Justizze.

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Justizze. Art. 13 OHG

Bundesgericht

Opfer einer Straftat stellt nachträglich Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten aus Opferhilfe: Subsidiaritätsvorbehalt gegenüber unentgeltlicher Rechtspflege entfällt (Art. 4 OHG)

BGE / ATF / DTF
BGE 149 II 246 · ATF 149 II 246 · DTF 149 II 246
Datum
01.01.2023
Geschäftsnummer
BGE 149 II 246
Abteilung
CH_BGE_004
Ausgang
Rückweisung

Tragende Normen

Art. 8 BV Art. 29 BV Art. 5 OAVI Art. 4 OHG Art. 6 OHG Art. 13 OHG Art. 14 OHG Art. 16 OHG Art. 19 OHG Art. 30 OHG Art. 5 OHV

Zusammenfassung

Eine Person, die Opfer einer Straftat wurde, erhob im Strafverfahren keine Forderung auf unentgeltliche Rechtspflege. Nach rechtskräftigem Abschluss des Strafverfahrens stellte sie bei der kantonalen Opferhilfestelle einen Antrag auf Übernahme ihrer Anwaltskosten in Höhe von Fr. 12'294.50. Die Opferhilfestelle wies den Antrag ab, weil das Opfer im Strafverfahren keinen Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege geltend gemacht hatte. Das Verwaltungsgericht bestätigte diese Ablehnung. Dagegen erhob das Opfer Beschwerde beim Bundesgericht. Es war streitig, ob die Opferhilfe subsidiär zur unentgeltlichen Rechtspflege ist und ob ein nachträglicher Antrag auf Kostenübernahme zulässig ist.

Das Bundesgericht hob die Entscheide der kantonalen Behörden auf und verwies die Sache zur Neubeurteilung zurück. Es entschied, dass Anwaltskosten im Strafverfahren ausschliesslich als Soforthilfe oder längerfristige Hilfe im Sinne von Art. 13 OHG geltend gemacht werden können und nicht als Entschädigung nach Art. 19 OHG. Damit ist Art. 5 OHV maßgeblich, der dies ausdrücklich regelt. Weiter stellte das Bundesgericht klar, dass die Subsidiarität der Opferhilfe nach Art. 4 OHG nicht im Verhältnis zur unentgeltlichen Rechtspflege greift. Der Kanton ist sowohl für die unentgeltliche Rechtspflege als auch für die Opferhilfe Schuldner; es handelt sich daher nicht um eine 'andere verpflichtete Person oder Institution' im Sinne von Art. 4 Abs. 1 OHG. Die Gesetzesmaterialien zur Totalrevision des OHG erwähnen den Kanton als primär Leistungspflichtigen nicht, sondern nennen ausdrücklich nur Täter, Versicherungen und ausländische Staaten. Systematisch widerspräche eine Subsidiarität dem Ziel der Gleichstellung aller Opfer gemäss Art. 8 BV und der Regelung in Art. 30 Abs. 3 OHG, wonach Opfer keine Rückzahlungspflicht für unentgeltliche Rechtspflege haben. Teleologisch würde eine Subsidiarität gerade jene Opfer benachteiligen, die finanziell am schlechtesten gestellt sind und deshalb möglicherweise den Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege nicht rechtzeitig geltend machen konnten – mit der Folge, dass sie Sozialhilfe in Anspruch nehmen müssten. Daher kann ein Opfer, das Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hatte, diesen aber im Strafverfahren nicht geltend machte, nachträglich noch bei der Opferhilfestelle den Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten stellen. Die Entscheidung präzisiert die Rechtsprechung zu Art. 4 OHG und stellt klar, dass die frühere Subsidiaritätsrechtsprechung unter der alten Rechtslage nicht mehr gilt.

Regeste

a Art. 13, 14, 16 und 19 OHG; Art. 5 OHV; Opferhilfegesetzgebung; Anwaltskosten des Strafverfahrens. Das Opfer im Sinne der Opferhilfegesetzgebung kann die Anwaltskosten des Strafverfahrens ausschliesslich als Soforthilfe oder als längerfristige Hilfe im Sinne von Art. 13 OHG geltend machen (E. 5). Regeste b Art. 4 Abs. 1 und 2 OHG; keine Subsidiarität der Leistungen aus OHG im Verhältnis zur unentgeltlichen Rechtspflege. Die Subsidiarität der Opferhilfe greift nicht im Verhältnis zur unentgeltlichen Rechtspflege. Ein Opfer, das Anspruch auf unentgeltliche Rechtspflege hat, diesen aber im Strafverfahren nicht geltend macht, kann auch nachträglich noch bei der Opferhilfestelle den Antrag auf Übernahme der Anwaltskosten stellen (E. 12). Regeste a Art. 13, 14, 16 et 19 LAVI; art. 5 OAVI; législation sur l'aide aux victimes d'infraction; frais d'avocat de la procédure pénale. La victime au sens de la législation sur l'aide aux victimes d'infraction ne peut faire valoir la prise en charge des frais d'avocat de la procédure pénale qu'à titre d'aide immédiate ou d'aide à plus long terme au sens de l'art. 13 LAVI (consid. 5). Regeste b Art. 4 al. 1 et 2 LAVI; pas de subsidiarité des prestations fondées sur la LAVI par rapport à l'assistance judiciaire gratuite. Le caractère subsidiaire de l'aide aux victimes d'infraction ne s'applique pas par rapport à l'assistance judiciaire gratuite. Une victime qui peut prétendre à l'octroi de l'assistance judiciaire gratuite, mais qui ne l'a pas demandée dans la procédure pénale, peut encore également conclure ultérieurement à la prise en charge des frais d'avocat auprès de l'instance LAVI (consid. 12). Regesto a Art. 13, 14, 16 e 19 LAV; art. 5 OAVI; legislazione concernente l'aiuto alle vittime di reati; spese di patrocinio del procedimento penale. La vittima ai sensi della legislazione concernente l'aiuto alle vittime di reati può fare valere le spese di patrocinio del procedimento penale esclusivamente come aiuto immediato o come aiuto a più lungo termine ai sensi dell'art. 13 LAV (consid. 5). Regesto b Art. 4 cpv. 1 e 2 LAV; nessuna sussidiarietà delle prestazioni fondate sulla LAV rispetto all'assistenza giudiziaria gratuita. La sussidiarietà dell'aiuto alle vittime è inefficace per rapporto all'assistenza giudiziaria gratuita. Una vittima che ha diritto all'assistenza giudiziaria gratuita, ma che non l'ha chiesta nel procedimento penale, può ancora presentare successivamente una domanda di assunzione delle spese di patrocinio presso l'istanza LAV (consid. 12).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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