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Justizze. Art. 29 BV

Bundesgericht

Medizinstudent ficht Studiengebühren an: Äquivalenzprinzip gewahrt, aber Verweigerung unentgeltlicher Rechtspflege wegen Gehörsverletzung aufgehoben (Art. 29 Abs. 3 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 139 I 138 · ATF 139 I 138 · DTF 139 I 138
Datum
13.05.2013
Geschäftsnummer
2C_1132/2012
Abteilung
II. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Teilweise gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 5 BV Art. 8 BV Art. 29 BV Art. 127 BV Art. 41 UniG/ZH Art. 277 ZGB

Zusammenfassung

Ein Medizinstudent an der Universität Zürich focht die neue Verordnung über die Studiengebühren an, weil er während des obligatorischen Wahlstudienjahres keine Lehrveranstaltungen besuchte, aber dennoch die volle Semesterpauschale von Fr. 720.-- entrichten musste. Er rügte eine Verletzung des Äquivalenzprinzips und der Rechtsgleichheit sowie des Legalitätsprinzips, da die Gebühr seiner Ansicht nach einer Steuer gleichkomme. Zudem beanstandete er, dass ihm das kantonale Verwaltungsgericht die unentgeltliche Rechtspflege verweigert hatte, weil er seine Mittellosigkeit nicht hinreichend dargelegt habe, insbesondere unter Einbezug einer allfälligen elterlichen Unterstützungspflicht.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde teilweise gut. Es bestätigt zwar die materielle Rechtmässigkeit der Studiengebühren, hebt jedoch den vorinstanzlichen Entscheid betreffend die unentgeltliche Rechtspflege auf und weist die Sache zur Neubeurteilung zurück.

In der Hauptsache prüft das Gericht die Rüge des Beschwerdeführers, das Äquivalenzprinzip sei verletzt, da die Universität im Wahlstudienjahr keine kongruente Gegenleistung erbringe. Das Bundesgericht folgt der Argumentation der Vorinstanz, wonach das Medizinstudium als Einheit zu betrachten sei. Die Kosten für die Ausbildung betragen rund Fr. 490'000.-- pro Person, während die Studierenden gesamthaft nur Fr. 8'660.-- bezahlen. Da die Gebühr als Pauschale erhoben wird und deutlich unter den effektiven Kosten liegt, ist die schematische Erhebung auch für das Wahlstudienjahr zulässig. Folglich handelt es sich um eine Kausalabgabe und nicht um eine Steuer, womit das Legalitätsprinzip (Art. 127 Abs. 1 BV) nicht verletzt ist. Auch die Rüge der Verletzung der Rechtsgleichheit (Art. 8 Abs. 1 BV) wird verworfen, da eine differenzierte Gebührenfestsetzung nach effektiv bezogenen Leistungen verfassungsrechtlich nicht zwingend ist, solange kein offensichtliches Missverhältnis besteht.

Hinsichtlich der unentgeltlichen Rechtspflege stellt das Gericht fest, dass die Vorinstanz den Anspruch des Beschwerdeführers auf Art. 29 Abs. 3 BV verletzt hat. Zwar umfasst die elterliche Unterhaltspflicht nach Art. 277 Abs. 2 ZGB grundsätzlich auch Prozesskosten. Die Vorinstanz hatte jedoch gänzlich unterlassen, im konkreten Fall zu prüfen, ob die Voraussetzungen dieser Pflicht überhaupt gegeben sind, obwohl der Beschwerdeführer bereits 28 Jahre alt war und eine abgeschlossene Berufsausbildung als Informatiker vorwies. Indem sie ihn nicht aufforderte, sich dazu zu äussern, verletzte sie seinen Anspruch auf rechtliches Gehör (Art. 29 Abs. 1 BV). Der Entscheid wird daher in diesem Punkt aufgehoben und an die Vorinstanz zurückgewiesen.

Im Verfahren vor Bundesgericht wird dem Beschwerdeführer die unentgeltliche Rechtspflege (Befreiung von Gerichtskosten) gemäss Art. 64 Abs. 1 BGG gewährt, da seine Bedürftigkeit nun nachgewiesen ist. Das Gesuch um einen unentgeltlichen Rechtsbeistand wird jedoch abgewiesen, da der Substitut kein Anwalt ist (Art. 64 Abs. 2 BGG). Die Gerichtskosten werden geteilt, wobei der Anteil des Beschwerdeführers vorläufig auf die Gerichtskasse genommen wird (Art. 66 Abs. 1 BGG). Die Universität Zürich schuldet dem Beschwerdeführer eine Entschädigung von Fr. 500.-- (Art. 68 Abs. 2 BGG).

Regeste

a Art. 5 Abs. 2, Art. 8 Abs. 1 und Art. 127 Abs. 1 BV; § 41 UniG; Erhöhung der Kollegiengeldpauschale für Studierende der Humanmedizin an der Universität Zürich, Legalitätsprinzip im Abgaberecht, Äquivalenzprinzip, Gebot der Rechtsgleichheit. Eine einheitliche Kollegiengeldpauschale von Fr. 720.- pro Semester für alle Medizinstudierenden (inklusive Wahlstudienjahr) hält sich im Rahmen des verfassungsrechtlich Zulässigen, solange die Gebühr für diejenigen, die wenig Leistungen beziehen, nicht in einem offensichtlichen Missverhältnis zum objektiven Wert der von ihnen bezogenen Leistung steht (E. 3). Regeste b Art. 29 Abs. 3 BV; unentgeltliche Rechtspflege im Verfahren der abstrakten Normenkontrolle. Bestätigung der Praxis, wonach im Verfahren der abstrakten Normenkontrolle in der Regel kein Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege besteht. Im Sinne einer Ausnahme ist der Anspruch auch dann zu bejahen, wenn mit einem sofortigen Anwendungsakt zu rechnen ist und die Anfechtung zur Wahrung von aktuellen individuellen Rechten - und nicht bloss aus virtueller Betroffenheit - erfolgte (E. 4.2 und 4.3). Regeste a Art. 5 al. 2, art. 8 al. 1 et art. 127 al. 1 Cst.; § 41 de la loi zurichoise sur l'Université; augmentation de la taxe forfaitaire pour les étudiants en médecine humaine à l'Université de Zurich, principe de la légalité en droit fiscal, principes d'équivalence et d'égalité. Une taxe forfaitaire uniforme de 720 fr. par semestre pour tous les étudiants en médecine (y compris l'année d'études à option) reste dans les limites de ce qui est admissible constitutionnellement, pour autant qu'elle n'apparaisse pas, dans le cas de ceux qui utilisent peu de prestations, comme manifestement disproportionnée par rapport à la valeur objective des prestations utilisées (consid. 3). Regeste b Art. 29 al. 3 Cst.; assistance judiciaire dans une procédure de contrôle abstrait. Confirmation de la pratique selon laquelle il n'existe en principe pas de droit à l'assistance judiciaire dans une procédure de contrôle abstrait des normes. S'agissant des exceptions, un droit doit être admis aussi lorsque l'on peut s'attendre à une mise en oeuvre immédiate des normes contestées et que le recours a été déposé aux fins de sauvegarder des droits individuels actuels et non en raison d'une atteinte seulement virtuelle (consid. 4.2 et 4.3). Regesto a Art. 5 cpv. 2, art. 8 cpv. 1 e art. 127 cpv. 1 Cost.; § 41 della legge zurighese sull'Università; aumento della tassa forfettaria per gli studenti in medicina umana all'Università di Zurigo, principio della legalità in materia di tributi pubblici, principi dell'equivalenza e della parità di trattamento. Una tassa forfettaria pari a fr. 720.- per semestre per tutti gli studenti in medicina umana (incluso l'anno di studi opzionali) non eccede il quadro di quanto sia costituzionalmente ammissibile, a condizione che non appaia, nei confronti di quelli che utilizzano poche prestazioni, come manifestamente sproporzionata rispetto al valore oggettivo delle prestazioni utilizzate (consid. 3). Regesto b Art. 29 cpv. 3 Cost.; assistenza giudiziaria nell'ambito di una procedura di controllo astratto delle norme. Conferma della prassi secondo la quale non vi è, di principio, alcun diritto all'assistenza giudiziaria nell'ambito di una procedura di controllo astratto delle norme. Un diritto va ammesso in via eccezionale ove ci si debba attendere ad un'attuazione immediata delle norme contestate e il ricorso sia stato presentato al fine di tutelare dei diritti individuali attuali e non a causa di una violazione soltanto virtuale (consid. 4.2. e 4.3).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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