Türkischer Staatsbürger wegen Rekrutierung für HPG an Deutschland ausgeliefert: Beidseitige Strafbarkeit und Einrede des politischen Delikts verneint (Art. 2 Ziff. 1 EAUe)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 IV 338 · ATF 146 IV 338 · DTF 146 IV 338
- Datum
- 12.06.2020
- Geschäftsnummer
- BGE 146 IV 338
- Abteilung
- CH_BGE_006
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 3 AIMP Art. 35 AIMP Art. 97 BGG Art. 99 BGG Art. 2 CEExtr Art. 3 CEExtr Art. 2 EAUe Art. 3 EAUe Art. 3 EIMP Art. 35 EIMP Art. 3 IRSG Art. 35 IRSG Art. 260ter StGB
Zusammenfassung
Das Bundesamt für Justiz (BJ) beantragte beim Bundesgericht die Aufhebung eines Entscheids des Bundesstrafgerichts, mit dem dieses die Auslieferung eines türkischen Staatsbürgers an Deutschland abgelehnt hatte. Der Beschwerdegegner war beschuldigt, sich als Kader der PKK an einer Vereinigung beteiligt zu haben, deren Zweck oder Tätigkeit darauf gerichtet ist, Mord oder Totschlag zu begehen, insbesondere durch Rekrutierung von Kämpfern für die mit der PKK verbundenen „Volksverteidigungskräfte“ (HPG). Das Bundesstrafgericht hatte die Auslieferung unter anderem mit dem Argument abgelehnt, es fehle an der beidseitigen Strafbarkeit und die Einrede des politischen Delikts sei nicht geprüft worden. Im vorinstanzlichen Verfahren war die Frage der Einrede des politischen Delikts offen geblieben.
Das Bundesgericht hob den Entscheid des Bundesstrafgerichts auf und hiess die Beschwerde des Bundesamts für Justiz gut. Es stellte fest, dass die HPG im fraglichen Zeitraum (2014–2016) aufgrund ihrer Terroranschläge in der Türkei – darunter solche mit zivilen Opfern und Zerstörung ziviler Objekte – prima facie als kriminelle Organisation im Sinne von Art. 260ter Ziff. 1 StGB zu qualifizieren ist. Die vom Beschwerdegegner vorgeworfene Rekrutierung von Kämpfern für die HPG erfüllt daher prima facie den Tatbestand der Unterstützung einer kriminellen Organisation gemäss Art. 260ter Ziff. 1 Abs. 2 StGB. Damit ist die beidseitige Strafbarkeit nach Art. 2 Ziff. 1 EAUe und Art. 35 Abs. 1 lit. a IRSG gegeben. Die Einrede des politischen Delikts nach Art. 3 Ziff. 1 EAUe wurde abgewiesen, weil die Unterstützung einer terroristischen Organisation nicht in einem angemessenen Verhältnis zu politisch legitimen Zielen steht und damit kein relativ politisches Delikt darstellt; das Bundesgericht wendet hier dieselbe Abgrenzung zwischen Terrorismus und legitimem Widerstandskampf an wie bei der Strafbarkeit nach Art. 260ter StGB. Die vom BJ nachträglich eingeholten Stellungnahmen des Nachrichtendienstes des Bundes, der schweizerischen Botschaft in Ankara und des Ministeriums der Justiz und für Europa von Baden-Württemberg waren zulässig, da sie neue Tatsachen darstellen, die erst durch den Entscheid der Vorinstanz ausgelöst wurden (Art. 99 Abs. 1 BGG). Die Sachverhaltsdarstellung im Auslieferungsersuchen war hinreichend konkret und widerspruchsfrei, insbesondere zur Rekrutierung von B. bereits im November 2014, sodass eine Subsumtion unter den Tatbestand der Unterstützung einer kriminellen Organisation möglich ist. Dieses Urteil präzisiert die Prima-facie-Prüfung bei Auslieferungsersuchen wegen Terrorismusvorwürfen und bestätigt die weitgehende Autonomie des Schweizer Rechtshilferichters bei der Qualifizierung terroristischer Gruppierungen im Lichte von Art. 260ter StGB.
Regeste
Art. 2 Ziff. 1 und Art. 3 Ziff. 1 EAUe, Art. 3 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1 lit. a IRSG, Art. 260ter Ziff. 1 StGB; Auslieferung an Deutschland wegen mutmasslicher Unterstützung einer kriminellen Organisation. Beidseitige Strafbarkeit; Einrede des politischen Delikts. Unter den Begriff der kriminellen Organisation gemäss Art. 260ter StGB fallen auch terroristische Gruppierungen. Bei der Abgrenzung zwischen Terrorismus und legitimem Widerstandskampf ist den konkreten Aktivitäten der fraglichen Organisation im Zeitpunkt der verfolgten Straftaten Rechnung zu tragen. Ein wesentlicher Gesichtspunkt ist in diesem Zusammenhang, welchen Stellenwert die Anwendung von Gewalt im Vorgehen der betreffenden Gruppierung besitzt und ob bzw. in welchem Mass davon auch Zivilpersonen oder zivile Einrichtungen betroffen sind (E. 4). Die dem Verfolgten vorgeworfene Rekrutierung von Kämpfern für die mit der PKK in Verbindung stehenden kurdischen "Volksverteidigungskräfte" (HPG) erfüllt prima facie den Tatbestand der Unterstützung einer kriminellen Organisation (E. 5). Einrede des politischen Delikts abgewiesen. Das Bundesgericht trifft in seiner Rechtsprechung in dieser Hinsicht dieselbe Unterscheidung zwischen Terrorismus und legitimem Widerstandskampf, wie sie auch für die Strafbarkeit nach Art. 260ter StGB massgebend ist (E. 7). Regeste Art. 2 ch. 1 et art. 3 ch. 1 CEExtr, art. 3 al. 1 et art. 35 al. 1 let. a EIMP, art. 260ter ch. 1 CP; extradition à l'Allemagne pour soutien présumé à une organisation criminelle. Double incrimination; objection de délit politique. La notion d'organisation criminelle au sens de l'art. 260ter CP comprend aussi les groupements terroristes. Pour distinguer le terrorisme et le combat de résistance légitime, il faut prendre en compte l'activité concrète de l'organisation concernée au moment des faits poursuivis. Dans ce contexte, un critère essentiel est la place du recours à la violence dans l'action du groupement en question et, le cas échéant, la mesure dans laquelle les civils ou les installations civiles sont visés (consid. 4). L'activité reprochée à la personne poursuivie, soit le recrutement de combattants pour l'organisation kurde "Forces de défense du peuple" (HPG), rattachée au PKK, remplit prima facie les éléments constitutifs de soutien à une organisation criminelle (consid. 5). Rejet de l'objection de délit politique. Dans sa jurisprudence, le Tribunal fédéral se fonde à ce propos sur la même distinction entre terrorisme et résistance légitime que celle qui vaut pour la punissabilité selon l'art. 260ter CP (consid. 7). Regesto Art. 2 n. 1 e art. 3 n. 1 CEEstr, art. 3 cpv. 1 e art. 35 cpv. 1 lett. a AIMP, art. 260ter n. 1 CP; estradizione alla Germania per presunto sostegno a un'organizzazione criminale. Doppia punibilità; obiezione di reato politico. Nella nozione di organizzazione criminale ai sensi dell'art. 260ter CP rientrano anche gruppi terroristici. Nella delimitazione tra terrorismo e lotta di resistenza legittima occorre tener conto delle attività concrete dell'organizzazione in questione al momento del perseguimento dei reati. In questo contesto, un criterio essenziale è l'importanza che assume l'utilizzazione della violenza nelle azioni del gruppo interessato e se, rispettivamente in che misura, ne siano toccati anche i civili o impianti civili (consid. 4). Il rimproverato reclutamento di combattenti per le "Forze di difesa del popolo" (HPG) curde, collegate al PKK, adempie prima facie la fattispecie del sostegno a un'organizzazione criminale (consid. 5). Respinta l'obiezione di reato politico. Al riguardo, nella sua giurisprudenza il Tribunale federale opera la stessa distinzione tra terrorismo e lotta di resistenza legittima, come essa è determinante anche per la punibilità secondo l'art. 260ter CP (consid. 7).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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