Schweizer Staatsbürger in syrischem IS-Gefängnis beantragt konsularischen Schutz: EDA verweigert formelle Behandlung, Bundesgericht stellt Rechtsverweigerung fest (Art. 29 Abs. 1 BV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 I 294 · ATF 151 I 294 · DTF 151 I 294
- Datum
- 13.12.2024
- Geschäftsnummer
- 1C_517/2024
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 43 ASG Art. 82 BGG Art. 83 BGG Art. 86 BGG Art. 93 BGG Art. 113 BGG Art. 29 BV Art. 32 VGG Art. 5 VwVG Art. 6 VwVG Art. 48 VwVG Art. 72 VwVG
Zusammenfassung
Ein Schweizer Staatsbürger, der seit 2019 in einem syrischen Gefängnis inhaftiert ist, wandte sich an das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) und beantragte konsularischen Schutz sowie seine Rückführung in die Schweiz. Das EDA lehnte es ab, eine anfechtbare Verfügung zu erlassen, und begründete dies damit, dass der Beschwerdeführer kein schutzwürdiges Interesse habe. Darauf erhob er beim Bundesverwaltungsgericht eine Rechtsverzögerungsbeschwerde, das jedoch auf diese nicht eintrat. Vor dem Bundesgericht rügte er eine formelle Rechtsverweigerung durch das EDA und beantragte die Aufhebung des Urteils des Bundesverwaltungsgerichts sowie die Zurückweisung der Sache an das EDA zur sachlichen Entscheidung. Die Parteien stritten darüber, ob die Frage des konsularischen Schutzes gerichtlich überprüfbar sei und ob das EDA verpflichtet war, das Gesuch formell zu behandeln.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts auf und wies die Sache zur beförderlichen Behandlung an das EDA zurück. Es stellte fest, dass das EDA gegen Art. 29 Abs. 1 BV verstossen hatte, weil es die Eingabe des Beschwerdeführers nicht formgerecht behandelte, obwohl dieser ein tatsächliches, schutzwürdiges Interesse gemäss Art. 48 Abs. 1 lit. c VwVG und Art. 6 VwVG besass. Der Beschwerdeführer ist Schweizer, seit Juni 2019 inhaftiert, befindet sich im Gefängnis in Derik (Nordostsyrien), ist dort bei guter Gesundheit, wird aber wegen einer alten Kampfverletzung (Splitter im rechten Fuss) und Atembeschwerden medizinisch betreut. Das Bundesverwaltungsgericht hatte fälschlich das schutzwürdige Interesse mit dem materiellen Anspruch auf konsularischen Schutz gleichgesetzt und dabei Art. 48 Abs. 1 lit. c VwVG sowie Art. 6 VwVG verletzt. Zudem vertrat das Bundesgericht die Auffassung, dass konsularischer Schutz grundsätzlich justiziabel ist und nicht automatisch unter den Ausschlussgrund von Art. 83 lit. a BGG fällt, da Art. 83 lit. a BGG den diplomatischen, nicht den konsularischen Schutz nennt und die gesetzliche Regelung in Art. 39 ff. ASG eine justiziable Materie darstellt. Die Frage, ob Leib und Leben des Beschwerdeführers in Gefahr sind, bleibt Sache der Sachentscheidung durch das EDA unter Berücksichtigung der aktuellen Lage und der Gefährdungslage gemäss Art. 43 Abs. 3 ASG. Das Bundesgericht erliess keine Gerichtskosten gemäss Art. 66 Abs. 1 BGG und verurteilte die Schweizerische Eidgenossenschaft zur Zahlung einer Parteientschädigung von Fr. 3'000.-- an den Rechtsvertreter gemäss Art. 68 Abs. 2 BGG. Diese Entscheidung klärt endgültig, dass die Weigerung einer Bundesbehörde, ein Gesuch um konsularischen Schutz überhaupt formell zu behandeln, eine formelle Rechtsverweigerung darstellt, die unabhängig von der materiellen Begründetheit des Gesuchs gerichtlich überprüfbar ist.
Regeste
Art. 83 lit. a BGG; konsularischer Schutz. Hinweis auf die uneinheitliche bundesgerichtliche Rechtsprechung zu doppelrelevanten Fragen bei der Anwendung von Art. 83 BGG (E. 1.2). Ein Gesuch um konsularischen Schutz fällt nicht unter den Beschwerdeausschlussgrund von Art. 83 lit. a BGG und Art. 32 Abs. 1 lit. a VGG (E. 2 und 3). Das Bundesgericht behandelt aus prozessökonomischen Gründen die Rüge der Rechtsverweigerung und -verzögerung, obwohl der Streitgegenstand auf die Frage beschränkt ist, ob das Bundesverwaltungsgericht zu Recht auf die bei ihm erhobene Beschwerde nicht eingetreten war (E. 4). Regeste Art. 83 let. a LTF; protection consulaire. Remarque sur la jurisprudence non uniforme du Tribunal fédéral concernant les questions de double pertinence dans l'application de l'art. 83 LTF (consid. 1.2). Une demande de protection consulaire ne relève pas du motif d'exclusion du recours de l'art. 83 let. a LTF et de l'art. 32 al. 1 let. a LTAF (consid. 2 et 3). Pour des raisons d'économie de procédure, le Tribunal fédéral traite le grief de déni de justice et de retard injustifié, bien que l'objet du litige se limite à la question de savoir si le Tribunal administratif fédéral a eu raison de ne pas entrer en matière sur le recours qui lui a été soumis (consid. 4). Regesto Art. 83 lett. a LTF; protezione consolare. Accenno alla giurisprudenza non uniforme del Tribunale federale a questioni con doppia rilevanza nell'applicazione dell'art. 83 LTF (consid. 1.2). Una richiesta di protezione consolare non rientra nel motivo di esclusione del ricorso di cui all'art. 83 lett. a LTF e all'art. 32 cpv. 1 lett. a LTAF (consid. 2 e 3). Il Tribunale federale, per motivi di economia processuale, esamina la censura di diniego e di ritardata giustizia sebbene l'oggetto del litigio sia limitato alla questione di sapere se il Tribunale amministrativo federale non abbia esaminato a ragione il ricorso sottopostogli (consid. 4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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