Unverheirateter Vater ohne gemeinsame elterliche Sorge erhält keine Erziehungsgutschriften in der AHV (Art. 29sexies Abs. 1 AHVG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 130 V 241 · ATF 130 V 241 · DTF 130 V 241
- Datum
- 19.02.2004
- Geschäftsnummer
- BGE 130 V 241
- Abteilung
- CH_BGE_007
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Das Bundesamt für Sozialversicherung ficht einen Entscheid der Kantonalen Rekurskommission Basel an, welcher einem unverheirateten Vater trotz fehlender formeller elterlicher Sorge halbe Erziehungsgutschriften zugesprochen hatte. Der Vater lebte mit der Mutter und den drei gemeinsamen Kindern zusammen und teilte sich die Betreuung hälftig, besass aber nie das alleinige oder gemeinsame Sorgerecht. Die Kinder erhalten nach dem Tod des Vaters Waisenrente, wobei die Anrechnung von Erziehungsgutschriften für dessen Einkommen streitig ist.
Das Bundesgericht heisst die Verwaltungsgerichtsbeschwerde des Bundesamtes für Sozialversicherung gut und stellt fest, dass dem verstorbenen unverheirateten Vater keine Erziehungsgutschriften angerechnet werden dürfen.
Für Versicherungszeiten vor dem 1. Januar 2000 scheidet ein Anspruch aus, da das damalige Recht eine gemeinsame Ausübung der elterlichen Gewalt ausschloss und diese gesetzlich allein der Mutter zustand. Für Zeiten ab dem 1. Januar 2000 setzt Art. 29sexies Abs. 1 AHVG zwingend voraus, dass die Vormundschaftsbehörde die gemeinsame elterliche Sorge gemäss Art. 298a Abs. 1 ZGB tatsächlich übertragen hat. Im vorliegenden Fall fand eine solche behördliche Übertragung nie statt. Das Gericht betont, dass die faktische Aufteilung der Betreuungsarbeit und das Zusammenleben im selben Haushalt nicht genügen, um das formelle zivilrechtliche Erfordernis der elterlichen Sorge zu ersetzen. Auch Gleichheitsüberlegungen greifen nicht, da die Revision des Zivilgesetzbuches unverheirateten Vätern ausdrücklich die Möglichkeit eröffnete, gemeinsam mit der Mutter die elterliche Sorge zu beantragen, wovon hier kein Gebrauch gemacht wurde.
Regeste
Art. 29sexies Abs. 1 AHVG; Art. 298 Abs. 1 und Art. 298a Abs. 1 ZGB: Anspruch des unverheirateten Vaters auf die Anrechnung von Erziehungsgutschriften. Grundlegendes Abgrenzungskriterium bildet die elterliche Sorge (vor 1. Januar 2000: "elterliche Gewalt") im Sinne der Art. 296 ff. ZGB. Bis Ende 1999 liess das schweizerische Recht eine gemeinsame Ausübung der elterlichen Gewalt nicht zu, weshalb dem unverheirateten Vater, welcher mit seinen Kindern und deren Mutter (Inhaberin des Sorgerechts) zusammenlebte und die Hälfte der Kinderbetreuungs- und -erziehungsarbeit verrichtete, für Versicherungszeiten vor dem 1. Januar 2000 von vornherein keine Erziehungsgutschriften angerechnet werden können. Die Anrechnung von Erziehungsgutschriften für spätere Versicherungszeiten setzt voraus, dass die Vormundschaftsbehörde dem unverheirateten Vater (und der Mutter seiner Kinder) die gemeinsame elterliche Sorge nach Art. 298a Abs. 1 ZGB tatsächlich übertragen hat. Regeste Art. 29sexies al. 1 LAVS; art. 298 al. 1 et art. 298a al. 1 CC: Droit du père non marié à la prise en compte de bonifications pour tâches éducatives. Le critère de distinction déterminant est l'autorité parentale au sens des art. 296 ss CC. Jusqu'à la fin de l'année 1999, le droit suisse ne connaissait pas l'exercice de l'autorité parentale conjointe; c'est pourquoi le père non marié, qui faisait ménage commun avec ses enfants et la mère de ces derniers (détentrice de l'autorité parentale) et qui contribuait par moitié à l'éducation et à l'assistance des enfants, ne pouvait se voir attribuer des bonifications pour tâches éducatives pour les périodes d'assurances accomplies avant le 1er janvier 2000. L'attribution de bonifications pour tâches éducatives pour les périodes d'assurance postérieures suppose que l'autorité tutélaire confère effectivement l'autorité parentale conjointe au père non marié (et à la mère de ses enfants) selon l'art. 298a al. 1 CC. Regesto Art. 29sexies cpv. 1 LAVS; art. 298 cpv. 1 e art. 298a cpv. 1 CC: Diritto del padre non sposato all'attribuzione di accrediti per compiti educativi. L'autorità parentale ai sensi degli art. 296 segg. CC costituisce il criterio di distinzione fondamentale. Fino alla fine del 1999 l'ordinamento svizzero non ammetteva l'esercizio congiunto dell'autorità parentale, sicché non è possibile, per i periodi di assicurazione precedenti il 1° gennaio 2000, attribuire degli accrediti per compiti educativi al padre non sposato anche se egli, oltre a convivere con i propri figli e con la loro madre (detentrice dell'autorità parentale), collaborava per metà all'educazione e all'assistenza dei figli. Il computo di accrediti per compiti educativi per periodi assicurativi posteriori presuppone che l'autorità tutoria abbia effettivamente attribuito al padre non sposato (e alla madre dei suoi figli) l'autorità parentale congiunta a norma dell'art. 298a cpv. 1 CC.
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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