Bundesgerichtsbarkeit bei Drogenhandel: Konkreter Verdacht auf kriminelle Organisation genügt, Sache zur Neubeurteilung zurückgewiesen (Art. 340bis Abs. 1 StGB)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 133 IV 235 · ATF 133 IV 235 · DTF 133 IV 235
- Datum
- 11.06.2007
- Geschäftsnummer
- BGE 133 IV 235
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die Schweizerische Bundesanwaltschaft klagte X., Y. und Z. wegen qualifizierter Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz und Geldwäscherei an, ausgehend von einer kriminellen Organisation. Die Strafkammer des Bundesstrafgerichts trat auf die Anklage bezüglich dieser drei Beschuldigten nicht ein, da sie die Voraussetzungen der Bundesgerichtsbarkeit als nicht erfüllt erachtete und die Anklageschrift keine hinreichende Begründung dafür enthielt. Gegen diesen Nichteintretensentscheid erhob die Bundesanwaltschaft Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag, den Entscheid aufzuheben und die Sache zur Neubeurteilung zurückzuweisen.
Das Bundesgericht hiess die Nichtigkeitsbeschwerde der Bundesanwaltschaft gut und wies die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück.
Das Gericht stellte fest, dass der Begriff der kriminellen Organisation in der Zuständigkeitsnorm Art. 340bis Abs. 1 StGB identisch mit jenem im materiellen Tatbestand Art. 260ter StGB ist. Für die Annahme der Bundesgerichtsbarkeit genügt jedoch bereits ein konkreter Verdacht auf das Bestehen einer solchen Organisation zum Zeitpunkt der Ermittlungen; es ist nicht erforderlich, dass dieser Verdacht bis zur Hauptverhandlung vollumfänglich bestätigt wird. Da die Bundesanwaltschaft aufgrund polizeilicher Erkenntnisse über monatliche Kokainlieferungen von 40 kg ursprünglich einen konkreten Verdacht hatte, war die anfängliche Bundeszuständigkeit rechtmässig.
Ferner entschied das Bundesgericht, dass die Anklageschrift gemäss Art. 126 BStP keine Begründung der sachlichen Zuständigkeit enthalten muss, da das Gericht diese von Amtes wegen prüft. Nach erfolgter Anklageerhebung darf die Strafkammer des Bundesstrafgerichts die Bundesgerichtsbarkeit nur aus besonders triftigen Gründen verneinen. Solche Gründe lagen hier nicht vor, insbesondere weil die Angeschuldigten die Zuständigkeit nicht bestritten hatten und Effizienzgründe sowie die Konzentrationsmaxime nach Art. 351 StGB gegen eine Aufspaltung des Verfahrens sprachen. Auch für die Geldwäschereivorwürfe, die ausschliesslich in Zürich begangen wurden, bestand kein Anlass für einen nachträglichen Wechsel der Zuständigkeit, da alle Taten desselben Täters gemeinsam beurteilt werden müssen.
Regeste
Art. 260ter und 340bis Abs. 1 StGB; Bundesgerichtsbarkeit für Verbrechen, die von einer kriminellen Organisation ausgehen. Der Zuständigkeitsvorschrift über die Bundesgerichtsbarkeit (Art. 340bis Abs. 1 StGB) und dem Tatbestand der kriminellen Organisation (Art. 260ter StGB) liegt der identische Begriff der Verbrecherorganisation zu Grunde (E. 4.1-4.3). Die Strafverfolgungsbehörden des Bundes sind zuständig, wenn ein konkreter Verdacht besteht, dass das Verbrechen von einer solchen Organisation ausgeht (E. 4.4-4.5). Die Anklageschrift braucht sich über die Voraussetzungen der Bundesgerichtsbarkeit nicht zu äussern (E. 6). Die Strafkammer des Bundesstrafgerichts darf die Bundesgerichtsbarkeit nach Anklageerhebung nur aus besonders triftigen Gründen verneinen (E. 7.1). Wird Anklage gegen mehrere Personen als Mittäter oder Teilnehmer oder wegen zusammenhängender Delikte geführt, drängt sich eine gemeinsame Beurteilung der Anklage auf (E. 7.2-8). Regeste Art. 260ter et 340bis al. 1 CP; juridiction fédérale pour les crimes qui sont le fait d'une organisation criminelle. La disposition sur la juridiction fédérale (art. 340bis al. 1 CP) et celle sur l'infraction d'organisation criminelle (art. 260ter CP) reposent sur une notion identique de criminels organisés (consid. 4.1-4.3). Les autorités de poursuites pénales de la Confédération sont compétentes lorsqu'il existe un soupçon concret que le crime est le fait d'une organisation de cette nature (consid. 4.4-4.5). Il n'est pas nécessaire que l'acte d'accusation s'exprime sur la saisine de la juridiction fédérale (consid. 6). Après que l'acte d'accusation a été dressé, la Chambre des affaires pénales du Tribunal pénal fédéral n'est habilitée à nier le bien-fondé de la juridiction fédérale qu'en présence de motifs particulièrement impérieux (consid. 7.1). Lorsque l'accusation est dirigée contre plusieurs coauteurs ou participants, ou concerne des infractions connexes, un examen de l'ensemble des chefs d'accusation s'impose (consid. 7.2-8). Regesto Art. 260ter e 340bis cpv. 1 CP; giurisdizione federale per crimini commessi da un'organizzazione criminale. La nozione di organizzazione di criminali della disposizione sulla giurisdizione federale (art. 340bis cpv. 1 CP) corrisponde a quella del reato di organizzazione criminale (art. 260ter CP) (consid. 4.1-4.3). Qualora sussista un concreto sospetto che il crimine sia stato commesso da una simile organizzazione, la competenza appartiene alle autorità di perseguimento penale della Confederazione (consid. 4.4-4.5). Non è necessario che i presupposti della giurisdizione federale vengano esposti nell'atto d'accusa (consid. 6). Dopo la formulazione dell'atto di accusa, la Corte penale del Tribunale penale federale può negare l'esistenza della competenza giurisdizionale federale solo per motivi particolarmente validi (consid. 7.1). Se l'accusa è diretta contro più correi o compartecipi oppure concerne infrazioni connesse, i capi d'accusa devono essere valutati nel loro insieme (consid. 7.2-8).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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