Justizze.

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Justizze. Art. 16 FZA

Bundesgericht

Lettischer Gerichtsdolmetscher: Freizügigkeitsabkommen anwendbar, da keine hoheitliche Tätigkeit; Sache zurückgewiesen (Art. 16 FZA)

BGE / ATF / DTF
BGE 140 II 112 · ATF 140 II 112 · DTF 140 II 112
Datum
31.01.2014
Geschäftsnummer
BGE 140 II 112
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 4 ALC Art. 16 FZA

Zusammenfassung

Ein lettischer Staatsangehöriger beantragte die Aufnahme in das Justizdolmetscherverzeichnis des Kantons Zürich. Die zuständige Fachgruppe wies das Gesuch ab, da er erst seit kurzem eine Aufenthaltsbewilligung besitze und seinen Lebensmittelpunkt nicht in der Schweiz habe. Die Vorinstanz begründete die Ablehnung zudem damit, dass es sich bei der Dolmetschertätigkeit um eine hoheitliche staatliche Tätigkeit handle, für die das Freizügigkeitsabkommen (FZA) zwischen der Schweiz und der EU nicht gelte. Der Beschwerdeführer rügte vor dem Bundesgericht eine diskriminierende Ungleichbehandlung aufgrund seiner Staatsangehörigkeit und die falsche Qualifikation seiner Tätigkeit als hoheitlich.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und weist die Sache zur Neubeurteilung an die Fachgruppe zurück. Es hält fest, dass die Dolmetschertätigkeit für Gerichte und Behörden keine "Ausübung öffentlicher Gewalt" im Sinne von Art. 16 Anhang I FZA darstellt. Unter Berufung auf die ständige Rechtsprechung des EuGH (insbesondere Urteil Penarroja Fa) qualifiziert das Gericht die Übersetzungsleistung als Hilfstätigkeit, die weder Entscheidungsautonomie noch Letztverantwortung mit sich bringt und die gerichtliche Würdigung unberührt lässt. Da die Tätigkeit nicht unter die Bereichsausnahme fällt, kann sich der Beschwerdeführer auf die Rechte aus dem Freizügigkeitsabkommen berufen.

Die Vorinstanz hat gegen das Diskriminierungsverbot verstossen, indem sie Kriterien wie die Staatsangehörigkeit oder die Dauer des bisherigen Aufenthalts herangezogen hat, welche im Anwendungsbereich des FZA unzulässig sind (Art. 4 i.V.m. Art. 15 Abs. 1 Anhang I FZA). Bezüglich des Kriteriums der Verfügbarkeit führt das Gericht aus, dass dieses zwar grundsätzlich zulässig sein kann, um zwingende Erfordernisse des Allgemeininteresses (wie effektive Verteidigungsrechte) zu gewährleisten. Eine solche Einschränkung muss jedoch verhältnismässig und nicht diskriminierend angewendet werden. Da die Vorinstanz nicht dargelegt hat, wie sie dieses Kriterium gegenüber inländischen Bewerbern handhabt, und pauschal auf Abwesenheiten im Ausland abstellt, war der Entscheid aufzuheben. Das Aufnahmeverfahren ist nun unter Beachtung des Grundsatzes der Inländerbehandlung neu durchzuführen.

Regeste

a Art. 4 FZA; Art. 16 Abs. 1 und 2 FZA; Art. 16 und 10 Anhang I FZA. Tragweite des Begriffs der hoheitlichen Tätigkeit im Sinne des Freizügigkeitsabkommens. Vorbehalt der Ausübung öffentlicher Gewalt bzw. der Ausübung hoheitlicher Befugnisse im Rahmen der selbstständigen bzw. unselbstständigen Erwerbstätigkeit (Art. 16 und 10 Anhang I FZA). Ständige Rechtsprechung des EuGH zur Tragweite der Bereichsausnahme "Ausübung öffentlicher Gewalt": Hoheitlichen Tätigkeiten müssen Entscheidungsautonomie und eine gewisse Letztverantwortung inhärent sein (E. 3.2.2 und 3.2.3). Anwendung auf Gerichtsdolmetscher (E. 3.2.4). Regeste b Präambel, Art. 16 Abs. 1 und 2 FZA. Ungeschriebene Rechtfertigungsgründe im Bereich des Freizügigkeitsabkommens. Ungeschriebene Rechtfertigungsgründe zu faktischen Einschränkungen der Niederlassungsfreiheit im Primärrecht der EU (E. 3.6.1) sind auch im Anwendungsbereich des Freizügigkeitsabkommens einschlägig (E. 3.6.2). Sie sind stets verhältnismässig und ihrerseits nicht diskriminierend anzuwenden (E. 3.6.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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