Drittauszahlung rückwirkender Ergänzungsleistungen und Krankheitskosten an Sozialhilfebehörde ohne Abtretungserklärung (Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG, Art. 22 Abs. 4 ELV)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 132 V 113 · ATF 132 V 113 · DTF 132 V 113
- Datum
- 11.01.2006
- Geschäftsnummer
- BGE 132 V 113
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Eine versicherte Person bezieht während eines bestimmten Zeitraums Sozialhilfeleistungen, darunter auch einmalige Übernahmen von Krankheits- und Behinderungskosten durch die öffentliche Fürsorgestelle. Später werden für denselben Zeitraum rückwirkend Ergänzungsleistungen zur AHV/IV sowie eine Vergütung der Krankheitskosten zugesprochen. Die zuständige Ausgleichskasse ordnet die direkte Auszahlung dieser nachträglichen Leistungen an die bevorschussende Sozialhilfebehörde an, ohne dass eine ausdrückliche Abtretungserklärung der versicherten Person vorliegt. Die betroffene Person wehrt sich gegen diese Drittauszahlung und macht geltend, dass die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt seien, insbesondere weil die Sozialhilfe nicht explizit im Hinblick auf die späteren Ergänzungsleistungen gewährt worden sei und Krankheitskostenvergütungen nicht unter den Begriff der Vorschussleistungen für den Lebensunterhalt fielen. Zudem wird gerügt, dass die Anordnung der Drittauszahlung im Rahmen einer einzigen Verfügung über jährliche Ergänzungsleistungen dem Gebot der sachlichen Kongruenz widerspreche.
Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab und bestätigt die Rechtmässigkeit der Drittauszahlung an die Sozialhilfebehörde. Gemäss Erwägung 3.3.2 hat Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG keine materiellrechtliche Änderung der bisherigen Ordnung bewirkt; die Regelung dient weiterhin der Vermeidung eines Doppelbezugs zu Lasten des Gemeinwesens. Hinsichtlich des Tatbestandsmerkmals "im Hinblick auf Ergänzungsleistungen" wendet das Gericht in Erwägung 3.2.2 die Rechtsprechung zu Art. 50 Abs. 2 IVG und Art. 85bis IVV analog auf Art. 22 Abs. 4 ELV an. Massgeblich ist dabei die objektive zeitliche Kongruenz der Leistungen, nicht aber die subjektive Kenntnis der Sozialhilfebehörde von einem Leistungsbegehren bei der Versicherung. Eine wörtliche Auslegung würde dem verfassungsmässigen Gleichbehandlungsgrundsatz widersprechen.
In Erwägung 3.2.3 stellt das Gericht klar, dass der Begriff "Vorschussleistungen für den Lebensunterhalt" in Art. 22 Abs. 4 ELV auch die Vergütung von Krankheits- und Behinderungskosten gemäss Art. 3 Abs. 1 lit. b ELG umfasst. Da sowohl die laufenden Lebenshaltungskosten als auch die Krankheitskosten der Sicherstellung der Existenzmittel dienen, besteht sachliche Kongruenz zu den Ergänzungsleistungen. Schliesslich hält das Gericht in Erwägung 3.2.4 fest, dass es nicht gegen das Gebot der sachlichen Kongruenz verstösst, wenn die Drittauszahlung der Krankheitskostenvergütung zusammen mit den jährlichen Ergänzungsleistungen in einer einzigen Verfügung angeordnet wird, da beide Leistungsbestandteile denselben Zweck verfolgen. Das Fehlen einer formellen Abtretungserklärung ist unschädlich, da der Sozialhilfebehörde kraft Art. 22 Abs. 4 ELV ein normativ eindeutig festgelegtes Rückforderungsrecht zusteht.
Regeste
a Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG; Art. 22 Abs. 4 ELV: Drittauszahlung nachträglich zugesprochener Ergänzungsleistungen an die Sozialhilfebehörde. Art. 22 Abs. 2 lit. a ATSG hat zu keiner materiellrechtlichen Änderung der bisher geltenden Ordnung der Drittauszahlung von nachträglich zugesprochenen Ergänzungsleistungen an bevorschussende Sozialhilfeinstitutionen geführt. (Erw. 3.3 und 3.4) Mit Bezug auf die in Art. 22 Abs. 4 ELV enthaltene Formulierung "im Hinblick auf Ergänzungsleistungen" gilt die zu den vergleichbaren Wendungen in Art. 50 Abs. 2 IVG (in der bis 31. Dezember 2002 gültig gewesenen Fassung) und Art. 85bis IVV ergangene Rechtsprechung (BGE 131 V 246 ff. Erw. 5) analog. (Erw. 3.2.2) Regeste b Art. 3 Abs. 1 ELG; Art. 22 Abs. 4 ELV: Drittauszahlung nachträglich gemäss ELG vergüteter Krankheitskosten. Unter "Vorschussleistungen für den Lebensunterhalt" (Art. 22 Abs. 4 ELV) sind auch die Vergütungen von Krankheits- und Behinderungskosten (vgl. Art. 3 Abs. 1 lit. b ELG) zu verstehen. (Erw. 3.2.3) Es verstösst nicht gegen das Gebot der sachlichen Kongruenz, wenn die Drittauszahlung von nachträglich gemäss ELG vergüteten Krankheitskosten nicht in einer separaten Krankheitskostenverfügung, sondern im Rahmen einer Verfügung betreffend Nachzahlung jährlicher Ergänzungsleistungen angeordnet wird. (Erw. 3.2.4) Regeste a Art. 22 al. 2 let. a LPGA; art. 22 al. 4 OPC-AVS/AI: Versement, en mains d'une autorité d'aide sociale, de prestations complémentaires accordées rétroactivement. L'art. 22 al. 2 let. a LPGA n'a pas apporté de modifications matérielles au système en vigueur jusque-là du versement des prestations complémentaires accordées rétroactivement en mains de l'autorité d'aide sociale qui a effectué des avances. (consid. 3.3 et 3.4) Pour interpréter l'expression "en attendant qu'il soit statué sur ses droits aux prestations complémentaires" mentionnée à l'art. 22 al. 4 OPC-AVS/AI, il y a lieu d'appliquer par analogie la jurisprudence rendue à propos des art. 50 al. 2 LAI (dans sa version en vigueur jusqu'au 31 décembre 2002) et 85bis RAI (ATF 131 V 246 ss consid. 5), qui contiennent des formulations similaires. (consid. 3.2.2) Regeste b Art. 3 al. 1 LPC; art. 22 al. 4 OPC-AVS/AI: Versement, en mains de tiers, du montant des frais de maladie remboursés rétroactivement par la LPC. Sous avances consenties à un assuré (art. 22 al. 4 OPC-AVS/AI), on entend également le remboursement des frais de maladie et d'invalidité (cf. art. 3 al. 1 let. b LPC). (consid. 3.2.3) Il n'y a pas de violation du principe de concordance matérielle si le versement, en mains de tiers, du montant des frais de maladie remboursés rétroactivement par la LPC ne se fait pas par le biais d'une décision séparée (prestations complémentaires/remboursement des frais de maladie), mais dans le cadre d'une seule décision portant sur l'allocation de prestations complémentaires annuelles arriérées. (consid. 3.2.4) Regesto a Art. 22 cpv. 2 lett. a LPGA; art. 22 cpv. 4 OPC-AVS/AI: Versamento, nelle mani dell'autorità di assistenza sociale, di prestazioni complementari accordate retroattivamente. L'art. 22 cpv. 2 lett. a LPGA non ha apportato modifiche sostanziali all'ordinamento previgente concernente il versamento, in favore dell'ente assistenziale che ha effettuato degli anticipi, di prestazioni complementari accordate con effetto retroattivo. (consid. 3.3 e 3.4) Per l'interpretazione dell'espressione "in attesa dell'assegnazione di prestazioni complementari" di cui all'art. 22 cpv. 4 OPC-AVS/AI occorre rifarsi per analogia alla giurisprudenza resa a proposito degli art. 50 cpv. 2 LAI (nella sua versione in vigore fino al 31 dicembre 2002) e 85bis OAI (DTF 131 V 246 segg. consid. 5), i quali prevedono delle espressioni equiparabili. (consid. 3.2.2) Regesto b Art. 3 cpv. 1 LPC; art. 22 cpv. 4 OPC-AVS/AI: Versamento, nelle mani di terzi, delle spese di malattia rimborsate retroattivamente in conformità alla LPC. Per "anticipi destinati al [...] sostentamento" (art. 22 cpv. 4 OPC-AVS/AI) si intendono anche i rimborsi delle spese di malattia e d'invalidità (cfr. art. 3 cpv. 1 lett. b LPC). (consid. 3.2.3) Non è contrario al principio di congruenza materiale il fatto che il versamento, in mani di terzi, delle spese di malattia rimborsate retroattivamente in conformità alla LPC non avvenga per mezzo di una decisione separata (concernente il rimborso delle spese di malattia) bensì nell'ambito di una decisione concernente il pagamento di prestazioni complementari annuali arretrate. (consid. 3.2.4)
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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