Unfallversicherter mit Hirnschaden: Invaliditätsgrad 72% statt 100%, versicherter Verdienst nach GAV korrigiert (Art. 16 ATSG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 V 28 · ATF 139 V 28 · DTF 139 V 28
- Datum
- 25.01.2013
- Geschäftsnummer
- 8C_545/2012
- Abteilung
- I. sozialrechtliche Abteilung
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 8 ATSG Art. 16 ATSG Art. 17 ATSG Art. 15 UVG Art. 22 UVV Art. 24 UVV
Zusammenfassung
Ein selbstständiger Bauschreiner erlitt 1975 einen schweren Autounfall mit Hirnverletzungen und erhielt eine Rente bei 50% Erwerbsunfähigkeit. Nach weiteren Schulterunfällen 2006/2007 stufte die SUVA die Invalidität auf 68% hoch, während die Vorinstanz eine vollständige Invalidität von 100% und einen höheren versicherten Verdienst annahm. Die SUVA focht diese Festsetzung an und verlangte die Herabsetzung des Invaliditätsgrades sowie die Korrektur des versicherten Verdienstes.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde der SUVA teilweise gut. Es stellt fest, dass der Versicherte trotz schwerer körperlicher Einschränkungen noch über eine verwertbare Restarbeitsfähigkeit verfügt. Der Kreisarzt hatte zwar Tätigkeiten im Industrie- und Dienstleistungsbereich praktisch ausgeschlossen, doch das Gericht hält fest, dass auf dem ausgeglichenen Arbeitsmarkt einfache Überwachungs-, Prüf- und Kontrolltätigkeiten oder die Bedienung halbautomatischer Maschinen angeboten werden, welche die belasteten Schultern nicht repetitiv einsetzen. Da der Versicherte seit 1979 erfolgreich selbstständig war, wird der Antrag auf eine weitere neuropsychologische Abklärung zur Prüfung einer Hirnfrontstörung abgewiesen; seine berufliche Karriere spricht gegen eine solche Störung.
Bei der Berechnung des Invaliditätsgrades setzt das Gericht ein hypothetisches Invalideneinkommen von Fr. 23'296.- an. Für das Valideneinkommen weicht es von der LSE-Tabelle ab und orientiert sich am Gesamtarbeitsvertrag für das Holzbaugewerbe. Es nimmt an, dass der Versicherte ohne Unfälle die Funktion eines Poliers erreicht hätte, was einem Jahreslohn von Fr. 81'770.- entspricht. Daraus resultiert ein Invaliditätsgrad von 72%, was niedriger ist als die 100% der Vorinstanz, aber höher als die 68% der SUVA.
Hinsichtlich des versicherten Verdienstes bestätigt das Gericht die Anwendbarkeit von Art. 24 Abs. 4 Satz 1 UVV. Diese Bestimmung schafft einen besonderen Revisionstatbestand, der das Äquivalenzprinzip durchbricht und keine restriktive Auslegung erfordert. Das Gericht legt den versicherten Verdienst ebenfalls anhand des GAV-Lohns von Fr. 81'770.- fest. Zudem rechnet es die Kinderzulagen von Fr. 2'400.- hinzu, da Art. 24 Abs. 4 UVV als Sonderregel die Berücksichtigung solcher Zulagen zulässt, anders als bei der Grundregel. Der total versicherte Verdienst beträgt somit Fr. 84'210.-.
Regeste
a Art. 17 und 16 ATSG; Neubestimmung des Invaliditätsgrades nach mehreren invalidisierenden Unfällen. Bei der gesamthaften Neubestimmung des Invaliditätsgrades nach mehreren invalidisierenden Unfällen gelten die Regeln über die Rentenrevision nach Art. 17 ATSG (E. 3.3.1). Daher bilden die nach der erstmaligen Rentenfestsetzung erworbenen, besonderen beruflichen Qualifikationen des Versicherten zu berücksichtigende Anhaltspunkte auf die hypothetische Entwicklung des Valideneinkommens (E. 3.3.3.2 in fine). Regeste b Art. 15 Abs. 2 und 3 UVG; Art. 22 Abs. 2 lit. b und Art. 24 Abs. 4 UVV; versicherter Verdienst. Mit Art. 24 Abs. 4 UVV hat der Bundesrat in Durchbrechung der Grundregel und des damit eng in Zusammenhang stehenden Äquivalenzprinzips gestützt auf das in der sozialen Unfallversicherung ebenfalls geltende Solidaritätsprinzip einen besonderen Revisionstatbestand geschaffen, weshalb der versicherte Jahresverdienst im Rahmen der Neubeurteilung der Invalidenrente ohne Bindung an die Qualifikation bei der ersten Rentenverfügung festzulegen ist (E. 4.3.3 in Verbindung mit E. 4.3.1 und 4.3.2) und über die Nominallohnentwicklung hinaus, anders als im Anwendungsbereich von Art. 24 Abs. 2 UVV, analog zur Neubestimmung des Valideneinkommens an eine mutmasslich durchlaufene berufliche Weiterentwicklung mit entsprechenden Einkommenssteigerungen angepasst werden kann (E. 4.3.4); zu berücksichtigen sind daher auch Kinderzulagen, auf die in der Zeit zwischen erstem und letztem Unfallereignis ein Anspruch entstanden ist (E. 4.3.5). Regeste a Art. 17 et 16 LPGA; nouvelle fixation du taux d'invalidité après plusieurs accidents invalidants. Les règles sur la révision des rentes prévues à l'art. 17 LPGA s'appliquent en cas de nouvelle fixation du taux d'invalidité globale après plusieurs accidents invalidants (consid. 3.3.1). C'est pourquoi les qualifications professionnelles particulières obtenues après la décision initiale de rente constituent des éléments à prendre en compte dans l'évolution hypothétique du revenu sans invalidité (consid. 3.3.3.2 in fine). Regeste b Art. 15 al. 2 et 3 LAA; art. 22 al. 2 let. b et art. 24 al. 4 OLAA; gain assuré. Rompant avec la règle générale et le principe d'équivalence qui lui est étroitement lié, le Conseil fédéral a établi, avec l'art. 24 al. 4 OLAA, un cas particulier de révision en s'appuyant sur le principe de solidarité également applicable à l'assurance-accidents sociale, en ce sens que le gain annuel assuré déterminant pour le calcul de la nouvelle rente doit être fixé indépendamment de la qualification retenue lors de la décision initiale de rente (consid. 4.3.3 en liaison avec le consid. 4.3.1 et 4.3.2) et que, par analogie avec la nouvelle évaluation du revenu sans invalidité, il peut être réajusté - à la différence du cas réglé à l'art. 24 al. 2 OLAA - au-dessus de l'évolution du salaire nominal, compte tenu de l'avancement professionnel présumé et de l'augmentation correspondante du revenu (consid. 4.3.4); aussi convient-il de tenir compte également des allocations pour enfants auxquelles l'assuré a droit pour la période comprise entre le premier et le dernier accident (consid. 4.3.5). Regesto a Art. 17 e 16 LPGA; nuova determinazione del grado d'invalidità dopo diversi infortuni invalidanti. In caso di nuova determinazione globale del grado d'invalidità dopo diversi infortuni invalidanti valgono le regole sulla revisione della rendita secondo l'art. 17 LPGA (consid. 3.3.1). Perciò, le qualifiche professionali particolari dell'assicurato, acquisite dopo la determinazione iniziale della rendita, costituiscono indizi da prendere in considerazione sull'evoluzione ipotetica del reddito da valido (consid. 3.3.3.2 in fine). Regesto b Art. 15 cpv. 2 e 3 LAINF; art. 22 cpv. 2 lett. b e art. 24 cpv. 4 OAINF; guadagno assicurato. Con l'art. 24 cpv. 4 OAINF il Consiglio federale, in violazione della regola di base e del principio dell'equivalenza ad essa strettamente connesso nonché sulla base del principio della solidarietà valido anche nell'assicurazione sociale contro gli infortuni, ha creato una particolare fattispecie di revisione, motivo per cui il guadagno annuo assicurato dev'essere stabilito, nell'ambito del nuovo esame della rendita d'invalidità, senza vincolo alla qualifica in occasione della prima decisione di rendita (consid. 4.3.3 in relazione con il consid. 4.3.1 e 4.3.2), potendo essere adeguato, oltre l'evoluzione dei salari nominali, diversamente da quanto avviene nel campo di applicazione dell'art. 24 cpv. 2 OAINF e in analogia alla nuova determinazione del reddito da valido, tenendo conto della presunta carriera professionale e dei relativi aumenti salariali (consid. 4.3.4); da considerare sono di conseguenza anche gli assegni per i figli, il cui diritto è nato nel periodo fra il primo e l'ultimo evento infortunistico (consid. 4.3.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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