Justizze.

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Justizze. Art. 12 OHG

Bundesgericht

Opferhilfe: Fristwahrung trotz unvollständigem Gesuch wegen irreführender behördlicher Aufforderung (Art. 12 OHG, Art. 5 Abs. 3 BV)

BGE / ATF / DTF
BGE 126 II 97 · ATF 126 II 97 · DTF 126 II 97
Datum
15.02.2000
Geschäftsnummer
BGE 126 II 97
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 5 BV Art. 114 OG Art. 12 OHG Art. 16 OHG

Zusammenfassung

Eine Verkehrsunfallopferin reichte beim Kanton Zürich vorsorglich ein Gesuch um Entschädigung und Genugtuung nach dem Opferhilfegesetz ein, da die Ansprüche gegenüber Versicherungen noch nicht geklärt waren. Die Opferhilfestelle forderte sie auf, die Schadenspositionen zu beziffern, verlangte aber keine weiteren Angaben zum Unfallhergang oder zu den Verletzungen. Das Opfer nannte Pauschalbeträge, lieferte jedoch keine Details zu Ort, Ursache, Verletzungsfolgen oder persönlichen Verhältnissen. Die Behörde wies das Gesuch daraufhin als ungenügend substanziiert ab. Das Sozialversicherungsgericht bestätigte diesen Entscheid. Die Beschwerdeführerin rügte die Verletzung von Treu und Glauben sowie die unzulässigen Anforderungen an die Substanziierung eines fristwahrenden Gesuchs.

Das Bundesgericht heisst die Verwaltungsgerichtsbeschwerde gut und weist die Sache zur neuen Beurteilung an die kantonale Direktion der Justiz zurück. Zwar erfüllt das Gesuch der Beschwerdeführerin objektiv nicht die Anforderungen an eine vorsorgliche Anmeldung, da wesentliche Angaben zum Unfallhergang, zu den erlittenen Verletzungen und zu den persönlichen Verhältnissen fehlen. Gemäss Art. 12 OHG in Verbindung mit Art. 16 Abs. 3 OHG ist für die Fristwahrung jedoch keine vollständige Bezifferung des Schadens erforderlich, solange dieser innerhalb der zweijährigen Verwirkungsfrist noch nicht feststeht. Massgebend ist hier, dass die Opferhilfestelle die Beschwerdeführerin in ihrem Schreiben vom 15. September 1997 ausdrücklich nur zur Substanziierung der Schadensposten aufforderte, ohne weitere Angaben zum Sachverhalt zu verlangen. Aufgrund dieser unzutreffenden behördlichen Instruktion verstösst es gegen den Grundsatz von Treu und Glauben gemäss Art. 5 Abs. 3 BV und Art. 9 BV, das Gesuch nunmehr wegen der fehlenden Detailangaben abzuweisen. Das Gesuch vom 10. September 1997 gilt daher im konkreten Fall als fristwahrend. Die Vorinstanz hat der Beschwerdeführerin nun eine angemessene Nachfrist zur Einreichung der noch fehlenden Unterlagen zu setzen und anschliessend über das Sistierungsgesuch zu befinden.

Entscheidend ist die Anwendung von Art. 114 Abs. 2 OG, welche die Rückweisung zur Ergänzung der Akten ermöglicht, nachdem die formelle Fristwahrung aufgrund verfassungsrechtlicher Prinzipien anerkannt wurde.

Regeste

Art. 12 OHG; Pflicht zur Substanziierung und Bezifferung von Entschädigungs- und Genugtuungsansprüchen. Soweit der Schaden oder allfällige Leistungspflichten Dritter innert der zweijährigen Verwirkungsfrist gemäss Art. 16 Abs. 3 OHG nicht feststehen, sind unbezifferte Entschädigungs- und Genugtuungsbegehren zulässig (E. 2a-d). Hingegen muss das Opfer innert der Verwirkungsfrist den anspruchsbegründenden Sachverhalt mit hinreichender Bestimmtheit darlegen (E. 2e und f). Ungenügen des beurteilten Gesuchs mangels näherer Angaben zu Ort, Ursache und genauem Hergang des Unfalls, erlittenen Verletzungen, Schadenabwicklung und persönlichen Verhältnissen des Opfers (E. 3). Art. 4 aBV bzw. 5 Abs. 3 und 9 BV; Folgen einer unzutreffenden behördlichen Aufforderung zur Verbesserung einer Eingabe. Wenn eine Opferhilfestelle nach Einreichung eines Entschädigungs- und Genugtuungsbegehren (zu Unrecht) zur Substanziierung der Schadensposten auffordert, aber keine weiteren Angaben verlangt, so verstösst es gegen Treu und Glauben, das Gesuch hernach mangels solcher weiterer Angaben abzuweisen (E. 4 und 5). Regeste Art. 12 LAVI; obligation de justifier et chiffrer les demandes d'indemnisation. En tant que le dommage ou les éventuelles obligations de réparer de tiers ne sont pas établis dans le délai de péremption de deux ans prévu par l'art. 16 al. 3 LAVI, des demandes d'indemnisation non chiffrées sont recevables (consid. 2a-d). Par contre, dans le délai de péremption, la victime doit exposer avec suffisamment de précision l'état de faits à la base de ses prétentions (consid. 2e et f). Insuffisance de la requête concernée, faute d'indications précises sur le lieu, la cause et le déroulement exact de l'accident, les blessures subies, l'évaluation du dommage et la situation personnelle de la victime (consid. 3). Art. 4 aCst. ou 5 al. 3 et 9 Cst.; conséquences d'une injonction inappropriée de l'autorité, tendant à faire compléter une requête. Le principe de la bonne foi est violé lorsqu'un office d'aide aux victimes, après avoir exigé (sans fondement) la justification des divers éléments du dommage mais sans demander de renseignements supplémentaires, rejette la requête en raison de l'absence de tels renseignements (consid. 4 et 5). Regesto Art. 12 LAV; obbligo di motivare e di specificare in cifre le domande di indennizzo e di riparazione morale. Ove il danno o eventuali terzi tenuti a effettuare prestazioni non sono determinati entro il termine di perenzione di due anni stabilito dall'art. 16 cpv. 3 LAV, domande di indennizzo e di riparazione morale non specificate nelle cifre sono ammissibili (consid. 2a-d). Per contro, entro il termine di perenzione la vittima deve indicare con sufficiente precisione la fattispecie posta a fondamento delle sue pretese (consid. 2e ed f). Insufficienza della domanda per l'assenza di indicazioni più precise sul luogo, la causa e lo svolgimento esatto dell'incidente, sulle ferite subite, sulla liquidazione del danno e sulla situazione personale della vittima (consid. 3). Art. 4 vCost. rispettivamente 5 cpv. 3 e 9 Cost.; conseguenze di un'ingiunzione inesatta dell'autorità tendente a completare un'istanza. Il principio della buona fede è violato qualora un ufficio d'aiuto alle vittime di reati, dopo la presentazione di una domanda di indennizzo e di riparazione morale, inviti (a torto) l'istante a motivare le voci del danno ma, senza chiedere ulteriori indicazioni, respinga in seguito l'istanza per l'assenza di tali indicazioni (consid. 4 e 5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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