Fiskalamtshilfe USA im Fall UBS: Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts statt Bundesstrafgericht bestätigt (Art. 31, 33 lit. d VGG; Art. 83 lit. h BGG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 137 II 128 · ATF 137 II 128 · DTF 137 II 128
- Datum
- 20.12.2010
- Geschäftsnummer
- BGE 137 II 128
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 83 BGG Art. 190 BV Art. 25 IRSG Art. 80e IRSG Art. 28 SGG Art. 31 VGG Art. 32 VGG Art. 33 VGG
Zusammenfassung
Bankkunden der UBS AG (Schweiz) erhoben Beschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid des Bundesstrafgerichts betreffend eine Schlussverfügung der Eidgenössischen Steuerverwaltung zur Bewilligung von Fiskalamtshilfe an die USA. Die Beschwerdeführer machten geltend, es handle sich faktisch um internationale Rechtshilfe in Strafsachen, weshalb das Bundesstrafgericht zuständig sei und nicht das Bundesverwaltungsgericht. Sie rügten Verstösse gegen den Rechtshilfevertrag mit den USA, die Bundesverfassung sowie diverse völkerrechtliche Abkommen und beantragten die Aufhebung des angefochtenen Entscheides.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Zuständigkeit des Bundesverwaltungsgerichts für die Prüfung von Schlussverfügungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung im Bereich der internationalen Fiskalamtshilfe. Das Gericht prüfte die Zulässigkeit der Beschwerde gestützt auf Art. 84 Abs. 1 BGG, da die Übermittlung von Informationen aus dem Geheimbereich bewilligt wurde und die Zuständigkeitsfrage eine Rechtsfrage von grundsätzlicher Bedeutung darstellt. In der Sache selbst stellte das Bundesgericht fest, dass die streitige Verfügung auf internationales Amtshilferecht gestützt ist, namentlich auf das Doppelbesteuerungsabkommen mit den USA und das spezifische Abkommen über ein Amtshilfegesuch betreffend UBS AG.
Gemäss Art. 31 und Art. 33 lit. d VGG i.V.m. Art. 83 lit. h BGG liegt die letztinstanzliche justizielle Prüfung von Amtshilfeersuchen in Fiskalsachen beim Bundesverwaltungsgericht. Hingegen unterliegen Rechtshilfeentscheide gemäss Art. 25 Abs. 1 IRSG, Art. 80e Abs. 1 IRSG und Art. 28 Abs. 1 lit. e SGG der Beschwerde an das Bundesstrafgericht. Da die amerikanischen Behörden ihr Ersuchen ausdrücklich auf amtshilferechtliche Grundlagen stützten, ist diese normative Festlegung gemäss Art. 190 BV auch für das Bundesgericht bindend. Eine nachträgliche Umdeutung in ein Rechtshilfeverfahren oder eine Annahme einer unzulässigen Umgehung der Strafrechtshilfevorschriften scheidet aus, solange der ersuchende Staat formell den Amtshilfeweg gewählt hat. Materielle Einwände gegen die Amtshilfe sind im Beschwerdeverfahren vor dem Bundesverwaltungsgericht vorzubringen.
Regeste
Art. 31, Art. 32 Abs. 2 lit. a und Art. 33 lit. d VGG; Art. 28 Abs. 1 lit. e SGG; Art. 25 Abs. 1 und Art. 80e Abs. 1 IRSG; Art. 17 BG-RVUS; Art. 83 lit. h und Art. 84 BGG; Fiskalauskunft an die USA im "Fall UBS". Behördenzuständigkeiten in fiskalischen Amts- und Rechtshilfeverfahren; Vorliegen eines besonders bedeutenden Falles (E. 1). Schlussverfügungen der Eidgenössischen Steuerverwaltung, die sich auf internationales Amtshilferecht stützen, hat nicht das Bundesstrafgericht als Beschwerdeinstanz zu prüfen, sondern das Bundesverwaltungsgericht (E. 2). Regeste Art. 31, art. 32 al. 2 let. a et art. 33 let. d LTAF; art. 28 al. 1 let. e LTPF; art. 25 al. 1 et art. 80e al. 1 EIMP; art. 17 LTEJUS; art. 83 let. h et art. 84 LTF; renseignement fiscal à destination des USA dans le "cas UBS". Compétences des autorités dans le cadre de l'entraide administrative et judiciaire en matière fiscale; existence d'un cas particulièrement important (consid. 1). Les ordonnances de clôture de l'Administration fédérale des contributions fondées sur le droit de l'entraide administrative internationale ne doivent pas être examinées par le Tribunal pénal fédéral en tant qu'instance de recours, mais par le Tribunal administratif fédéral (consid. 2). Regesto Art. 31, art. 32 cpv. 2 lett. a e art. 33 lett. d LTAF; art. 28 cpv. 1 lett. e LTPF; art. 25 cpv. 1 e art. 80e cpv. 1 AIMP; art. 17 LTAGSU; art. 83 lett. h e art. 84 LTF; informazione fiscale agli USA nel "caso UBS". Competenze delle autorità nell'ambito dell'assistenza amministrativa e giudiziaria in materia fiscale; sussistenza di un caso particolarmente importante (consid. 1). I ricorsi contro le decisioni di chiusura dell'Amministrazione federale delle contribuzioni, fondate sul diritto dell'assistenza amministrativa internazionale non devono essere esaminate dal Tribunale penale federale, bensì dal Tribunale amministrativo federale (consid. 2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
Verwandte Entscheide
- Bundesamt für Justiz klagt gegen Aufhebung einer achtjährigen rechtshilfeweisen Kontosperre zugunsten Russlands: Bundesgericht hebt Entscheid des Bundesstrafgerichts auf, weil Beschwerdegegner sich nicht auf Art. 2 IRSG berufen kann und Sperre verhältnismässig bleibt (Art. 2 IRSG)
- A. Sàrl beantragt Aufhebung der Beschlagnahme von Platin-Schmelzgut: Beschwerde nicht zugelassen, da fehlende Parteistellung und unklare Eigentumsverhältnisse (Art. 74a Abs. 4 lit. c IRSG)
- Beschwerde gegen rechtshilfeweise Herausgabe ägyptischer Kulturgüter: Vorzeitige Herausgabe zur Einziehung abgelehnt, Herausgabe zu Beweiszwecken zugelassen (Art. 74a IRSG)
- Beschwerde gegen Geschädigtenstellung und Akteneinsicht im Strafverfahren bei parallelem Rechtshilfeverfahren: Beschwerde in Strafsachen zulässig, nicht besondere Beschwerde (Art. 78 ff., Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG, Art. 80e Abs. 2 lit. b IRSG)
- Kontoinhaber rügt fehlende Akteneinsicht und Unzulässigkeit der Rechtshilfe an Israel: Gehörsverletzung und Sachverhaltsvorwurf werden zurückgewiesen, Herausgabe der Bankunterlagen bestätigt (Art. 80b IRSG)
- Tochter eines Beschuldigten verlangt vollständige Akteneinsicht im internationalen Rechtshilfeverfahren gegen ihre Eltern: Einsicht in zurückgezogenes erstes Ersuchen abgelehnt, Herausgabe von Bankunterlagen an Israel bestätigt (Art. 80b IRSG)
- Beschwerde gegen Herausgabe von Bankunterlagen im internationalen Rechtshilfeverfahren an Israel: Keine Verletzung des rechtlichen Gehörs, doppelte Strafbarkeit und Verhältnismässigkeit gegeben (Art. 74 IRSG)
- Rumänischer Staatsangehöriger wegen Trunkenheitsfahrt mit 1.55 g/l Blutalkohol verurteilt: Auslieferung an Rumänien trotz Abwesenheitsurteil bewilligt unter Auflage eines neuen Verfahrens (Art. 3 Abs. 1 Satz 2 ZPII EAUe)