Konkurrentenbeschwerde gegen Einstellungsverfügung der WEKO: Deutlich spürbarer wirtschaftlicher Nachteil erforderlich (Art. 48 Abs. 1 VwVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 139 II 328 · ATF 139 II 328 · DTF 139 II 328
- Datum
- 05.06.2013
- Geschäftsnummer
- BGE 139 II 328
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 43 KG Art. 6 VwVG Art. 13 VwVG Art. 48 VwVG Art. 52 VwVG
Zusammenfassung
Im Rahmen einer Untersuchung der Wettbewerbskommission (WEKO) wegen möglicher wettbewerbsbeschränkender Praktiken beim Ticketvertrieb im Hallenstadion Zürich wurden drei Ticketing-Firmen (Starticket AG, Ticketino AG, ticketportal AG) als Parteien zugelassen. Die WEKO stellte die Untersuchung ein. Die betroffenen Firmen erhoben dagegen Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, welches mangels Beschwerdebefugnis nicht auf die Beschwerde eintrat. Die Firmen fochten diesen Nichteintretensentscheid vor dem Bundesgericht an und rügten, dass die Vorinstanz ihre Stellung als Konkurrenten im relevanten Markt falsch beurteilt habe.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut und weist die Sache zur neuen Beurteilung der Beschwerdebefugnis an das Bundesverwaltungsgericht zurück. Es stellt fest, dass die Kartellgesetzgebung Konkurrenten in eine besondere, schützenswerte Beziehungsnähe zueinander versetzt, was grundsätzlich ein Rechtsschutzinteresse begründen kann. Allerdings genügt die blosse Konkurrenzsituation oder die Zulassung als Partei im Verwaltungsverfahren nach Art. 43 KG nicht automatisch für die Beschwerdebefugnis nach Art. 48 VwVG. Das Gericht verlangt vielmehr, dass der Konkurrent einen "deutlich spürbaren wirtschaftlichen Nachteil" erleidet, der konkret und individuell ist, etwa durch Umsatzeinbussen.
Im konkreten Fall prüft das Gericht die Situation der drei Beschwerdeführerinnen getrennt. Für die Starticket AG und die ticketportal AG bejaht es die Beschwerdebefugnis, da diese bereits im Verfahren vor der WEKO konkrete Umsatzeinbussen aufgrund der beanstandeten 50%-Klauseln dargelegt hatten und die WEKO ihnen Parteistellung zuerkannt hatte. Die Vorinstanz hatte zudem aktenwidrige Feststellungen zur Marktpraxis getroffen, indem sie annahm, Veranstalter würden häufig mit zwei Anbietern zusammenarbeiten, obwohl die WEKO festgestellt hatte, dass die Klausel faktisch wie eine 100%-Klausel wirkt.
Hingegen verneint das Gericht die Beschwerdebefugnis für die Ticketino AG. Diese hatte zu keinem Zeitpunkt einen konkreten, individuellen wirtschaftlichen Nachteil dargelegt oder beziffert. Der Hinweis der WEKO auf eine "dynamische Betrachtungsweise" (Verhinderung von Kundengewinnung) reiche nicht aus, um einen deutlich spürbaren Nachteil im Sinne der Rechtsprechung zu belegen. Da die Ticketino AG ihre Mitwirkungs- und Begründungspflicht verletzte, war ihr Nichteintreten durch die Vorinstanz im Ergebnis korrekt. Die Sache wird daher nur bezüglich der beiden anderen Beschwerdeführerinnen zurückgewiesen.
Regeste
Art. 6 und 48 VwVG; Art. 43 KG; Parteistellung und Beschwerdebefugnis der Konkurrenten im kartellrechtlichen Untersuchungsverfahren nach Art. 27 ff. KG. Übersicht über die Rechtsprechung des Bundesgerichts zur Konkurrentenbeschwerde (E. 3.3). Die Kartellgesetzgebung als Ordnung zur Gewährleistung eines wirksamen Wettbewerbs versetzt die Konkurrenten in eine besondere, beachtenswerte, nahe Beziehung zueinander (E. 3.5). Berücksichtigung der Besonderheiten des Kartellverwaltungsverfahrens und namentlich der in Art. 43 KG angelegten Unterscheidung zwischen beteiligungsberechtigten Dritten mit und ohne Parteistellung (E. 4). Parteistellung (Art. 6 VwVG) und Beschwerdebefugnis (Art. 48 VwVG) der Konkurrenten im kartellrechtlichen Untersuchungsverfahren setzen voraus, dass diese einen deutlich spürbaren wirtschaftlichen Nachteil erleiden (E. 4.5). Anwendung im konkreten Fall (E. 5). Regeste Art. 6 et 48 PA; art. 43 LCart; qualité de partie et qualité pour recourir des concurrents dans une procédure d'enquête concernant les restrictions à la concurrence au sens des art. 27 ss LCart. Survol de la jurisprudence du Tribunal fédéral en matière de recours de concurrents (consid. 3.3). Au titre de réglementation destinée à garantir une concurrence effective, la loi sur les cartels place les concurrents entre eux dans une relation particulièrement étroite digne de protection (consid. 3.5). Prise en considération des singularités de la procédure du droit des cartels, en particulier de la distinction résultant de l'art. 43 LCart entre tiers participants avec et sans qualité de partie (consid. 4). La qualité de partie (art. 6 PA) et celle pour recourir (art. 48 PA) des concurrents dans une procédure d'enquête concernant les restrictions à la concurrence sont soumises à la condition que ceux-ci subissent un désavantage économique sensiblement significatif (consid. 4.5). Application au cas concret (consid. 5). Regesto Art. 6 e 48 PA; art. 43 LCart; qualità di parte e diritto di ricorrere dei concorrenti in una procedura d'inchiesta giusta gli art. 27 segg. LCart. Visione d'insieme della giurisprudenza del Tribunale federale in materia di ricorso dei concorrenti (consid. 3.3). Quale ordinamento volto a garantire una concorrenza efficace, la legislazione sui cartelli pone i concorrenti in una relazione particolarmente stretta, cui occorre prestare attenzione (consid. 3.5). Presa in considerazione delle peculiarità della procedura amministrativa propria al diritto dei cartelli, segnatamente della distinzione che risulta dall'art. 43 LCart tra terzi partecipanti con e senza qualità di parte (consid. 4). La qualità di parte (art. 6 PA) e il diritto di ricorrere (art. 48 PA) dei concorrenti in una procedura d'inchiesta concernente il diritto dei cartelli presuppongono che essi subiscano uno svantaggio economico che sia chiaramente percettibile (consid. 4.5). Applicazione al caso concreto (consid. 5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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