Auslieferung wegen Unterstützung terroristischer Organisation ANA: Kein politisches Delikt bei schweren Gewaltverbrechen und Angriffen auf Zivilisten (Art. 260ter StGB, Art. 3 EAUe)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 131 II 235 · ATF 131 II 235 · DTF 131 II 235
- Datum
- 28.02.2005
- Geschäftsnummer
- BGE 131 II 235
- Abteilung
- CH_BGE_004
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 2 EAUe Art. 3 EAUe Art. 12 EAUe Art. 14 EAUe Art. 260ter StGB
Zusammenfassung
Serbien-Montenegro beantragte die Auslieferung einer Person, der vorgeworfen wurde, als aktives Mitglied und Koordinator der Albanian National Army (ANA) von der Schweiz aus terroristische Anschläge gegen serbische Sicherheitskräfte sowie zivile Einrichtungen geplant, finanziert und koordiniert zu haben. Der Verfolgte erhob Einsprache und machte geltend, es handle sich um ein politisches Delikt im Rahmen eines bewaffneten Widerstands. Das Bundesamt für Justiz bewilligte die Auslieferung unter Vorbehalt der bundesgerichtlichen Prüfung der politischen Delikt-Einrede.
Das Bundesgericht wies die Verwaltungsgerichtsbeschwerde und die Einrede des politischen Deliktes ab. Die ANA wurde gestützt auf Berichte des Dienstes für Analyse und Prävention sowie des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten als terroristische Organisation im Sinne von Art. 260ter Ziff. 1 StGB qualifiziert, da sie paramilitärisch organisiert war, ihre Zusammensetzung geheim hielt und Gewaltverbrechen zur Destabilisierung der Region Kosovo-Südserbien beging.
Dem Verfolgten wurde konkret vorgeworfen, von der Schweiz aus logistische Unterstützung geleistet zu haben, indem er Anschläge plante, koordinierte, Finanzmittel beschaffte und mit Tätern kommunizierte, ohne physisch vor Ort anwesend gewesen zu sein. Da ihm schwere Gewaltverbrechen wie Tötungsdelikte und Sprengstoffanschläge gegen zivile Infrastruktur (Eisenbahnbrücke in Zvecan) zur Last gelegt wurden, verneinte das Gericht einen politischen Charakter der Tat. Eine Ausnahme für legitimen Widerstand oder offene Bürgerkriegsverhältnisse lag nicht vor, da der Bürgerkrieg formell beendet war und die internationale Gemeinschaft um Befriedung bemüht war. Die Angriffe auf Zivilisten entsprachen zudem typischen Merkmalen terroristischer Aktivitäten gemäss dem Europäischen Übereinkommen zur Bekämpfung des Terrorismus.
Hinsichtlich der beidseitigen Strafbarkeit bestätigte das Gericht, dass der Sachverhalt unter Art. 260ter Ziff. 1 StGB fällt und somit ein auslieferungsfähiges Delikt nach Art. 2 Ziff. 1 EAUe darstellt. Die formellen Anforderungen an die Sachverhaltsdarstellung waren gemäss Art. 12 Ziff. 2 lit. b EAUe erfüllt. Zur Wahrung des Spezialitätsgrundsatzes nach Art. 14 Ziff. 1 EAUe wurde der Auslieferungsentscheid auf jene Sachverhalte eingegrenzt, die auch nach schweizerischem Recht strafbar sind.
Regeste
Art. 2 Ziff. 1, Art. 3 Ziff. 1, Art. 12 Ziff. 2 lit. b und Art. 14 Ziff. 1 EAUe; Art. 1 und 2 EÜBT; Art. 3 Abs. 1 IRSG; Art. 260ter Ziff. 1 StGB. Auslieferungsersuchen von Serbien-Montenegro gegen einen Verfolgten, dem vorgeworfen wird, er habe Nachfolgeorganisationen der kosovo-albanischen Organisation UCK unterstützt, die terroristische Anschläge verübt hätten (s. auch BGE 130 II 337 ff.). Sachverhaltsdarstellung des Ersuchens und weitere Abklärungen der eidgenössischen Behörden (E. 2.10 und 2.11). Begriff der terroristischen Organisation im Sinne von Art. 260ter Ziff. 1 StGB. Auslieferungsvoraussetzung der beidseitigen Strafbarkeit bejaht (E. 2.12-2.14). Einrede des "politischen" Deliktes im Auslieferungsrecht. Abgrenzung zwischen mutmasslichen Terroristen bzw. bewaffneten politischen Widerstandskämpfern und Bürgerkriegsparteien. Einrede der politischen Verfolgung abgewiesen (E. 3.1-3.5). Regeste Art. 2 par. 1, art. 3 par. 1, art. 12 par. 2 let. b et art. 14 par. 1 CEExtr; art. 1 et 2 CERT; art. 3 al. 1 EIMP; art. 260ter ch. 1 CP. Demande d'extradition présentée par la Serbie-Montenegro, concernant un fugitif auquel il est reproché d'avoir soutenu des organisations qui ont pris la relève de l'organisation kosovare albanaise UCK et perpétré des attaques terroristes (voir aussi ATF 130 II 337 ss). Exposé des faits présenté à l'appui de la demande et éclaircissements complémentaires apportés par les autorités fédérales (consid. 2.10 et 2.11). Notion d'organisation terroriste au sens de l'art. 260ter ch. 1 CP. Condition de la double incrimination remplie en l'espèce (consid. 2.12-2.14). Exception du délit "politique" dans le droit de l'extradition. Distinction entre des supposés terroristes, ou des combattants de la résistance politique armée, et des parties à une guerre civile. Exception de la poursuite politique rejetée (consid. 3.1-3.5). Regesto Art. 2 n. 1, art. 3 n. 1, art. 12 n. 2 lett. b e art. 14 n. 1 CEEstr; art. 1 e 2 CERT; art. 3 cpv. 1 AIMP; art. 260ter n. 1 CP. Domanda di estradizione presentata dalla Serbia-Montenegro nei confronti di una persona perseguita per avere sostenuto organizzazioni, succedute all'organizzazione kosovara-albanese UCK, che avrebbero perpetrato attentati terroristici (v. anche DTF 130 II 337 segg.). Esposto dei fatti della domanda e complementi d'informazioni richiesti dalle autorità federali (consid. 2.10 e 2.11). Nozione di organizzazione criminale ai sensi dell'art. 260ter n. 1 CP. Presupposto della doppia punibilità realizzato in concreto (consid. 2.12-2.14). Obiezione di "reato politico" nel diritto estradizionale. Distinzione tra presunti terroristi rispettivamente combattenti della resistenza politica armata e fazioni di una guerra civile. Obiezione del perseguimento politico respinta (consid. 3.1-3.5).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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