Betrieb nutzt ehemaliges Kieswerk seit 2002 als Recyclinganlage in Landwirtschaftszone: Baubewilligung verweigert wegen Verstoßes gegen Schutzziel des Amphibienlaichgebiets von nationaler Bedeutung (Art. 5 Abs. 2 Amphibienlaichgebiete-Verordnung)
- BGE / ATF / DTF
- BGE 146 II 376 · ATF 146 II 376 · DTF 146 II 376
- Datum
- 16.04.2020
- Geschäftsnummer
- 1C_604/2018
- Abteilung
- I. Öffentlich-rechtliche Abteilung
- Ausgang
- Abgewiesen
Tragende Normen
Art. 89 BGG Art. 90 BGG Art. 16 RPG Art. 22 RPG Art. 24 RPG Art. 24a RPG Art. 37a RPG Art. 42 RPV Art. 43 RPV Art. 43a RPV
Zusammenfassung
Eine Unternehmerin betreibt seit rund zwanzig Jahren auf einem Gelände in der Landwirtschaftszone von Kloten eine Recycling-Umschlag- und Sammelstation, ohne dafür eine Baubewilligung eingeholt zu haben. Sie reichte später ein Baugesuch ein, das sowohl die raumplanungsrechtliche als auch die naturschutzrechtliche Bewilligung umfasste. Die kantonalen Behörden erteilten die Bewilligungen, doch hob das Baurekursgericht des Kantons Zürich diese auf, weil das Gelände Teil eines Amphibienlaichgebiets von nationaler Bedeutung sei und ungenügend berücksichtigt worden sei. Das Verwaltungsgericht bestätigte diesen Rückweisungsentscheid. Dagegen erhob die Unternehmerin Beschwerde ans Bundesgericht und beantragte unter anderem die Feststellung des Bestandesschutzes für ihre bestehende Nutzung oder die Bestätigung der erteilten Bewilligungen.
Das Bundesgericht wies die Beschwerde ab und hob die Baubewilligung vom 29. Dezember 2016 auf. Es stellte fest, dass die Umnutzung des ehemaligen Kieswerks zu einer Recycling-Umschlag- und Sammelstation seit ca. 2002 ohne Bewilligung erfolgte und daher bewilligungspflichtig ist, da die Nutzung in der Landwirtschaftszone nicht zonenkonform ist und eine Ausnahmebewilligung nach Art. 24 RPG sowie Art. 37a RPG erforderlich macht. Das Gelände liegt im Bereich A des Amphibienlaichgebiets von nationaler Bedeutung (IANB) Nr. ZH506, wo gemäß Art. 2 AlgV und der Vollzugshilfe zum IANB der Naturschutz strikten Vorrang vor anderen Nutzungen hat. Die Recyclinganlage wirkt sich negativ auf das Biotop aus: Luftbilder zeigen eine Ausdehnung der gewerblichen Nutzung, versiegelte Böden und verstärktes Befahren des Geländes durch Abfalltransporte, was eine erhebliche Gefahr für die dort nachgewiesenen stark gefährdeten Amphibienarten – Gelbbauchunke, Geburtshelferkröte und Kreuzkröte – darstellt. Diese Arten stehen auf der Roten Liste der gefährdeten Amphibien der Schweiz und sind massgeblich auf die Erhaltung dieses Lebensraums angewiesen. Gemäß Art. 6 AlgV ist die Qualität und Eignung des Amphibienlaichgebiets für das langfristige Überleben dieser Arten ungeschmälert zu erhalten; die Recyclinganlage trägt jedoch nicht zum Schutz bei, sondern beeinträchtigt ihn gravierend. Da die Anlage nicht standortgebunden ist und grundsätzlich innerhalb des Siedlungsgebiets realisiert werden muss, sind die Voraussetzungen für eine Abweichung vom Schutzziel nach Art. 7 AlgV nicht erfüllt. Damit steht der Umnutzung ein überwiegendes öffentliches Interesse am Naturschutz entgegen, das gemäß Art. 43a lit. e RPV die Bewilligungsfähigkeit ausschließt. Der Kanton hat zudem bislang weder den Grenzverlauf des Schutzgebiets festgelegt noch Schutzmassnahmen nach Art. 8 AlgV getroffen, doch kann dies nicht länger als Rechtfertigung für die Duldung der Anlage gelten. Die Gerichtskosten von Fr. 4'000.-- werden der Beschwerdeführerin auferlegt, ebenso eine Parteientschädigung von Fr. 4'000.-- an die Beschwerdegegnerinnen. Das Urteil ist bemerkenswert, weil es klargestellt hat, dass bei einem schwerwiegenden Vollzugsdefizit des Kantons im Naturschutz die Bundesbehörden unmittelbar prüfen können, ob eine Baubewilligung mit dem Schutzziel eines IANB-Objekts vereinbar ist – auch ohne parzellenscharfe Abgrenzung – und dabei eine grosszügige Ausdehnung des Schutzgebiets zugrunde legen dürfen, um negative Präjudizien zu vermeiden.
Regeste
Art. 78 Abs. 4 BV; Art. 18a Abs. 1 NHG; Art. 2, Art. 5, Art. 6, Art. 7 AlgV; Art. 24 lit. a, Art. 37a RPG; Art. 43, Art. 43a RPV; fehlende nachträgliche Baubewilligungsfähigkeit eines in der Landwirtschaftszone und in einem Amphibienlaichgebiet von nationaler Bedeutung gelegenen umgenutzten ehemaligen Kieswerks als Recycling-Umschlag- und Sammelstation. Die umstrittene Recyclinganlage liegt im Bereich A des Schutzgebiets des ortsfesten Objekts (Art. 2 AlgV). Dort hat der Naturschutz strikten Vorrang vor anderen Nutzungen (E. 4.5). Aufgrund der hohen Schutzbedürftigkeit des Amphibienlaichgebiets rechtfertigt es sich, die Baubewilligungsfähigkeit der Recyclinganlage zu überprüfen, obschon der Kanton noch keine parzellenscharfe Festlegung des Grenzverlaufs des ortsfesten Objekts gemäss Art. 5 AlgV vorgenommen hat (E. 4.6). Regeste Art. 78 al. 4 Cst.; art. 18a al. 1 LPN; art. 2, art. 5, art. 6, art. 7 OBat; art. 24 let. a, art. 37a LAT; art. 43, art. 43a OAT; impossibilité de délivrer a posteriori une autorisation de construire pour réaffecter en site de recyclage, de transfert et de collecte de déchets, une ancienne gravière située en zone agricole et dans un site de reproduction de batraciens d'importance nationale. L'installation de recyclage litigieuse est située dans le secteur A d'un objet fixe du site protégé (art. 2 OBat). En de tels secteurs, la protection de la nature est strictement prioritaire par rapport aux autres utilisations (consid. 4.5). En raison d'un besoin élevé de protection des sites de reproduction de batraciens, la possibilité de délivrer une autorisation de construire pour l'installation de recyclage doit être examinée alors même que le canton n'a pas encore défini les limites de l'objet fixe à l'échelle parcellaire en vertu de l'art. 5 OBat (consid. 4.6). Regesto Art. 78 cpv. 4 Cost.; art. 18a cpv. 1 LPN; art. 2, art. 5, art. 6, art. 7 OSRA; art. 24 lett. a, art. 37a LPT; art. 43, art. 43a OPT; impossibilità di rilasciare a posteriori un'autorizzazione edilizia per riconvertire quale stazione di riciclaggio, trasbordo e raccolta di rifiuti una ex cava di ghiaia ubicata nella zona agricola e in un sito di riproduzione di anfibi di importanza nazionale. L'impianto di riciclaggio litigioso è ubicato nel settore A della zona di protezione dell'oggetto fisso (art. 2 OSRA). In quel settore la protezione della natura è assolutamente prioritaria rispetto ad altre utilizzazioni (consid. 4.5). A causa dell'elevato bisogno di protezione del sito di riproduzione di anfibi si giustifica di verificare la possibilità di rilasciare un'autorizzazione edilizia per l'impianto di riciclaggio, sebbene il Cantone non abbia ancora delimitato i confini esatti dell'oggetto fisso a livello particellare ai sensi dell'art. 5 OSRA (consid. 4.6).
Originalentscheid beim Gericht ↗
Zusammenfassung, Ausgang und tragende Normen sind maschinell ermittelt und können Fehler enthalten. Massgebend ist der Originalentscheid. Keine Rechtsberatung.
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