Google Street View: Teilweise zulässige Datenbearbeitung mit Auflagen zur Anonymisierung und Information (Art. 4, 12, 13 DSG; Art. 28 ZGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 138 II 346 · ATF 138 II 346 · DTF 138 II 346
- Datum
- 31.05.2012
- Geschäftsnummer
- BGE 138 II 346
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Teilweise gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 5 BV Art. 13 BV Art. 16 BV Art. 35 BV Art. 1 DSG Art. 3 DSG Art. 4 DSG Art. 5 DSG Art. 12 DSG Art. 13 DSG Art. 15 DSG Art. 29 DSG Art. 8 EMRK Art. 28 ZGB Art. 28a ZGB
Zusammenfassung
Der Eidgenössische Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragte (EDÖB) klagte gegen Google Inc. und Google Switzerland GmbH wegen der Publikation von Bildern im Dienst Google Street View. Der EDÖB beanstandete, dass die automatische Unkenntlichmachung von Gesichtern und Fahrzeugkennzeichen unzureichend sei und dadurch Persönlichkeitsrechte verletzt würden. Er forderte unter anderem eine vollständige Anonymisierung vor der Veröffentlichung, den Schutz sensibler Einrichtungen, die Entfernung von Bildern aus Privatbereichen sowie Informationspflichten in lokalen Medien über geplante Aufnahmen und Aufschaltungen. Das Bundesverwaltungsgericht hiess die Klage weitgehend gut. Google erhob dagegen Beschwerde beim Bundesgericht und machte geltend, die Auflagen führten faktisch zu einem Verbot des Dienstes und verstünden sich nicht mit dem Datenschutzgesetz.
Das Bundesgericht heisst die Beschwerde von Google teilweise gut und präzisiert die vom Bundesverwaltungsgericht auferlegten Pflichten. Es bestätigt zunächst die Zuständigkeit des EDÖB gemäss Art. 29 DSG, da die Bilder in der Schweiz aufgenommen werden und hier abrufbar sind, was einen überwiegenden Inlandsbezug begründet. Die Court hält fest, dass Street View-Bilder, auf denen Personen oder Fahrzeuge erkennbar sind, als Personendaten im Sinne von Art. 3 lit. a DSG gelten, selbst wenn Gesichter automatisch verwischt wurden, da eine Identifizierung über Kontextmerkmale möglich bleibt.
Hinsichtlich der Datenschutzgrundsätze stellt das Gericht Verstösse gegen die Zweckbindung und Transparenz (Art. 4 Abs. 3 und 4 DSG) fest, da der Zweck der systematischen Aufnahme und Veröffentlichung für Passanten nicht ohne Weiteres erkennbar ist. Auch das Recht am eigenen Bild (Art. 28 ZGB) und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung (Art. 13 Abs. 2 BV, Art. 8 EMRK) werden durch die Aufnahme und Veröffentlichung ohne Einwilligung beeinträchtigt. In der Interessenabwägung nach Art. 13 Abs. 1 DSG und Art. 28 Abs. 2 ZGB wiegen die wirtschaftlichen Interessen von Google und das Informationsinteresse der Nutzer zwar schwer, rechtfertigen aber nicht uneingeschränkte Persönlichkeitsverletzungen.
Das Gericht lockert jedoch die Anforderungen der Vorinstanz: Eine Fehlerquote von ca. 1 % bei der automatischen Anonymisierung wird hingenommen, sofern Google eine effiziente, unbürokratische und kostenlose nachträgliche Anonymisierungsmöglichkeit schafft (Art. 29 Abs. 2-4 DSG). Dazu muss ein gut sichtbarer Link „Anonymisierung verlangen“ bereitgestellt und die Möglichkeit regelmässig in Medien beworben werden. Vor sensiblen Einrichtungen (Schulen, Spitälern etc.) ist hingegen eine vollständige vorgängige Anonymisierung zwingend. Bilder von Privatbereichen (umfriedete Höfe, Gärten), die dem Blick eines gewöhnlichen Passanten entzogen sind, dürfen ab einer Kamerahöhe von über 2 m nicht veröffentlicht werden; für bereits online gestellte Bilder gilt eine Übergangsfrist von maximal drei Jahren. Zudem muss Google über bevorstehende Aufnahmen und Aufschaltungen in lokalen Medien informieren, um auch Nicht-Internetnutzer zu erreichen. Die automatische Anonymisierungssoftware ist laufend dem Stand der Technik anzupassen.
Regeste
Datenschutzgesetz, Art. 28 ff. ZGB; Gewährleistung des Persönlichkeitsschutzes bei der Publikation von Personendaten in Google Street View. Zuständigkeit des EDÖB (E. 3). Begriff der Personendaten in Bezug auf die in Google Street View verwendeten Bilder (E. 6.5). Datenschutzvorschriften für die Bearbeitung von Personendaten (E. 7). Konkretisierung des in Art. 28 ZGB gewährleisteten Persönlichkeitsschutzes durch das Datenschutzrecht, Recht auf informationelle Selbstbestimmung und Recht am eigenen Bild (E. 8). Berücksichtigung allgemeiner datenschutzrechtlicher Grundsätze (E. 9). Interessenabwägung in Bezug auf die Frage, ob und inwieweit die Bearbeitungsmethoden insgesamt geeignet sind, die Persönlichkeit einer grossen Anzahl von Personen zu verletzen: Es wird in Kauf genommen, dass höchstens ca. 1 % der Bilder ungenügend anonymisiert ins Internet gelangen und darauf erkennbare Personen und Fahrzeugkennzeichen erst auf Anzeige der Betroffenen hin nachträglich manuell unkenntlich gemacht werden (E. 10.6 und 10.7). Pflicht zur effizienten, unbürokratischen und kostenlosen nachträglichen Anonymisierung (E. 10.6.3 und 14.4). Die vorgängige automatische Anonymisierung ist laufend dem Stand der Technik anzupassen (E. 10.6.5 und 14.1). Bei sensiblen Einrichtungen (Schulen, Spitälern, Altersheimen, Frauenhäusern, Gerichten und Gefängnissen etc.) ist vor der Aufschaltung im Internet die vollständige Anonymisierung von Personen und Kennzeichen vorzunehmen (E. 10.6.4 und 14.2). Bilder von Privatbereichen wie umfriedeten Höfen, Gärten usw., die dem Einblick eines gewöhnlichen Passanten verschlossen bleiben, dürfen ohne Zustimmung der Betroffenen grundsätzlich nicht veröffentlicht werden, soweit sie von einer Kamerahöhe von über 2 m aufgenommen wurden; Übergangsfrist von max. drei Jahren zur Entfernung bereits aufgeschalteter Bilder, die dieser Anforderung nicht entsprechen (E. 10.7 und 14.3). Pflicht, in den Medien generell über die Widerspruchsmöglichkeit und speziell über bevorstehende Aufnahmen und Aufschaltungen von Bildern zu informieren (E. 10.6.3, 11 und 14.4). Regeste Loi sur la protection des données, art. 28 ss CC; garantie de la protection de la personnalité en cas de publication de données personnelles sur Google Street View. Compétence du Préposé fédéral à la protection des données et à la transparence (consid. 3). Notion de données personnelles en relation avec les images utilisées sur Google Street View (consid. 6.5). Prescriptions de la protection des données pour le traitement de données personnelles (consid. 7). Concrétisation de la protection de la personnalité garantie par l'art. 28 CC par le droit de la protection des données, droit au libre choix quant à l'information et droit à l'image (consid. 8). Prise en considération des principes généraux du droit de la protection des données (consid. 9). Pesée des intérêts quant à la question de savoir si et dans quelle mesure les méthodes de traitement prises dans leur ensemble sont de nature à léser la personnalité d'un grand nombre d'individus: il est tenu compte du fait qu'au plus 1 % des images insuffisamment anonymisées sont mises en ligne et que des personnes reconnaissables ou des plaques d'immatriculation ne peuvent être floutées manuellement que par la suite, uniquement sur intervention des intéressés (consid. 10.6 et 10.7). Devoir d'exécuter l'anonymisation ultérieure de manière efficace, gratuitement et sans formalités (consid. 10.6.3 et 14.4). Le floutage préalable automatique doit être adapté régulièrement selon l'état de la technique (consid. 10.6.5 et 14.1). A proximité des établissements sensibles (écoles, hôpitaux, maisons de retraite, foyers d'accueil pour femmes, ainsi que les tribunaux et les prisons, etc.), une anonymisation complète des personnes et des signes distinctifs doit être effectuée avant la publication sur internet (consid. 10.6.4 et 14.2). Les images d'espaces privés tels que cours clôturées, jardins etc., à l'abri du regard des passants habituels, ne devraient en principe pas être publiées sans l'accord des intéressés, dans la mesure où les appareils de prise de vue sont situés à plus de 2 m de hauteur; délai transitoire de trois ans au maximum pour la suppression des images déjà mises en lignes qui ne respectent pas ces exigences (consid. 10.7 et 14.3). Devoir d'informer dans les médias sur les possibilités d'opposition en général ainsi que sur les prises de vue et les mises en lignes qui sont prévues (consid. 10.6.3, 11 et 14.4). Regesto Legge sulla protezione dei dati, art. 28 segg. CC; garanzia della protezione della personalità nell'ambito della pubblicazione di dati personali su Google Street View. Competenza dell'incaricato federale della protezione dei dati e della trasparenza (consid. 3). Nozione di dati personali in relazione alle immagini utilizzate su Google Street View (consid. 6.5). Norme sulla protezione dei dati per l'elaborazione di dati personali (consid. 7). Concretizzazione della protezione della personalità garantita dall'art. 28 CC secondo il diritto sulla protezione dei dati, del diritto all'autodeterminazione informativa e del diritto alla propria immagine (consid. 8). Presa in considerazione di principi generali della protezione dei dati (consid. 9). Ponderazione degli interessi in relazione alla questione di sapere se e in che misura i metodi di trattamento dei dati siano, complessivamente, atti a ledere la personalità di un grande numero di persone: può essere ammesso che al massimo circa l'1 % delle immagini messe in linea su Internet siano anonimizzate in maniera insufficiente, e che le persone e le immatricolazioni di veicoli identificabili siano rese irriconoscibili manualmente soltanto in seguito all'intervento degli interessanti (consid. 10.6 e 10.7). Obbligo di anonimizzazione successiva efficace, non burocratica e gratuita (consid. 10.6.3 e 14.4). L'anonimizzazione automatica preliminare dev'essere adattata regolarmente allo stato della tecnica (consid. 10.6.5 e 14.1). Nelle vicinanze di strutture sensibili (scuole, ospedali, case per anziani, case di accoglienza per donne, tribunali, prigioni, ecc.) dev'essere effettuata un'anonimizzazione completa delle persone e dei segni distintivi prima della pubblicazione su Internet (consid. 10.6.4 e 14.2). Le immagini di aree private, quali cortili, giardini recintati, ecc., nascoste allo sguardo del comune passante, per principio non possono essere pubblicate senza il consenso degli interessati, nella misura in cui siano riprese da una telecamera situata a oltre due metri di altezza; termine transitorio massimo di tre anni per rimuovere le immagini già in linea che non rispettano queste esigenze (consid. 10.7 e 14.3). Obbligo di informazione in maniera generale sui mass media sulla possibilità di opporsi e in particolare sulle prossime riprese e messe in linea previste (consid. 10.6.3, 11 e 14.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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