Justizze.

Die Schweizer Rechtsdatenbank mit KI.

Justizze. Art. 5 AHVG

Bundesgericht

Unternehmen zahlt Löhne an Geschäftsführer einer GmbH für Impounding-Services: Abgrenzung selbstständige/unselbstständige Erwerbstätigkeit misslingt, Beitragspflicht besteht (Art. 5, 8, 9, 13 AHVG)

Datum
10.04.2017
Geschäftsnummer
9C 748/2016
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 5 AHVG Art. 8 AHVG Art. 9 AHVG Art. 13 AHVG Art. 95 BGG Art. 97 BGG Art. 106 BGG

Zusammenfassung

Die A.________ AG beschwerte sich gegen den Entscheid des Verwaltungsgerichts des Kantons Thurgau, welcher bestätigt hatte, dass die an B.________ für Impounding-Services (Sicherstellung von Gegenständen aus notleidenden Leasingverträgen) ausbezahlten Entgelte als unselbstständige Erwerbstätigkeit zu qualifizieren seien und daher AHV-Beiträge nachzuzahlen seien. Streitig war, ob B.________ – der gleichzeitig vollzeitangestellt bei einem anderen Unternehmen war und dessen Firmen D.________ und F.________ GmbH nur für Gebäudereinigung bzw. Sicherheitsdienste im Handelsregister eingetragen waren – für diese Tätigkeit als selbstständig oder unselbstständig erwerbstätig einzustufen sei. Die Beschwerdeführerin argumentierte, B.________ habe eigene Infrastruktur eingesetzt und sei arbeitsorganisatorisch frei gewesen.

Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und bestätigte die Qualifikation der Entgelte als aus unselbstständiger Erwerbstätigkeit stammend. Es folgte der Vorinstanz, wonach die hohe finanzielle Abhängigkeit von B.________ gegenüber der A.________ AG – erkennbar an den Entgelten von insgesamt über 338'000 Franken brutto in den Jahren 2010 bis 2013 im Vergleich zu lediglich 47'000 Franken aus selbstständiger Tätigkeit – sowie das umfassende Konkurrenzverbot, das B.________ daran hinderte, für Konkurrenten oder direkte Auftraggeber der Beschwerdeführerin tätig zu werden, entscheidend für die Annahme einer unselbstständigen Tätigkeit seien. Weiter stellte das Bundesgericht fest, dass die A.________ AG die wesentliche Infrastruktur – insbesondere die Datenbank "WORK" – bereitstellte und somit die erforderlichen Investitionen trug, während B.________ keine eigenen, beweiskräftigen Investitionen nachweisen konnte. Zudem war D.________ im Handelsregister ausschliesslich für Gebäudereinigung registriert, nicht für Impounding-Services, und die Rechnungen der D.________ wurden ausschliesslich an Reinigungsunternehmen gestellt; dies sprach gegen die Annahme, dass die fraglichen Entgelte als Honorare für selbstständige Tätigkeit im Rahmen dieser Firma zu qualifizieren seien. Schliesslich sah das Bundesgericht das weitgehende Weisungsrecht der A.________ AG als entscheidend an: B.________ war vertraglich verpflichtet, sich strikt an deren Vorschriften und Weisungen zu halten, unterlag der internen Revision, musste über ein versichertes Fahrzeug verfügen und an betriebsinternen Fortbildungsseminaren teilnehmen. Diese Gesamtheit der Umstände – Abhängigkeit, fehlende eigene Infrastruktur, unpassende Firmenzwecksetzung und Weisungsgebundenheit – führte zur Anwendung der Abgrenzungskriterien gemäss Art. 5, 8, 9 und 13 AHVG und zur Feststellung der Beitragspflicht. Die Sachverhaltsfeststellung der Vorinstanz wurde als nicht offensichtlich unrichtig beurteilt (Art. 97 Abs. 1 BGG), ihre Rechtsanwendung als bundesrechtskonform (Art. 95 lit. a, Art. 106 Abs. 1 BGG). Die Gerichtskosten von Fr. 4'000.- wurden der Beschwerdeführerin auferlegt (Art. 65 Abs. 4 lit. a, Art. 66 Abs. 1 Satz 1 BGG). Das Urteil ist bemerkenswert, weil es die Bedeutung der konkreten Ausgestaltung des Auftragsverhältnisses – insbesondere der faktischen Abhängigkeit und Weisungsgebundenheit – für die Beitragspflicht in der AHV unterstreicht, auch wenn formell eine GmbH oder Einzelfirma involviert ist.

Regeste

Alters- und Hinterlassenenversicherung (Beitragspflicht; Abgrenzung selbstständige und unselbstständige Erwerbstätigkeit) | Alters- und Hinterlassenenversicherung

Originalentscheid beim Gericht ↗

Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.

Verwandte Entscheide