Justizze.

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Justizze. Art. 260ter StGB

Bundesgericht

Türkischer Flüchtling in der Schweiz wird wegen Unterstützung der TKP/ML an Deutschland ausgeliefert: Einrede des politischen Delikts verneint, beidseitige Strafbarkeit gegeben (Art. 260ter StGB)

BGE / ATF / DTF
BGE 142 IV 175 · ATF 142 IV 175 · DTF 142 IV 175
Datum
23.02.2016
Geschäftsnummer
1C_644/2015
Abteilung
Beschwerdekammer des Bundesstrafgerichts
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 82 BGG Art. 7 EAUe Art. 12 EAUe Art. 14 EAUe Art. 15 EAUe Art. 23 EAUe Art. 6 EMRK Art. 260ter StGB

Zusammenfassung

Ein türkischer Staatsangehöriger, der in der Schweiz als Flüchtling anerkannt ist, wird von Deutschland wegen mutmasslicher Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung ausgeliefert. Er macht geltend, die ihm zur Last gelegten Vorwürfe seien als politisches Delikt einzustufen, die Sachdarstellung des Ersuchens sei unzureichend und stütze sich auf unzulässige Beweismittel, die beidseitige Strafbarkeit fehle, die deutsche Gerichtsbarkeit sei nicht zuständig, eine Weiterauslieferung an die Türkei drohe und seine Resozialisierung in der Schweiz sei besser. Das Bundesgericht prüft diese Rügen.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde des türkischen Flüchtlings gegen die Auslieferung an Deutschland ab. Der Verfolgte ist seit Ende 2007 in der Schweiz und wurde am 6. August 2010 als Flüchtling anerkannt. Ihm wird vorgeworfen, seit Sommer 2012 Mitglied der linksextremen TKP/ML und deren bewaffnetem Arm TIKKO zu sein, als Gebietsverantwortlicher für die Schweiz zu fungieren und jährlich über 100'000 Franken für die Organisation zu sammeln. Die TKP/ML und TIKKO haben laut Ersuchen Gewaltverbrechen gegen Zivilisten verübt, darunter Sprengstoffattentate mit Kindertoten. Diese Umstände erfüllen nach schweizerischem Recht den Tatbestand der Beteiligung an einer kriminellen Organisation gemäss Art. 260ter Ziff. 1 StGB und der Unterstützung gemäss Art. 260ter Ziff. 1 Abs. 2 StGB. Die Einrede des politischen Delikts nach Art. 3 Ziff. 1 EAUe und Art. 3 Abs. 1 IRSG wird verneint, weil die Gewaltakte nicht als legitimer Widerstand, sondern als terroristische Kriminalität einzustufen sind. Die beidseitige Strafbarkeit nach Art. 2 Ziff. 1 EAUe und Art. 35 Abs. 1 lit. a IRSG ist gegeben, da die Vorwürfe auch nach deutschem Recht strafbar sind. Eine Verletzung von Art. 6 Ziff. 3 EMRK liegt nicht vor, da die Auslieferungsvorschriften keine volle Anwendung der strafprozessualen Garantien vorsehen. Die Rüge der fehlenden Zuständigkeit Deutschlands wird zurückgewiesen, da der Verfolgte auch in Deutschland aktiv war. Die Gefahr einer Weiterauslieferung an die Türkei ist nicht hinreichend substantiiert, da Deutschland die Zustimmung der Schweiz benötigt und an das Non-Refoulement-Gebot gebunden ist. Die Resozialisierungsklausel nach Art. 37 Abs. 1 IRSG ist keine zwingende Hinderungsgrund. Dem Gesuch um unentgeltliche Rechtspflege wird stattgegeben, wobei dem Rechtsvertreter eine Entschädigung von 2'500 Franken ausgerichtet wird. Dieses Urteil ist bemerkenswert, weil es die Abgrenzung zwischen politischem Widerstand und terroristischer Kriminalität im Kontext der TKP/ML klärt und die Anwendbarkeit des politischen Delikts bei internationaler Terrorfinanzierung bestätigt.

Regeste

Art. 2 Ziff. 1 und Art. 3 Ziff. 1 EAUe; Art. 1 und Art. 2 EÜBT; Art. 3 Abs. 1 und Art. 35 Abs. 1 lit. a IRSG; Art. 260 ter Ziff. 1 Abs. 2 StGB. Auslieferung an Deutschland wegen mutmasslicher Unterstützung (insbesondere Finanzierung) einer kriminellen Organisation. Einrede des politischen Deliktes; beidseitige Strafbarkeit. Dem verfolgten türkischen Staatsangehörigen wird im deutschen Auslieferungsersuchen vorgeworfen, er sei Kadermitglied von getarnten Auslandorganisationen der linksextremen Gruppierung TKP/ML. Diese leite und organisiere die in der Türkei aktive regierungsfeindliche Kampforganisation TIKKO. Die Gewaltdelikte, die der TIKKO angelastet werden, lassen sich nicht mehr als "legitimer Befreiungskampf" bzw. als bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen Bürgerkriegsparteien einstufen, weshalb die Einrede des politischen Deliktes abzuweisen ist (E. 4). Eine förmliche gesetzliche Einstufung als terroristische Vereinigung (etwa aufgrund der vom EU-Ministerrat geführten Liste von verbotenen terroristischen Organisationen) bildet kein zwingendes Erfordernis für die Bejahung der beidseitigen Strafbarkeit nach Art. 260 ter StGB. Dem Verfolgten wird insbesondere vorgeworfen, er habe Spendensammlungen (mit jährlichen Einnahmen von über Fr. 100'000.-) organisiert und an Geldtransfers in die Türkei mitgewirkt. Die Spenden seien unter anderem für die Ausrüstung, Ausbildung und Rekrutierung von bewaffneten Kämpfern der TIKKO verwendet worden. Der inkriminierte Sachverhalt erfüllt bei einer "prima facie-Subsumtion" nach Schweizer Recht die Tatbestandsmerkmale der Unterstützung einer kriminellen Organisation (E. 5). Regeste Art. 2 ch. 1 et art. 3 ch. 1 CEExtr.; art. 1 et art. 2 de la Convention européenne pour la répression du terrorisme; art. 3 al. 1 et art. 35 al. 1 let. a EIMP; art. 260 ter ch. 1 al. 2 CP. Extradition en faveur de l'Allemagne en raison de soupçons de soutien (en particulier financier) d'une organisation criminelle. Invocation d'un délit politique; double incrimination. Le citoyen turc concerné par la demande d'extradition de l'Allemagne était soupçonné d'être un cadre d'organisations secrètes à l'étranger du groupe d'extrême gauche TKP/ML. Celui-ci dirigerait et organiserait TIKKO, organisation antigouvernementale de combat active en Turquie. Les délits de violence, qui sont reprochés à TIKKO, ne peuvent plus être considérés comme de "légitimes combats de libération", respectivement comme des conflits armés entre différentes factions de citoyens; c'est pourquoi l'invocation du délit politique doit être rejetée (consid. 4). Une classification formelle dans la loi en tant qu'association terroriste (notamment sur la base de la liste établie par le Conseil des ministres de l'UE des organisations terroristes interdites) ne constitue pas un élément contraignant pour retenir la double incrimination au sens de l'art. 260 ter CP. Il est en particulier reproché au prévenu d'avoir organisé des récoltes de fonds (pour des montants annuels de plus de 100'000 fr.) et d'avoir participé à des transferts d'argent vers la Turquie. Les montants étaient avant tout destinés à l'équipement, la formation et le recrutement des combattants armés de l'organisation TIKKO. Vu l'état de fait, un examen "prima facie" permet de retenir, sous l'angle du droit suisse, que les éléments constitutifs de l'infraction de soutien à une organisation criminelle sont réunis (consid. 5). Regesto Art. 2 n. 1 e art. 3 n. 1 CEEstr; art. 1 e art. 2 della Convenzione europea per la repressione del terrorismo; art. 3 cpv. 1 e art. 35 cpv. 1 lett. a AIMP; art. 260 ter n. 1 cpv. 2 CP. Estradizione alla Germania per presunto sostegno (in particolare finanziario) di un'organizzazione criminale. Eccezione di reato politico; doppia punibilità. Il cittadino turco interessato dalla domanda di estradizione della Germania era sospettato di essere un dirigente di organizzazioni segrete all'estero del gruppo di estrema sinistra TKP/ML. Quest'ultimo dirigerebbe e organizzerebbe TIKKO, un'organizzazione antigovernativa di combattimento attiva in Turchia. I delitti di violenza rimproverati a TIKKO non possono essere considerati come "legittimi combattimenti di liberazione", rispettivamente come conflitti armati tra fazioni di una guerra civile, sicché l'obiezione di reato politico deve essere respinta (consid. 4). Una classificazione formale nella legge quale associazione terrorista (segnatamente sulla base della lista delle organizzazioni terroristiche proibite stabilita dal Consiglio dei ministri dell'UE) non costituisce un requisito obbligatorio per riconoscere la doppia punibilità secondo l'art. 260 ter CP. È in particolare rimproverato alla persona perseguita di avere organizzato una raccolta fondi (con entrate annuali superiori a fr. 100'000.-) e di avere partecipato a trasferimenti di denaro verso la Turchia. Gli importi erano innanzitutto destinati all'equipaggiamento, alla formazione e al reclutamento di combattenti armati dell'organizzazione TIKKO. La fattispecie incriminata adempie, ad un esame "prima facie" sotto il profilo del diritto svizzero, gli elementi costitutivi del reato di sostegno a un'organizzazione criminale (consid. 5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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