Steuerbehörde versendet Veranlagungsvorschlag per E-Mail an Treuhandfirma ohne Vollmacht: Unterbrechung der Verjährung unwirksam, Besteuerung für 2009 verjährt (Art. 120 Abs. 3 lit. a DBG)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 150 II 26 · ATF 150 II 26 · DTF 150 II 26
- Datum
- 17.11.2023
- Geschäftsnummer
- BGE 150 II 26
- Ausgang
- Gutgeheissen
Tragende Normen
Art. 105 BGG Art. 110 DBG Art. 117 DBG Art. 120 DBG Art. 32 OR Art. 33 OR Art. 8 ZGB
Zusammenfassung
Ein selbständiger Landwirt beantragte beim Bundesgericht die Aufhebung eines kantonalen Entscheids, mit dem seine Beschwerde gegen die Besteuerung seines Einkommens aus dem Verkauf von Bauland im Jahr 2009 abgewiesen worden war. Streitig war, ob die Veranlagung für das Jahr 2009 noch wirksam war oder bereits verjährt war. Die Steuerbehörde hatte einen Veranlagungsvorschlag vom 6. März 2014 per E-Mail an eine Treuhandfirma gesandt, ohne dass eine schriftliche Vollmacht vorlag; diese Firma hatte zuvor lediglich eine Fristerstreckung für die Steuererklärung beantragt. Der Beschwerdeführer bestreitet, jemals Kenntnis vom Veranlagungsvorschlag erlangt zu haben. Die Vorinstanz war davon ausgegangen, dass die Verjährung durch die Zustellung an die Treuhandfirma unterbrochen sei, unabhängig von einer tatsächlichen Kenntnisnahme durch den Steuerpflichtigen.
Das Bundesgericht hob den Entscheid der Vorinstanz auf und erklärte die Besteuerung für das Jahr 2009 für verjährt. Die Verjährung der direkten Bundessteuer für 2009 endete grundsätzlich fünf Jahre nach Ablauf der Steuerperiode, also Ende 2014 (Art. 120 Abs. 1 DBG), und konnte nur durch eine Amtshandlung unterbrochen werden, die der steuerpflichtigen Person zur Kenntnis gebracht wurde (Art. 120 Abs. 3 lit. a DBG). Die Wendung „zur Kenntnis gebracht“ ist analog zur Zustellung auszulegen: entscheidend ist nicht die tatsächliche Kenntnisnahme, sondern das Eindringen der Mitteilung in den Machtbereich des Steuerpflichtigen, sodass Kenntnisnahme nach Treu und Glauben erwartet werden darf (Art. 120 Abs. 3 lit. a DBG, Art. 117 Abs. 1 DBG, Art. 32 OR, Art. 33 Abs. 3 OR, Art. 8 ZGB). Der Veranlagungsvorschlag vom 6. März 2014 wurde jedoch weder direkt an den Beschwerdeführer noch an eine rechtmäßige Steuervertretung zugestellt. Eine Treuhandfirma oder Steuerberatungsfirma können nur dann als Vertreter gelten, wenn eine eindeutige Willenserklärung des Steuerpflichtigen vorliegt; ein einmaliges Fristerstreckungsgesuch genügt hierfür nicht (Art. 117 Abs. 1 DBG, Art. 117 Abs. 2 Satz 2 DBG, Art. 32 OR, Art. 33 Abs. 3 OR). Auch die Tatsache, dass das Schreiben der Steuerberatungsfirma vom 9. April 2014 dem Beschwerdeführer zugegangen war, beweist nicht, dass er dessen Inhalt – insbesondere den Veranlagungsvorschlag – tatsächlich zur Kenntnis genommen hatte. Da die Vorinstanz dies nicht festgestellt hat und in den Akten keinerlei Hinweise darauf bestehen, lag die Beweislast zulasten des Steueramts (Art. 8 ZGB analog), das daher nicht nachweisen konnte, dass die Verjährung vor Ende 2014 wirksam unterbrochen wurde. Damit war die Veranlagung für 2009 verjährt. Das Bundesgericht stellte fest, dass der Entscheid der Vorinstanz Bundesrecht verletzte. Die Entscheidung klärt erstmals umfassend die Voraussetzungen für die Verjährungsunterbrechung durch elektronische Mitteilungen und präzisiert den Nachweisstandard für Steuervertretungsverhältnisse.
Regeste
Art. 117 Abs. 1 und Art. 120 Abs. 3 lit. a DBG; Unterbrechung der Verjährung; Steuervertretungsverhältnisse und Wissenszurechnung. Die Wendung "zur Kenntnis gebracht" in Art. 120 Abs. 3 lit. a DBG ist analog zum Begriff der Zustellung auszulegen (E. 3.5.4). Die Verjährung beginnt nur neu, wenn die Steuerbehörde mit ihrer Amtshandlung oder mit einer Mitteilung darüber in den Machtbereich der steuerpflichtigen oder der mithaftenden Person vordringt, sodass diese von der Amtshandlung Kenntnis nehmen kann und die Kenntnisnahme von ihr nach Treu und Glauben erwartet werden darf. Vorbehalten bleibt der Fall, dass die betroffene Person auf andere Weise tatsächlich Kenntnis vom Inhalt oder zumindest von der Vornahme der Amtshandlung genommen hat (E. 3.5.5). Steuervertretungsverhältnisse erlauben eine Wissenszurechnung; sie können formfrei begründet werden. Aus den Umständen sollte aber nur dann auf ein Steuervertretungsverhältnis geschlossen werden, wenn sie eine eindeutige Willenserklärung der steuerpflichtigen Person erkennen lassen (E. 3.7.1). Ein einmaliges Fristerstreckungsgesuch einer Treuhandfirma für eine steuerpflichtige Person genügt noch nicht (E. 3.7.2). Regeste Art. 117 al. 1 et art. 120 al. 3 let. a LIFD; interruption de la prescription; rapports de représentation en matière fiscale et imputation de la connaissance. Le terme "informe" utilisé à l'art. 120 al. 3 let. a LIFD doit être interprété de façon analogue à la notion de notification (consid. 3.5.4). Un nouveau délai de prescription ne commence à courir que lorsque, par son acte officiel ou par une communication à ce propos, l'autorité fiscale atteint la sphère d'influence du contribuable ou de la personne solidairement responsable avec lui de sorte que celui-ci ou celle-ci puisse prendre connaissance de l'acte officiel et que, selon les règles de la bonne foi, on peut attendre de l'intéressé qu'il en prenne connaissance. Demeure réservé le cas où la personne concernée a effectivement pris connaissance d'une autre façon du contenu ou du moins de l'accomplissement de l'acte officiel (consid. 3.5.5). Les rapports de représentation en matière fiscale permettent une imputation de la connaissance; ils peuvent être établis sans forme particulière. Un rapport de représentation en matière fiscale ne peut toutefois être déduit des circonstances que lorsqu'une déclaration de volonté de la part du contribuable est clairement reconnaissable (consid. 3.7.1). Une unique demande de prolongation de délai d'une société fiduciaire pour un contribuable ne suffit pas (consid. 3.7.2). Regesto Art. 117 cpv. 1 e art. 120 cpv. 3 lett. a LIFD; interruzione del termine di prescrizione; rapporti di rappresentanza in materia fiscale e imputazione della conoscenza. Il termine "comunicato" dell'art. 120 cpv. 3 lett. a LIFD deve essere interpretato in modo analogo al termine "notifica" (consid. 3.5.4). Un nuovo termine di prescrizione ricomincia a decorrere solo quando l'autorità fiscale, con il suo atto ufficiale o con una notifica a tal proposito, entra nella sfera d'influenza del contribuente o della persona solidalmente responsabile con lui, di modo che la persona interessata possa prendere conoscenza dell'atto ufficiale e che, secondo le regole della buona fede, ci si possa attendere che ne prenda conoscenza. Resta riservato il caso in cui la persona interessata ha effettivamente preso conoscenza in altro modo del contenuto o almeno dell'esecuzione dell'atto ufficiale (consid. 3.5.5). I rapporti di rappresentanza in materia fiscale consentono un'imputazione della conoscenza; essi possono essere stabiliti senza alcun requisito formale particolare. Un rapporto di rappresentanza in materia fiscale può tuttavia essere dedotto dalle circostanze solo se una dichiarazione di volontà da parte del contribuente è riconoscibile in modo univoco (consid. 3.7.1). Un'unica richiesta di proroga da parte di una società fiduciaria per un contribuente non è sufficiente (consid. 3.7.2).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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