Imbissbetrieb mit handschriftlicher Buchführung und Minusbeständen im Kassenbuch: Ermessenseinschätzung der Mehrwertsteuer nach Art. 79 MWSTG 2009 für zulässig erklärt (Art. 79 MWSTG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 151 II 289 · ATF 151 II 289 · DTF 151 II 289
- Datum
- 27.11.2024
- Geschäftsnummer
- 9C_302/2024
- Abteilung
- III. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Eine GmbH, die Imbiss- und Take-away-Filialen betreibt, wurde von der Eidgenössischen Steuerverwaltung (ESTV) wegen unvollständiger und unzuverlässiger Buchführung einer externen Kontrolle unterzogen. Die ESTV stellte fest, dass die Umsätze nur anhand handschriftlicher Notizen monatlich verbucht wurden und das Kassenbuch regelmässig Minusbestände aufwies. Daraufhin nahm die ESTV eine Ermessenseinschätzung vor und stellte einen Mehrwertsteueranspruch von über 134'000 Franken fest, basierend auf einer Bruttogewinnmarge von 67 Prozent, die sie aus einer Stichprobe von 28 vergleichbaren Betrieben ermittelt hatte. Gegen diesen Entscheid erhob die GmbH Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, das die Beschwerde teilweise gut hiess, aber im Kern abwies. Vor dem Bundesgericht rügte die GmbH insbesondere, dass die Vorinstanz die Ermessenseinschätzung nicht uneingeschränkt, sondern mit 'gewisser Zurückhaltung' geprüft habe, was gegen die Rechtsweggarantie verstosse, und dass die herangezogene Bruttogewinnmarge von 67 Prozent offensichtlich unrichtig sei.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde der GmbH ab. Es stellte fest, dass die Voraussetzungen für eine Ermessenseinschätzung nach Art. 79 MWSTG 2009 vorlagen, weil die Geschäftsbücher und Aufzeichnungen der Steuerpflichtigen lückenhaft und unzuverlässig waren: Die Umsätze wurden nur monatlich anhand handschriftlicher Notizen verbucht, und das Kassenbuch wies regelmässige Minusbestände auf. Die ESTV war daher berechtigt und verpflichtet, die fehlenden Umsätze annäherungsweise zu ermitteln. Die ESTV wählte hierfür eine sachgerechte Methode, indem sie eine Stichprobe von 28 Vergleichsbetrieben aus der Untergruppe 'Fast Food, Imbiss, Take-away, Pizzakurier, Kebab und dergleichen' heranzog, die hinsichtlich Tätigkeit, Sortiment und Konkurrenzsituation mit der Steuerpflichtigen vergleichbar waren; der Mittelwert der Bruttogewinnmarge dieser Gruppe betrug 67 Prozent. Die Steuerpflichtige hatte nicht nachweisen können, dass diese Erfahrungszahlen offensichtlich unrichtig waren; ihre eigene 'Döner-Statistik', bei der sie 18 Produkte bei Konkurrenten untersuchte, war nicht repräsentativ und litt an methodischen Mängeln, insbesondere an einer mangelnden Neutralität, da sie von der Steuerpflichtigen selbst durchgeführt wurde. Das Bundesgericht bestätigte zudem, dass die vom Bundesverwaltungsgericht angewandte Prüfungsdichte mit 'gewisser Zurückhaltung' rechtmässig war, da sie sich aus der Natur der Sache ergibt: Die ESTV verfügt über langjährige Erfahrung und Sachverstand, während die Justiz bei der Überprüfung einer annäherungsweisen Ermittlung nicht ohne Not in den Beurteilungsspielraum der Verwaltung eingreifen darf. Die Rechtsweggarantie gemäss Art. 29a BV wird dadurch nicht verletzt, solange die Prüfung nicht auf eine blosse Willkürkontrolle reduziert wird. Die Beschwerde war somit unbegründet. Die Kosten des Verfahrens in Höhe von 6'000 Franken wurden der unterliegenden Beschwerdeführerin auferlegt. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es die langjährig praktizierte Prüfungsdichte bei Ermessenseinschätzungen im Mehrwertsteuerrecht ausdrücklich bestätigt und klärt, dass die steuerpflichtige Person die offensichtliche Unrichtigkeit der Schätzung nachweisen muss.
Regeste
Art. 29 Abs. 1 und 2, Art. 29a BV; Art. 49 VwVG; Art. 37 VGG; Art. 79 Abs. 2 MWSTG 2009; zur Kognition des Bundesverwaltungsgerichts, wenn dieses einen mehrwertsteuerrechtlichen Einspracheentscheid der ESTV zu überprüfen hat, der auf der annäherungsweisen Ermittlung der Steuerfaktoren beruht. Wie jede andere Rechtsmittelbehörde ist das Bundesverwaltungsgericht gehalten, die ihm zukommende Kognition auszuschöpfen. Eine unrechtmässige Kognitionsbeschränkung begründet eine formelle Rechtsverweigerung und kann den Gehörsanspruch sowie die Rechtsweggarantie verletzen (E. 3.3). Der Tatbestand der mehrwertsteuerrechtlichen Ermessenseinschätzung verschafft der ESTV einen Beurteilungsspielraum (Tatbestandsermessen), nicht jedoch einen Handlungsspielraum (Rechtsfolgeermessen). Die Norm ist daher justiziabel. Bei Überprüfung eines Einspracheentscheids, der sich auf eine Ermessenseinschätzung bezieht, darf das Bundesverwaltungsgericht dennoch eine "gewisse Zurückhaltung" üben, indem es lediglich prüft, ob die seitens der ESTV geübte Ermessensbetätigung vertretbar sei (E. 3.3 und 3.4). Regeste Art. 29 al. 1 et 2, art. 29a Cst.; art. 49 PA; art. 37 LTAF; art. 79 al. 2 LTVA 2009; pouvoir d'examen du Tribunal administratif fédéral, lorsque celui-ci doit examiner une décision sur réclamation de l'AFC en matière de TVA, qui repose sur une évaluation approximative des éléments imposables. Comme toute autre autorité de recours, le Tribunal administratif fédéral est tenu d'exercer le pouvoir d'examen qui lui appartient. Une limitation contraire au droit de ce pouvoir d'examen constitue un déni de justice formel et peut violer le droit d'être entendu ainsi que la garantie de l'accès au juge (consid. 3.3). L'état de fait de la taxation par voie d'estimation en matière de TVA confère à l'AFC un pouvoir d'appréciation (appréciation de l'état de fait), mais cependant pas une marge de manoeuvre (pouvoir d'appréciation juridique). La norme est donc justiciable. En cas d'examen d'une décision sur réclamation, qui porte sur une taxation par voie d'estimation, le Tribunal administratif fédéral peut toutefois faire preuve d'une "certaine retenue", en ce sens qu'il examine seulement si le pouvoir d'appréciation exercé par l'AFC est défendable (consid. 3.3 et 3.4). Regesto Art. 29 cpv. 1 e 2, art. 29a Cost.; art. 49 PA; art. 37 LTAF; art. 79 cpv. 2 LIVA 2009; potere di cognizione del Tribunale amministrativo federale quando deve esaminare una decisione di reclamo dell'AFC in materia di IVA basata sulla determinazione approssimativa dei fattori imponibili. Come ogni altra autorità di ricorso, il Tribunale amministrativo federale è tenuto a esercitare il potere di cognizione che gli compete. Una limitazione contraria al diritto del potere di cognizione costituisce un diniego di giustizia formale e può violare il diritto di essere sentito e la garanzia della via giudiziaria (consid. 3.3). La fattispecie della tassazione d'ufficio in materia di IVA conferisce all'AFC un potere d'apprezzamento (apprezzamento degli elementi fattuali), non però un margine di manovra (discrezionalità giuridica). La norma è quindi giustiziabile. In caso di esame di una decisione di reclamo che si riferisce a una tassazione d'ufficio, il Tribunale amministrativo federale può tuttavia esercitare un "certo riserbo", limitandosi a verificare se il potere d'apprezzamento dell'AFC sia giustificabile (consid. 3.3 e 3.4).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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