Justizze.

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Justizze. Art. 139 OR

Bundesgericht

Bürgschaftsgarantie: Verwirkungsfrist durch irrtümliche Parteibezeichnung gewahrt, analoge Anwendung von Art. 139 OR

BGE / ATF / DTF
BGE 136 III 545 · ATF 136 III 545 · DTF 136 III 545
Datum
15.11.2010
Geschäftsnummer
BGE 136 III 545
Abteilung
CH_BGE_005
Ausgang
Gutgeheissen

Tragende Normen

Art. 135 OR Art. 139 OR Art. 510 OR

Zusammenfassung

Der Beschwerdeführer schloss am 25. September 2003 eine Vereinbarung über den Kauf von Aktienkapital und erhielt eine bis Ende 2007 befristete Bürgschaftsgarantie der Beschwerdegegnerin X. USA Ltd., wobei die X. (Europe) AG als Zustellungsempfängerin bestimmt wurde. Nach Ablehnung der Leistungspflicht reichte der Beschwerdeführer am 28. Januar 2008 ein Sühnebegehren beim Friedensrichteramt T. ein, nannte dabei jedoch fälschlicherweise die X. (Europe) AG als Beklagte statt der eigentlichen Garantiegeberin. Das Handelsgericht Zürich wies die spätere Klage gegen die X. USA Ltd. ab, da die Geltendmachung der Garantie nicht fristgerecht im Sinne von Art. 510 Abs. 3 OR erfolgt sei und die Forderung somit verwirkt sei.

Das Bundesgericht heisst die Beschwerde gut und bestätigt die analoge Anwendung von Art. 139 OR auf Verwirkungsfristen des Bundeszivilrechts. Die Vorinstanz verletzte kein Bundesrecht, indem sie diese Analogie auf die Verwirkungsfrist nach Art. 510 Abs. 3 OR anwandte, da die Interessenlage bei Verjährungs- und Verwirkungsfristen identisch ist und der Gläubiger vor unbilliger Härte geschützt werden muss.

Zudem ist Art. 139 OR auch dann anwendbar, wenn kein formeller Rückweisungsentscheid ergangen ist. Im vorliegenden Fall fehlte der Friedensrichterin die Kompetenz für einen solchen Entscheid, und der Beschwerdeführer erfuhr erst durch Verfügung des Handelsgerichts vom 18. November 2008 von der fehlerhaften Prozesseinleitung. Eine Verwirkung der Forderung allein wegen Fehlens eines Nichteintretensentscheids wäre überspitzter Formalismus und widerspräche dem Schutzzweck der Norm.

Schliesslich stellt die irrtümliche Bezeichnung der X. (Europe) AG statt der X. USA Ltd. einen verbesserlichen Fehler dar. Da die Beschwerdegegnerin als Passivlegitimierte erkennen musste, dass sich die Ansprüche tatsächlich gegen sie richteten, ist jede Gefahr einer Verwechslung ausgeschlossen. Dies entspricht der Rechtsprechung zu Art. 135 Ziff. 2 OR, wonach eine Unterbrechungshandlung gegenüber einer nicht passivlegitimierten Person wirksam ist, wenn der Schuldner die wahre Absicht des Gläubigers erkennt oder erkennen muss. Diese Grundsätze sind auf die Wahrung von Verwirkungsfristen übertragbar.

Regeste

Art. 139 OR; analoge Anwendung auf Verwirkungsfristen; Anwendung trotz fehlendem Rückweisungsentscheid; Anwendung bei irrtümlicher Parteibezeichnung. Bestätigung der Praxis, wonach die ratio legis von Art. 139 OR nach einer analogen Anwendung dieser Bestimmung auf Verwirkungsfristen des Bundeszivilrechts ruft (E. 3.1). Anwendung von Art. 139 OR, obwohl kein Rückweisungsentscheid im Sinne dieser Norm ergangen war, weil die fehlerhafte Prozesseinleitung erst in einem späteren Prozessstadium bekannt wurde (E. 3.2). Art. 139 OR ist im Hinblick auf die Wahrung von Verwirkungsfristen anwendbar, wenn bei der fehlerhaften Klageeinleitung versehentlich eine falsche Parteibezeichnung verwendet bzw. eine nicht aktiv- oder nicht passivlegitimierte Person aufgeführt wird und dieses Versehen für den Schuldner erkennbar ist (E. 3.4.1).

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

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