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Justizze. Art. 22 RPG

Bundesgericht

Telekommunikationsunternehmen beantragt Aufbruchbewilligung für unterirdische Verbindungsleitung ausserhalb der Bauzone im Uferbereich eines Flusses: Baubewilligungspflicht bleibt bestehen, Art. 35 FMG ist keine Sonderregelung (Art. 22 Abs. 1 RPG)

BGE / ATF / DTF
BGE 150 II 489 · ATF 150 II 489 · DTF 150 II 489
Datum
21.03.2024
Geschäftsnummer
1C_416/2022
Abteilung
I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
Ausgang
Abgewiesen

Tragende Normen

Art. 82 BGG Art. 89 BGG Art. 95 BGG Art. 106 BGG Art. 9 BV Art. 49 BV Art. 35 FMG Art. 22 RPG Art. 24 RPG Art. 25 RPG Art. 25a RPG

Zusammenfassung

Die A.________ AG betreibt in Engelberg ein Festnetz für Telekommunikation und möchte ausserhalb der Bauzonen auf zwei Parzellen eine zusätzliche unterirdische Verbindungsleitung erstellen, um die Kommunikation im hinteren Dorfteil sicherzustellen. Sie beantragte beim Einwohnergemeinderat Engelberg eine Aufbruchbewilligung gemäss Art. 35 des Fernmeldegesetzes (FMG), ohne ein ordentliches oder vereinfachtes Baubewilligungsverfahren durchzuführen. Der Gemeinderat wies das Gesuch implizit ab, indem er feststellte, eine Bewilligung sei nur parallel zu einem ordentlichen Baubewilligungsverfahren möglich. Nach erfolglosen Beschwerden bei Regierungsrat und Verwaltungsgericht des Kantons Obwalden erhob die A.________ AG beim Bundesgericht Beschwerde mit dem Antrag, das Urteil des Verwaltungsgerichts aufzuheben und die Aufbruchbewilligung zu erteilen. Die Gemeinde Engelberg, das Verwaltungsgericht und der Regierungsrat beantragten die Abweisung der Beschwerde.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde der A.________ AG ab. Es stellt fest, dass die geplante unterirdische Fernmeldeleitung ausserhalb der Bauzonen im Uferbereich der Engelberger Aa liegt und daher gemäss Art. 22 Abs. 1 des Bundesgesetzes über die Raumplanung (RPG) einer Baubewilligungspflicht unterliegt. Die Leitung tangiert den Gewässerraum und könnte geschützte Ufergehölze berühren, weshalb ein öffentliches Interesse an einer vorgängigen behördlichen Kontrolle besteht. Die Beschwerdeführerin selbst räumt ein, dass mögliche Umweltauswirkungen von kantonalen Fachstellen beurteilt werden sollten. Art. 35 FMG regelt lediglich die Bewilligung der Sondernutzung von Boden im Gemeingebrauch und stellt keine lex specialis dar, die die allgemeine Baubewilligungspflicht gemäss Art. 22 Abs. 1 RPG ausschliesst. Die Entstehungsgeschichte von Art. 35 FMG zeigt, dass es sich um eine Bewilligung sui generis handelt, die nicht die kantonale Baubewilligungshoheit verdrängt. Auch systematisch fehlt ein Ausschluss kantonaler Kompetenz, wie er etwa bei militärischen Bauten oder Eisenbahnanlagen ausdrücklich vorgesehen ist. Das Bundesrecht verlangt daher für die Leitung zusätzlich zur Sondernutzungsbewilligung gemäss Art. 35 FMG kantonale Bewilligungen, insbesondere gemäss Art. 25 Abs. 2 RPG für zonenwidrige Anlagen und Art. 41c GSchV zum Gewässerschutz. Das ordentliche Baubewilligungsverfahren ist mit der Anforderung eines einfachen und raschen Verfahrens gemäss Art. 35 Abs. 4 FMG vereinbar, da dessen Dauer von fünf bis sechs Wochen als rasch qualifiziert werden kann und Rechtsmittelverfahren auch bei Art. 35-FMG-Bewilligungen nicht ausgeschlossen sind. Die Gerichtskosten von Fr. 6'000.-- werden der unterliegenden Beschwerdeführerin auferlegt. Das Urteil klärt endgültig, dass Art. 35 FMG keine Freistellung von der kantonalen Baubewilligungspflicht bewirkt, sondern diese ergänzt.

Regeste

a Art. 22 Abs. 1 RPG; Baubewilligungspflicht für die Verlegung von Leitungen im Boden. Im Boden ausserhalb der Bauzonen und im Uferbereich eines Flusses verlegte Fernmeldeleitungen sind bewilligungspflichtige Anlagen im Sinne von Art. 22 Abs. 1 RPG (E. 2.1-2.6). Regeste b Art. 35 FMG; Bewilligung der Inanspruchnahme des Bodens im Gemeingebrauch für Fernmeldeleitungen. Allgemeine Grundsätze der Gesetzesauslegung (E. 3.2). Art. 35 FMG ist dahingehend auszulegen, dass er die Bewilligung der Sondernutzung von Boden im Gemeingebrauch für den Bau und den Betrieb von Fernmeldeleitungen und öffentlichen Sprechstellen regelt und zusätzliche Baubewilligungen gemäss Art. 22 Abs. 1 RPG nicht ausschliesst (E. 3.3-3.9). Regeste c Art. 35 Abs. 4 FMG; einfaches und rasches Verfahren. Das in Art. 35 Abs. 4 FMG vorgesehene einfache und rasche Verfahren bezieht sich auf die Bewilligung der Sondernutzung von Boden im Gemeingebrauch gemäss Art. 35 Abs. 1 FMG und nicht auf gemäss Art. 22 Abs. 1 RPG zusätzlich erforderliche Baubewilligungen (E. 4). Regeste a Art. 22 al. 1 LAT; obligation d'obtenir un permis de construire pour la pose de lignes dans le sol. Les lignes de télécommunication posées dans le sol hors des zones à bâtir et sur les rives d'un cours d'eau sont des installations soumises à une autorisation de construire au sens de l'art. 22 al. 1 LAT (consid. 2.1-2.6). Regeste b Art. 35 LTC; autorisation d'utiliser un terrain faisant partie du domaine public pour des lignes de télécommunication. Principes généraux d'interprétation de la loi (consid. 3.2). L'art. 35 LTC doit être interprété en ce sens qu'il règle l'autorisation d'utilisation spéciale d'un terrain qui fait partie du domaine public pour la construction et l'exploitation de lignes de télécommunication et de postes téléphoniques payants publics et qu'il n'exclut pas des autorisations de construire supplémentaires conformément à l'art. 22 al. 1 LAT (consid. 3.3-3.9). Regeste c Art. 35 al. 4 LTC; procédure simple et rapide. La procédure simple et rapide prévue à l'art. 35 al. 4 LTC se rapporte à l'autorisation d'utilisation spéciale d'un terrain qui fait partie du domaine public selon l'art. 35 al. 1 LTC et non aux autorisations de construire supplémentaires requises par l'art. 22 al. 1 LAT (consid. 4). Regesto a Art. 22 cpv. 1 LPT; obbligo di un'autorizzazione edilizia per la posa di linee nel terreno. Le linee di telecomunicazione posate nel terreno al di fuori delle zone edificabili e presso la riva di un fiume sono impianti soggetti ad autorizzazione edilizia ai sensi dell'art. 22 cpv. 1 LPT (consid. 2.1-2.6). Regesto b Art. 35 LTC; autorizzazione per l'utilizzo di terreni di aree di uso comune per linee di telecomunicazione. Principi generali d'interpretazione della legge (consid. 3.2). Art. 35 LTC dev'essere interpretato nel senso ch'esso disciplina l'autorizzazione per l'utilizzo speciale di aree d'uso comune per la costruzione e l'esercizio di linee di telecomunicazione e di telefoni pubblici e che non esclude ulteriori autorizzazioni edilizie ai sensi dell'art. 22 cpv. 1 LPT (consid. 3.3-3.9). Regesto c Art. 35 cpv. 4 LTC; procedura semplice e rapida. La procedura semplice e rapida prevista all'art. 35 cpv. 4 LTC si riferisce all'autorizzazione dell'uso speciale di aree d'uso comune ai sensi dell'art. 35 cpv. 1 LTC, e non alle ulteriori necessarie autorizzazioni edilizie secondo l'art. 22 cpv. 1 LPT (consid. 4).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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