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Justizze. Art. 24 UVV

Bundesgericht

Freiwillig versicherter Selbstständiger mit Unfall 2000 erhält Invalidenrente 2020: Analogie zu Art. 24 Abs. 2 UVV bei krassem Missverhältnis zwischen vereinbartem und tatsächlichem Verdienst anerkannt (Art. 24 Abs. 2 UVV)

BGE / ATF / DTF
BGE 148 V 286 · ATF 148 V 286 · DTF 148 V 286
Datum
04.05.2022
Geschäftsnummer
8C_701/2021
Abteilung
I. sozialrechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 69 ATSG Art. 93 BGG Art. 105 BGG Art. 4 UVG Art. 5 UVG Art. 15 UVG Art. 40 UVG Art. 77 UVG Art. 5a UVV Art. 22 UVV Art. 24 UVV Art. 134 UVV Art. 136 UVV Art. 138 UVV

Zusammenfassung

Die Schweizerische Unfallversicherungsanstalt (Suva) beschwerte sich gegen ein Urteil des Kantonsgerichts Basel-Landschaft, das ihren Einspracheentscheid zur Invalidenrente des A.________ aufhob und die Sache zur Neuverfügung zurückwies. Streit war, ob der versicherte Verdienst für die Rente aufgrund des Unfalls vom 26. April 2000 allein auf der 1997 vereinbarten Summe von Fr. 48'600.- beruhen darf oder ob analog zu Art. 24 Abs. 2 UVV der im Jahr vor dem Rentenbeginn (2019) ohne Unfall erzielte höhere Verdienst massgebend ist. Der Versicherte machte geltend, sein tatsächlich erzieltes Einkommen habe seit Jahren deutlich über dem Höchstbetrag des versicherten Verdienstes gelegen und sei 2019 mit Fr. 291'106.- weit höher gewesen als der vereinbarte Betrag.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde der Suva ab und bestätigte das kantonale Urteil. Es stellte fest, dass bei einem erheblichen und langandauernden Missverhältnis zwischen dem 1997 vereinbarten versicherten Verdienst von Fr. 48'600.- und dem tatsächlich erzielten Einkommen – das bereits 1999 deutlich höher lag und 2019 Fr. 291'106.- betrug – sowie bei einem Rentenanspruch, der erst rund zwanzig Jahre nach dem Unfall vom 26. April 2000 mit Wirkung ab 1. April 2020 infolge eines 2018 angemeldeten Rückfalles entstand, eine analoge Anwendung von Art. 24 Abs. 2 UVV geboten ist. Die Sonderregelung soll vor den Folgen der Geldentwertung schützen und gilt auch in der freiwilligen Versicherung, da diese grundsätzlich der obligatorischen gleichwertig ist (Art. 5 UVG). Der versicherte Verdienst richtet sich nach den effektiven Einkommensverhältnissen (Art. 4 Abs. 1 UVG, Art. 5 Abs. 1 UVG), und beide Vertragsparteien sind gehalten, ihn nötigenfalls anzupassen (Art. 138 UVV). Da der Beschwerdegegner nach dem Unfall trotz Restbeschwerden ab Herbst 2000 wieder voll arbeitsfähig war und per 1. Januar 2004 in die obligatorische Versicherung wechselte, wäre eine Anpassung des versicherten Verdienstes im Sinne von Art. 24 Abs. 2 UVV gerechtfertigt, um einen stossenden Ausgang zu vermeiden. Die Suva muss daher den versicherten Verdienst anhand der Nominallohnentwicklung im angestammten Tätigkeitsbereich anpassen. Die Gerichtskosten von Fr. 800.- trägt die Suva; sie hat dem Beschwerdegegner eine Parteientschädigung von Fr. 1618.- zu leisten. Das Urteil stellt eine Praxisänderung dar, indem es die analoge Anwendung von Art. 24 Abs. 2 UVV in der freiwilligen Versicherung bei besonderen Umständen ausdrücklich anerkennt.

Regeste

Art. 5 und 15 UVG; Art. 24 Abs. 2 und Art. 138 UVV; Anpassung des versicherten Verdienstes bei verzögertem Rentenbeginn in der freiwilligen Versicherung. Der erhebliche und langandauernde Unterschied zwischen dem im Unfallzeitpunkt vereinbarten versicherten Verdienst und dem ausgewiesenen AHV-beitragspflichtigen Einkommen, der Übertritt von der freiwilligen in die obligatorische Unfallversicherung nach wiedererlangter voller Arbeitsfähigkeit und die Entstehung des Rentenanspruchs mehr als fünf Jahre nach dem versicherten Ereignis können im Ausnahmefall eine Anpassung des vereinbarten Vorunfallverdienstes in analoger Anwendung von Art. 24 Abs. 2 UVV begründen (Änderung der Rechtsprechung; E. 9.3.8). Regeste Art. 5 et 15 LAA; art. 24 al. 2 et art. 138 OLAA; adaptation du gain assuré en cas de début du droit à la rente retardé dans l'assurance facultative. La différence notable et durable entre le gain assuré convenu au moment de la survenance de l'accident et le revenu soumis à cotisation AVS établi, un passage de l'assurance-accidents facultative à l'assurance-accidents obligatoire après le recouvrement d'une capacité de travail complète et une naissance du droit à la rente plus de cinq ans après l'événement assuré peuvent exceptionnellement fonder une adaptation du revenu qui a précédé l'accident en application analogique de l'art. 24 al. 2 OLAA (changement de jurisprudence; consid. 9.3.8). Regesto Art. 5 e 15 LAINF; art. 24 cpv. 2 e art. 138 OAINF; adattamento del guadagno assicurato in caso di inizio ritardato della rendita nell'assicurazione facoltativa. La differenza rilevante e durevole tra il guadagno assicurato convenuto al momento dell'insorgenza dell'infortunio e il reddito soggetto a contributi AVS, un passaggio dall'assicurazione contro gli infortuni facoltativa all'assicurazione contro gli infortuni obbligatoria dopo avere ritrovato la piena capacità lavorativa e l'insorgenza del diritto alla rendita dopo oltre cinque anni dall'evento assicurato possono in casi eccezionali giustificare un adattamento del guadagno assicurato convenuto al momento dell'infortunio in applicazione per analogia dell'art. 24 cpv. 2 OAINF (modifica di giurisprudenza; consid. 9.3.8).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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