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Justizze. Art. 394 StPO

Bundesgericht

Beschuldigter beantragt neues psychiatrisches Gutachten im Strafverfahren: Kein drohender Beweisverlust, Beschwerde wegen Ablehnung durch Staatsanwaltschaft nicht zulässig (Art. 394 lit. b StPO)

BGE / ATF / DTF
BGE 149 IV 205 · ATF 149 IV 205 · DTF 149 IV 205
Datum
17.02.2023
Geschäftsnummer
BGE 149 IV 205
Ausgang
Nichteintreten

Tragende Normen

Art. 93 BGG Art. 393 StPO Art. 394 StPO

Zusammenfassung

Ein Beschuldigter erhob Beschwerde gegen die Ablehnung seines Antrags auf ein neues forensisch-psychiatrisches Gutachten durch die Staatsanwaltschaft. Er machte geltend, das bestehende Gutachten vom 8. August 2021 bzw. 1. November 2021 sei fehlerhaft und unvoreingenommen erstellt worden; er befürchtete, es werde in Haftentscheiden herangezogen. Die kantonale Beschwerdekammer trat nicht auf die Beschwerde ein, weil kein drohender Rechtsnachteil im Sinne der strafprozessualen Vorschriften vorliege. Der Beschuldigte legte Beschwerde in Strafsachen beim Bundesgericht ein.

Das Bundesgericht stellte fest, dass die Vorinstanz zu Recht nicht auf die Beschwerde eingetreten ist, weil die Voraussetzung des drohenden Rechtsnachteils gemäss Art. 394 lit. b StPO nicht erfüllt ist. Ein solcher Rechtsnachteil setzt nach ständiger Rechtsprechung eine konkrete Gefahr des Verlusts oder der Zerstörung eines rechtserheblichen Beweismittels voraus – etwa bei hochbetagten oder schwer erkrankten Zeugen oder bei Gutachten, deren Erstellung zu einem späteren Zeitpunkt wegen veränderter Umstände nicht mehr sachdienlich wäre. Im vorliegenden Fall verneinte der Beschwerdeführer selbst ausdrücklich einen drohenden Beweisverlust. Er legte zudem keine substantiierte Begründung dafür vor, warum das bestehende psychiatrische Gutachten vom 8. August 2021 bzw. 1. November 2021 als mangelhaft oder unverwertbar anzusehen sei. Auch hatte er bislang weder die Entfernung des Gutachtens aus den Akten (Art. 141 Abs. 5 StPO), dessen Verbesserung (Art. 189 StPO) noch den Ausstand des Gutachters (Art. 56 ff. StPO) beantragt. Unter diesen Umständen konnte nicht festgestellt werden, dass dem Beschwerdeführer durch die Verweigerung eines neuen psychiatrischen Gutachtens ein Rechtsnachteil im Sinne von Art. 394 lit. b StPO drohte – insbesondere auch nicht in Haftverfahren, in denen psychiatrische Gutachten ohnehin nur summarisch überprüft werden. Damit war die Voraussetzung für die Zulässigkeit der Beschwerde gemäss Art. 393 Abs. 1 lit. a StPO und Art. 394 lit. b StPO nicht erfüllt. Das Bundesgericht hielt fest, dass die Vorinstanz zu Recht die Sachurteilsvoraussetzung von Art. 394 lit. b StPO verneint und auf die Beschwerde nicht eingetreten ist. Die Entscheidung klärt die enge Auslegung des Rechtsnachteils bei Ablehnung von Beweisanträgen durch die Staatsanwaltschaft und unterstreicht die Notwendigkeit einer konkreten, substanziierten Darlegung des drohenden Beweisverlusts.

Regeste

Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG; Art. 182 ff., Art. 393 Abs. 1 lit. a und Art. 394 lit. b StPO; Art. 10 Abs. 2 und Art. 13 Abs. 1 BV; Ablehnung eines Beweisantrags der beschuldigten Person durch die Staatsanwaltschaft; nicht wieder gutzumachender Rechtsnachteil. Der in Art. 394 lit. b StPO genannte Rechtsnachteil ist gleichbedeutend mit dem nicht wieder gutzumachenden Nachteil im Sinne von Art. 93 Abs. 1 lit. a BGG. Die Ablehnung eines Beweisantrags durch die Staatsanwaltschaft kann einen solchen Rechtsnachteil verursachen, wenn eine konkrete Gefahr der Zerstörung oder des Verlusts des betroffenen rechtserheblichen Beweismittels besteht (E. 3.3). Gefahr des Beweisverlusts bei abgelehntem Antrag auf erneute forensisch-psychiatrische Begutachtung der beschuldigten Person im hier beurteilten Fall verneint (E. 3.4 und 3.5). Regeste Art. 93 al. 1 let. a LTF; art. 182 ss, art. 393 al. 1 let. a et art. 394 let. b CPP; art. 10 al. 2 et art. 13 al. 1 Cst.; rejet par le Ministère public d'une réquisition de preuve du prévenu; préjudice irréparable. Le préjudice juridique mentionné dans l'art. 394 let. b CPP équivaut au préjudice irréparable au sens de l'art. 93 al. 1 let. a LTF. Le rejet d'une réquisition de preuve par le Ministère public peut causer un préjudice juridique s'il existe un danger concret de destruction ou de perte du moyen de preuve juridiquement pertinent requis (consid. 3.3). Risque d'une telle perte en raison du refus d'une demande d'une nouvelle expertise médico-légale et psychiatrique du prévenu nié dans le cas d'espèce (consid. 3.4 et 3.5). Regesto Art. 93 cpv. 1 lett. a LTF; art. 182 segg., art. 393 cpv. 1 lett. a e art. 394 lett. b CPP; art. 10 cpv. 2 e art. 13 cpv. 1 Cost.; reiezione di un'istanza probatoria dell'imputato da parte del pubblico ministero; pregiudizio irreparabile. Il pregiudizio giuridico menzionato dall'art. 394 lett. b CPP equivale al pregiudizio irreparabile ai sensi dell'art. 93 cpv. 1 lett. a LTF. La reiezione di un'istanza probatoria da parte del pubblico ministero può causare un simile pregiudizio giuridico quando esiste un pericolo concreto di distruzione o di perdita del mezzo di prova giuridicamente rilevante richiesto (consid. 3.3). Rischio di una tale perdita nel caso di reiezione della domanda di una nuova perizia di psichiatria forense dell'imputato negato nella fattispecie (consid. 3.4 e 3.5).

Originalentscheid beim Gericht ↗

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