB). Cette règle n'est pas exhaustive: il faut une appréciation globale, tenant compte de la portée des travaux de construction, des coûts et des effets sur la durée de vie de l'ensemble de l'installation (consid. 4). En l'espèce, il est question d'une modification notable (consid. 5). Celle-ci a en particulier comme conséquence que la Confédération doit faire installer et financer des fenêtres insonorisées sur tous les bâtiments pour lesquels les valeurs limites d'immission ne peuvent plus être respectées (art. 8 al. 2 en lien avec les art. 10 et 11 OPB). Regesto Ripristino e risanamento di un tratto di strada nazionale; qualifica di modificazione sostanziale ai sensi dell'art. 18 LPAmb in relazione con l'art. 8 cpv. 2 OIF nonostante una riduzione delle immissioni foniche. Descrizione del litigio (consid. 2). La LPAmb distingue nuovi impianti (art. 25 LPAmb), impianti esistenti bisognosi di risanamento (art. 16 seg. e 20 LPAmb) e impianti modificati (art. 18 LPAmb), con conseguenze giuridiche diverse per quanto concerne l'isolamento acustico passivo (consid. 3). L'art. 18 LPAmb è concretizzato dall'art. 8 OIF (consid. 3.3). Ne discende che una modificazione è considerata sostanziale se c'è da aspettarsi che provochi immissioni foniche percettibilmente più elevate (art. 8 cpv. 3 prima frase OIF). Questa regolamentazione non è esaustiva: si impone una valutazione globale, che tenga conto della portata degli interventi di costruzione, dei costi e degli effetti sulla durata di vita dell'impianto nel suo complesso (consid. 4). Nella fattispecie, si deve concludere di essere in presenza di una modificazione sostanziale (consid. 5). Ciò ha in particolare come conseguenza che la Confederazione deve imporre e finanziare la posa di finestre insonorizzate su tutti gli edifici per i quali non possono essere rispettati i valori limite d'immissione (art. 8 cpv. 2 in relazione con gli art. 10 e 11 OIF).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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