Oberstaatsanwaltschaft beantragt Qualifikation als mengenmässig schwerer Fall bei wiederholtem Kokainverkauf: Bundesgericht bestätigt gesamthafte Mengenaddition für Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 IV 213 · ATF 150 IV 213 · DTF 150 IV 213
- Datum
- 18.03.2024
- Geschäftsnummer
- BGE 150 IV 213
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Zusammenfassung
Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau erhob Beschwerde in Strafsachen gegen ein Urteil des Obergerichts Aargau, das den Beschwerdegegner A. wegen mehrfacher Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz schuldig sprach, aber nicht als mengenmässig schweren Fall nach Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG qualifizierte. Streitpunkt war, ob bei mehreren rechtlich selbständigen Verkaufshandlungen die Kokainmengen zusammengerechnet werden dürfen, um die Schwelle von 18 Gramm reinem Kokain für einen mengenmässig schweren Fall zu erreichen. Die Vorinstanz hatte dies verneint und nur die einzelnen Mengen je Transaktion berücksichtigt.
Das Bundesgericht hob das Urteil des Obergerichts Aargau auf und wies die Sache zur Neufestsetzung der Strafe zurück. Es entschied, dass bei der Beurteilung eines mengenmässig schweren Falls nach Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG die Betäubungsmittelmengen aus mehreren, gleichzeitig zu beurteilenden, rechtlich selbständigen Widerhandlungen addiert werden müssen, auch wenn diese keine natürliche Handlungseinheit bilden. Diese Rechtsprechung, die bereits unter der alten Fassung des Betäubungsmittelgesetzes etabliert war, bleibt auch unter der nach der Teilrevision 2006/2008 geltenden Fassung bestehen. Das Bundesgericht begründete dies mit dem Sinn und Zweck der Norm, nämlich die strenge Bestrafung des illegalen Betäubungsmittelhandels aufgrund der objektiven Gesundheitsgefahr für viele Menschen, die unabhängig von der Anzahl der Handlungen ist. Es stellte fest, dass A. im Zeitraum Januar 2018 bis 15. März 2019 wiederholt Kokain in Kleinmengen erworben und weiterverkauft hatte, wobei die gesamte Menge deutlich über 18 Gramm reinen Kokains lag. Damit liegt ein mengenmässig schwerer Fall vor, der eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr vorsieht. Die Entscheidung bestätigt die langjährige Rechtsprechung zur gesamthaften Mengenaddition und klärt, dass die Formulierung "Widerhandlung" im Singular in Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG nicht ausschliesst, dass mehrere rechtlich selbständige Handlungen gemeinsam den qualifizierten Tatbestand erfüllen können. Die Kostenfolgen wurden nicht geregelt, da die Sache an die Vorinstanz zurückgewiesen wurde.
Regeste
Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG; mengenmässig schwerer Fall bei wiederholter Tatbegehung. Zur Bestimmung des Vorliegens eines sogenannten mengenmässig schweren Falls im Sinne von Art. 19 Abs. 2 lit. a BetmG sind die Betäubungsmittelmengen, die Gegenstand einzelner, gleichzeitig zu beurteilender Widerhandlungen gegen das Betäubungsmittelgesetz bilden, auch dann zu addieren, wenn die Widerhandlungen rechtlich selbständige Einzelhandlungen und kein zusammengehörendes Geschehen darstellen. Dieses Vorgehen entspricht der langjährigen Rechtsprechung, die das Bundesgericht noch unter altem, vor der Teilrevision 2006/2008 des Betäubungsmittelgesetzes in Kraft gewesenem Recht etabliert hat. Anlass, davon abzuweichen, besteht unter Geltung des aktuellen, mit besagter Teilrevision angepassten qualifizierten Tatbestands von Art. 19 Abs. 2 BetmG nicht (E. 1.4-1.6). Regeste Art. 19 al. 2 let. a LStup; cas grave, circonstance aggravante de la quantité de stupéfiants en présence d'infractions répétées. Pour définir l'existence d'un cas grave au sens de l'art. 19 al. 2 let. a LStup, soit la circonstance aggravante de la quantité, il convient d'additionner les quantités découlant de différentes infractions distinctes qui doivent être jugées en même temps, y compris lorsque ces dernières demeurent juridiquement indépendantes les unes des autres et ne participent pas d'un seul et même complexe de faits. Cette approche correspond à une jurisprudence de longue date, que le Tribunal fédéral avait déjà établie sous l'ancien droit, avant l'entrée en vigueur de la révision partielle de la loi sur les stupéfiants de 2006/2008. Il n'y a pas de motif de s'écarter de cette jurisprudence sous l'empire l'art. 19 al. 2 LStup dans sa teneur actuelle (consid. 1.4-1.6). Regesto Art. 19 cpv. 2 lett. a LStup; caso grave risultante da una quantità di stupefacenti suscettibile di mettere in pericolo la salute di molte persone, ove si tratti di reati ripetuti. Per determinare l'esistenza di caso grave giusta l'art. 19 cpv. 2 lett. a LStup, occorre sommare i quantitativi di stupefacente oggetto delle singole infrazioni alla legge sugli stupefacenti che devono essere giudicate contemporaneamente, anche se i diversi reati costituiscono degli atti giuridicamente indipendenti e non un unico complesso fattuale. Ciò corrisponde a una giurisprudenza pluriennale stabilita dal Tribunale federale già sotto l'egida della previgente legge sugli stupefacenti, antecedente la sua revisione parziale del 2006/2008. Non sussistono ragioni per scostarsene nell'ambito dell'attuale fattispecie qualificata dell'art. 19 cpv. 2 LStup conseguente alla citata revisione parziale (consid. 1.4-1.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
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