Nichtigkeitsbeschwerde zulässig bei Nichteintreten wegen fehlender Bundesgerichtsbarkeit; Sache zur neuen Beurteilung zurückgewiesen (Art. 26 lit. a SGG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 132 IV 89 · ATF 132 IV 89 · DTF 132 IV 89
- Datum
- 28.03.2006
- Geschäftsnummer
- BGE 132 IV 89
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 26 LTPF Art. 26 SGG Art. 260ter StGB Art. 307 StGB Art. 340 StGB Art. 340bis StGB
Zusammenfassung
Die Schweizerische Bundesanwaltschaft erhebt Nichtigkeitsbeschwerde gegen einen Nichteintretensentscheid der Strafkammer des Bundesstrafgerichts, welches die Bundesgerichtsbarkeit für Anklagen wegen qualifizierter Betäubungsmittelwiderhandlungen und Anstiftung zu falschem Zeugnis verneinte. Die Vorinstanz stützte sich dabei auf das Fehlen einer kriminellen Organisation im Sinne von Art. 260ter StGB sowie darauf, dass die Zeugenbeeinflussung sich gegen ausländische Behörden gerichtet habe. Der Beschuldigte schliesst auf Abweisung der Beschwerde, während der Generalprokurator des Kantons Bern deren Gutheissung beantragt.
Der Kassationshof des Bundesgerichts heisst die Nichtigkeitsbeschwerde der Bundesanwaltschaft gut und weist die Sache zur Neubeurteilung an die Vorinstanz zurück. Das Gericht stellt zunächst fest, dass die Nichtigkeitsbeschwerde gemäss Art. 1 Abs. 2 und Art. 33 Abs. 3 lit. b SGG zulässig ist, obwohl dem Streit ein Zuständigkeitskonflikt zugrunde liegt. Da die Strafkammer des Bundesstrafgerichts selbst den Konflikt durch ihren Nichteintretensentscheid ausgelöst hat, wäre es unsachgerecht, diesen durch die Beschwerdekammer desselben Gerichts regeln zu lassen.
In der Sache prüft das Bundesgericht die Bundesgerichtsbarkeit nach Art. 26 lit. a SGG i.V.m. Art. 340bis Abs. 1 lit. a StGB. Es hält fest, dass eine einmalige Vereinbarung über die Zuständigkeit zwischen Bundes- und Kantonsbehörden nur dann in Frage gestellt werden darf, wenn sie auf einem eigentlichen Missbrauch des Ermessens beruht. Angesichts der erheblichen Bedeutung des Drogengeschäfts, des multinationalen Kontexts und der professionellen Produktionsstruktur bestand ein sachlicher Hintergrund für die Annahme einer kriminellen Organisation im Sinne von Art. 260ter StGB, weshalb kein Missbrauch vorlag.
Hinsichtlich der Anstiftung zu falschem Zeugnis gemäss Art. 307 StGB bejaht das Bundesgericht die Bundesgerichtsbarkeit gestützt auf Art. 340 Ziff. 1 al. 7 StGB. Massgebend ist, ob ein Verfahren der Bundesrechtspflege betroffen ist. Da die beeinträchtigten Zeugen auf Begehren der Bundesbehörde in Griechenland rechtshilfeweise einvernommen wurden, liegt ein Bezug zur Bundesrechtspflege vor, was die kantonale Zuständigkeitsverneinung widerlegt.
Regeste
Art. 340 f. StGB, Art. 26 lit. a SGG; Bundesgerichtsbarkeit oder kantonale Gerichtsbarkeit. Wenn die Strafkammer des Bundesstrafgerichts die Bundesgerichtsbarkeit verneint und deshalb auf eine Anklage der Bundesanwaltschaft nicht eintritt, ist die eidgenössische Nichtigkeitsbeschwerde ans Bundesgericht zulässig (E. 1). Wenn die eidgenössischen und kantonalen Strafverfolgungsbehörden eine Vereinbarung über die Bundesgerichtsbarkeit getroffen haben, darf die Strafkammer des Bundesstrafgerichts diese nur in Frage stellen, wenn die Vereinbarung auf einem eigentlichen Missbrauch des Ermessens beruht (E. 2). Beim Vorwurf der Anstiftung zu falschem Zeugnis gemäss Art. 307 StGB kommt es für die Frage, ob eidgenössische oder kantonale Gerichtsbarkeit gegeben ist, darauf an, ob ein Verfahren der Bundesrechtspflege oder der kantonalen Rechtspflege betroffen ist (E. 3). Regeste Art. 340 s. CP, art. 26 let. a LTPF; juridiction fédérale ou cantonale. Lorsque la cour des affaires pénales du Tribunal pénal fédéral ne reconnaît pas la juridiction fédérale et donc n'entre pas en matière sur l'acte d'accusation du Procureur général de la Confédération, le pourvoi en nullité au Tribunal fédéral est recevable (consid. 1). Lorsque les autorités de poursuite pénale de la Confédération et des cantons ont trouvé un accord sur la juridiction fédérale, la cour des affaires pénales du Tribunal pénal fédéral ne peut le remettre en cause que si cet accord est le fruit d'un abus du pouvoir d'appréciation (consid. 2). En cas de prévention d'instigation à faux témoignage au sens de l'art. 307 CP, la compétence fédérale ou cantonale dépend de la question de savoir si c'est une procédure fédérale ou cantonale qui est touchée (consid. 3). Regesto Art. 340 segg. CP, art. 26 lett. a LTPF; giurisdizione federale o cantonale. Contro una decisione della Corte penale del Tribunale penale federale, mediante la quale viene negata la giurisdizione federale e di conseguenza l'entrata in materia su di un atto di accusa del Ministero pubblico della Confederazione, è ammissibile il ricorso per cassazione al Tribunale federale (consid. 1). Se le autorità federali e cantonali responsabili del perseguimento penale si sono accordate sulla giurisdizione federale, quest'ultima può essere rimessa in discussione dalla Corte penale del Tribunale penale federale soltanto se l'accordo è frutto di un esercizio propriamente abusivo del potere d'apprezzamento (consid. 2). In caso di istigazione ad una falsa testimonianza giusta l'art. 307 CP, la giurisdizione è federale se il reato concerne un procedimento giudiziario federale, viceversa è cantonale se il reato concerne un procedimento giudiziario cantonale (consid. 3).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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